{"id":1694,"date":"2013-01-21T09:40:25","date_gmt":"2013-01-21T08:40:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=1694"},"modified":"2025-11-05T09:26:03","modified_gmt":"2025-11-05T08:26:03","slug":"mit-einem-rappel-in-den-wald-rennen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=1694","title":{"rendered":"Mit einem Rappel in den Wald"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><em>Den feinen Kokon unserer Alltagszivilisation verlassen \u2013 Oliver Uschmann spricht<\/em><br \/>\n<em> \u00fcber den neuen, gemeinsam mit Sylvia Witt geschriebenen Roman <\/em>Log Out!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><br \/>\nHerr Uschmann, sind Sie ein literarischer Sozialforscher?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Redakteurin und Studentin aus Hildesheim sagte einmal zu mir, ich betreibe \u201eliterarischen Kulturjournalismus\u201c. Das hat mir sehr gefallen. \u201eLiterarischer Sozialforscher\u201c ist auch nicht schlecht, auch wenn ich beim Begriff \u201eSozialforscher\u201c ungute Assoziationen an b\u00e4rtige, rauchende\u00a0M\u00e4nner bekomme, die schon vor ihrer Studie wissen, was sie herausfinden wollen.\u00a0Im Alter der Romanfigur Paul\u00a0bewegte ich mich langsam\u00a0unter\u00a0Marxisten, da wei\u00df ich, wovon ich rede. Heute denke ich: Ideologie ist Idiotie.\u00a0Besonders in der Literatur. Ein \u201eProgramm\u201c verhagelt die Kunst. Nicht aber Humor, satirischer Blick, bewusste \u00dcberspitzung. Kunst darf die aktuelle Wirklichkeit zur Kenntlichkeit verzerren. Die konkrete \u201eSozialforschung\u201c rund um <em>Log Out!<\/em> bestand darin,\u00a0auszutesten, wie ich mich selbst verhalte, wenn ich f\u00fcr eine sehr begrenzte Zeit den\u00a0feinen Kokon\u00a0unserer\u00a0Alltagszivilisation verlasse und versuche, ohne Geld au\u00dferhalb der eigenen vier W\u00e4nde zu \u00fcberleben.<\/p>\n<p><em>Sie haben laut Klappentext das Leben im Wald im Selbstversuch getestet. Wie sah das aus?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Idee entstand noch vor dem Roman. Ich brauche so was manchmal, den Kontakt zur Erde, den Ausbruch aus der Schreibtischflut.\u00a0<!--more-->Meine Frau sagt dann: \u201eLiebchen, wenn du das machen willst, dann mache es.\u201c Sie hatte 2007 ja sogar die Idee zu meiner Barfu\u00dflesereise gehabt, begleitend zum Roman <em>Wandelgermanen<\/em>. Das war etwas \u00c4hnliches. Ich handle dann allerdings impulsiv und sie planerisch. Es hei\u00dft eben nicht nur \u201eLiebchen, mache es\u201c, sondern auch: \u201e\u00dcbe vorher, sonst pellt sich dir nach einem Tag die\u00a0Haut vom Fu\u00df.\u201c Also entwarf Sylvia damals einen \u00dcbungsparcours im Garten,\u00a0mit Trittfeldern aus verschiedenen Kiesel- und Steinsorten. Im Sommer 2011 lief es dann so \u00e4hnlich. \u00dcberdr\u00fcssig vom \u201eInformation Overload\u201c unseres Berufs als \u201eMedienschaffende\u201c schulterte ich den Rucksack f\u00fcr mein sommerliches Survival. Die wichtigsten Informationen zum Leben in und aus dem Wald hatte sie\u00a0allerdings besser parat als ich, obwohl sie daheim blieb und \u2013\u00a0ebenfalls\u00a0wie Paul im Buch \u2013 den halben Hausstand unter Erfindung witziger und r\u00fchrender Produktgeschichten auf eBay verkaufte.\u00a0Ich nahm den Laptop mit auf meine Wanderschaft und begann schnell, ihr davon per UMTS zu schreiben. Die Welt verwandelt sich schlie\u00dflich\u00a0in dem Moment,\u00a0wo sie\u00a0kein Konsumangebot mehr ist, sondern eine \u00dcberlebensressource. Das faszinierte mich. Auch, was mit mir passierte. Hunger macht\u00a0reizbar, wenn man Satiriker\u00a0ist aber auch originell. Es entstanden die kleinen Manifeste, die im Roman Pauls feurige Texte in seinem zivilisationskritischen Blog werden. Erst w\u00e4hrend dieser Zeit entstand die Idee, einen ganzen\u00a0Roman aus diesem Selbstversuch zu machen.