{"id":1797,"date":"2013-03-27T12:18:51","date_gmt":"2013-03-27T11:18:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=1797"},"modified":"2024-05-22T13:28:21","modified_gmt":"2024-05-22T12:28:21","slug":"erotisch-skurrile-fabulierkunste","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=1797","title":{"rendered":"Erotisch-skurriles Fabulieren"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/Lesebuch-Mensching1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1799\" title=\"Lesebuch Mensching\" src=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/Lesebuch-Mensching1-185x300.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/Lesebuch-Mensching1-185x300.jpg 185w, https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/Lesebuch-Mensching1.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 185px) 100vw, 185px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Gerhard Mensching<\/em> (1932-1992): Puppenspieler, Germanist und Kinderbuchautor aus Bochum. Und, nicht zuletzt, ein kundiger und findiger Erz\u00e4hler, dessen erotisch-kriminalistischen Buch- Verf\u00fchrungen von poetischem Witz und bezau- bernder Skurrilit\u00e4t gepr\u00e4gt sind. Das Spiel mit Motiven und Gestalten der Literatur(geschichte) ist auf unterhaltsamere \u2013 und zugleich so angenehm diskrete, nicht auftrumpfende \u2013 Weise kaum vorstellbar. Menschings Romane, Short Storys und Kriminalgeschichten erschienen seit 1982 (ein Deb\u00fctant, der also kurz vor seinem 50. Geburtstag stand) in produktiver Eile und Rasanz. Und zwar im hierf\u00fcr trefflich ausgew\u00e4hlten Haffmanns-Verlag, beinahe alle auch in mehreren Auflagen: <em>L\u00f6we in Aspik. Roman<\/em> (1982), <em>Rotk\u00e4ppchen und der Schwan. Drei erotische Humoresken<\/em> (1984), <em>Der Bauch der sch\u00f6nen Schwarzen. Kriminalroman<\/em> (1988), <em>Die violetten Briefe. Drei kriminelle Novellen<\/em> (1989), <em>E.T.A. Hoffmanns letzte Erz\u00e4hlung. Roman<\/em> (1989), <em>Die abschaltbare Frau<\/em>.<em> Roman<\/em> (1991). Der mit Abstand volumin\u00f6ste Roman Menschings tr\u00e4gt ein nicht unbedeutendes Vorbild des Schreibens in und \u00fcber Masken, T\u00e4uschungen, Verwechselungen und (imaginativen) \u00dcberschrei- tungen bereits im Titel: E.T.A. Hoffmann, der Meister des Phantastischen in der deutschen Romantik.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den Erz\u00e4hlungen Gerhard Menschings geht das Mysteri\u00f6se, Geheimnisvolle und Groteske eine lustvoll-respektlose Mesalliance mit dem Erotischen in all seinen vor- und unvorstellbaren Dimensionen ein \u2013 ohne plump, ordin\u00e4r, verkrampft komisch oder germanistisch belehrend zu wirken. Wie spannend, erheiternd und zugleich fesselnd Mensching derartige (Text-)Bindungen literarisch zu inszenieren wusste, mag folgendes Beispiel \u2013 eine durchaus eigenwillige Entf\u00fchrung einer sch\u00f6nen Fremden ins Waldhaus eines Buchautors \u2013 aus der \u201eerotischen Humoreske\u201c <em>Kochrezpte <\/em>demonstrieren:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 60px;\">\u201eDu willst weiter mit verbundenen Augen \u2026?\u201c<br \/>\nKeine Antwort. \u2013 L\u00e4cheln.<br \/>\n\u201eUnd du willst auch nicht reden?\u201c<br \/>\nL\u00e4chelndes Kopfsch\u00fctteln.<br \/>\n\u201eKannst du \u00fcberhaupt reden? Oder bist du stumm?\u201c<br \/>\nEin am\u00fcsiertes M\u00fcndchen, das ich sofort k\u00fcssen mu\u00dfte.<br \/>\nEs blieb dabei. Sie sagte nichts, und wenn sie lachte, dann lachte sie nur mit dem Spiel ihrer Lippen, ihrer H\u00e4nde. So konnte sie mir auch nicht sagen, da\u00df sie mich liebe, w\u00e4hrend ich es ihr hundertmal am Tage gestand. Sie blieb bei mir, und ich redete nicht davon, ob sie gehen m\u00fcsse, ob sie jemand erwarte. Sie k\u00f6nnte es ja sagen, dachte ich. Sie ist bestimmt nicht stumm. Oder etwa doch? W\u00fcrde sie je gehen wollen? Das ist doch absurd: als k\u00fcnstliche Blinde in einem unbekannten Haus mit einem Mann zusammenleben, den man noch nie gesehen hat.<br \/>\nIch schlo\u00df die Haust\u00fcr nicht mehr ab, fuhr auch gelegentlich f\u00fcr kurze Zeit zu kleinen Besorgungen in den n\u00e4chsten Ort. Salate und Obst sollten frisch auf den Tisch. Jedesmal, wenn ich das Haus wieder betrat, hatte ich Herzklopfen: ob sie gegangen war? Nein, sie war da, im Hause oder drau\u00dfen auf einem Gartenstuhl, die Binde vor den Augen.<br \/>\nSie fand sich jetzt gut zurecht und trug im Haus den Kimono oder lief nackt herum. Ihre Blindheit ausnutzen und sie mal \u00fcberraschend anfassen: an den Br\u00fcsten, zwischen den Beinen. Ob sie da nicht mal \u00fcberrascht aufschreien w\u00fcrde? Nein. Sie zuckte zusammen und l\u00e4chelte dann, aber kein Ton war ihrer Kehle zu entlocken.<br \/>\nWir tafelten uns durch alle Ber\u00fchmtheiten hindurch, die ich ins Fre\u00df- und \u00c4rzteb\u00fcchlein aufnehmen wollte: Aal in Bordeaux \u00e0 la Balzac, Zwiebel- suppe \u00e0 la Dumas, Montesquieu-Suppe, Rostbraten Esterh\u00e1zy, Rump- steak Meyerbeer, verlorene Eier \u00e0 la Maupassant. Und dazu kramte ich aus, was mir nur zum Erz\u00e4hlen einfiel. Lauter Sachen von anderen Leuten, nie etwas aus meinem Leben. Der Versuchung, mir eine Biographie zu erfinden, w\u00e4re ich fast erlegen. Schon war ich drauf und dran, mich zu einem Schriftsteller zu machen, der ein Buch schreiben wollte \u00fcber eine Entf\u00fchrung. Ja, aber was wei\u00df denn ein Schriftsteller davon! Das hat er doch nie erlebt. Das denkt er sich doch alles nur aus, saugt es sich aus den Fingern, stellt es sich vor. Und dann sollen die Leute das auch noch glauben. Um nun wirklich zu wissen, was in einem Mann vorgeht, wenn er ganz aberwitzigerweise \u2026 Nein, das habe ich nicht erz\u00e4hlt. Nimm dies Gl\u00fcck, dies ganz verg\u00e4ngliche, dies deshalb so sch\u00f6ne, und erkl\u00e4r keine Ursachen und Hintergr\u00fcnde und frag nicht, ob&#8217;s weitergeht und wie. Es wird enden, das wei\u00dft du selber, bald, bald wird es enden. Mach den Augenblick zur Ewigkeit, nur so kannst du ihn halten! Anekdotische Sommertage, durchzogen von Braten-und Weingeruch, verliebter Hummerduft an Fingern und Lippen, Kirschen, Himbeeren, Champagnersorbet. <em>Praesente amore<\/em> \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcberblick und Einladung zur ausschweifenden Lekt\u00fcre bietet das nun erschienene <em>Gerhard Mensching Lesebuch<\/em>. Neben Ausz\u00fcgen aus allen sechs B\u00fcchern sowie den postum in <em>Komm r\u00fcber <\/em>ver\u00f6ffentlichten Erz\u00e4hlungen pr\u00e4sentiert ein ausf\u00fchr- liches Nachwort Kontexte, Antworten und Nachfragen zu Autor und Werk.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Arnold Maxwill<\/p>\n<p><em>Gerhard Mensching Lesebuch. Zusammengestellt und mit einem Nachwort von Walter G\u00f6dden. Bielefeld: Aisthesis 2013, 175 S., 8,50 \u20ac<\/em><\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D1797&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gerhard Mensching (1932-1992): Puppenspieler, Germanist und Kinderbuchautor aus Bochum. Und, nicht zuletzt, ein kundiger und findiger Erz\u00e4hler, dessen erotisch-kriminalistischen Buch- Verf\u00fchrungen von poetischem Witz und bezau- bernder Skurrilit\u00e4t gepr\u00e4gt sind. Das Spiel mit Motiven und Gestalten der Literatur(geschichte) ist auf unterhaltsamere \u2013 und zugleich so angenehm diskrete, nicht auftrumpfende \u2013 Weise kaum vorstellbar. 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