<\/p>\n<p><em>Sie haben Ihr neues Buch gemeinsam mit Ihrer Frau Sylvia Witt geschrieben. Wie muss man sich das vorstellen?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist ein offenes Geheimnis, dass wir alle Romane aus unserem Hause gemeinsam schreiben. <em>Log Out!<\/em> war nun der erste, auf dem es endlich draufsteht. <em>Erdenrund<\/em>, der sechste Teil der Reihe <em>Hartmut und ich<\/em>, folgte ihm blo\u00df zwei Monate sp\u00e4ter. Die B\u00fccher haben vieles gemeinsam. Beide thematisieren das Spannungsfeld vom Er-Fahren (oder Er-Wandern) der Welt im w\u00f6rtlichen Sinne\u00a0einerseits und\u00a0der Erschaffung dieser Erfahrung\u00a0durch elektronische Kommunikation und Recherche andererseits. <a href=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/Log-Out1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1700\" title=\"Log Out!\" src=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/Log-Out1-196x300.jpg\" alt=\"\" width=\"196\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/Log-Out1-196x300.jpg 196w, https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/Log-Out1.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 196px) 100vw, 196px\" \/><\/a>Das Internetpublikum in <em>Log Out!<\/em> kann nicht wissen, ob das, was es durch\u00a0Pauls Blogs und Videos erf\u00e4hrt, auf seiner Survivalreise wirklich so passiert.\u00a0Hartmut in <em>Erdenrund<\/em> kann nicht wissen, dass sein bester Freund gar nicht nach Los Angeles ausgewandert ist, sondern blo\u00df depressiv in einem abgedunkelten Bochumer Zimmer hockt und sein ganzes kalifornisches Leben aus Eindr\u00fccken von\u00a0Google Earth, Spielfilmen und einem Videospiel zusammen montiert.\u00a0Beide B\u00fccher spielen au\u00dferdem mit Erz\u00e4hlstimmen und -formen.\u00a0In <em>Erdenrund<\/em> gibt es vier Perspektiven:\u00a0Beide M\u00e4nner und beide Frauen verfassen sozusagen jeweils ihr eigenes Buch. Au\u00dferdem ist Mail-Korrespondenz\u00a0sehr wichtig, wie in der Liebesgeschichte zwischen Paul und Sonja in <em>Log Out!<\/em>, das eben ferner aus Blogbeitr\u00e4gen, Kommentareintr\u00e4gen, Forendiskussionen oder eBay-Auktionsgeschichten besteht.\u00a0Sylvia und ich bauten den Roman nach Ende meiner Outdoor-Erfahrungen aus den vielen Einzeltexten und der simulierten Paul-Sonja-Korrespondenz zusammen. Bei <em>Erdenrund <\/em>f\u00fchlten wir uns aufgrund der Kommunikation zwischen vier in der Welt verstreuten und sich teilweise gegenseitig auch noch anl\u00fcgenden Charakteren noch mehr wie Collage-K\u00fcnstler, die am Ateliertisch ein stimmiges Riesengem\u00e4lde aus lauter\u00a0lebendigen Einzelelementen\u00a0montieren.<\/p>\n<p><em>Paul ist nicht mal zwanzig. Glauben Sie, dass Ihr Buch diese Generation erreicht? Hat Ihre Botschaft eine reale Chance?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da stellt sich erst mal die Frage: Wie lautet diese Botschaft? Nehmen wir mal an, sie lautet \u201eGeh\u2019 raus, erfahre die Welt, betrachte die Kulisse vor der Haust\u00fcr als das spannendste aller Spiele\u201c, denke ich, dass\u00a0sie die junge Zielgruppe erreicht \u2013 wenn sie das Buch einmal in der Hand hat. Genau wie der Vorg\u00e4nger <em>Nicht weit vom Stamm<\/em>, in dem sich der Protagonist wieder vom alkohols\u00fcchtigen\u00a0Schl\u00e4ger in den mutigen Abenteurer und \u201eUnternehmer\u201c\u00a0zur\u00fcckverwandelt, der er als Junge mal war, weil er endlich aufh\u00f6rt, sich selbst zu bestrafen. Junge M\u00e4nner, die das gelesen haben, schreiben uns, wir h\u00e4tten ihr Leben ver\u00e4ndert. Sie m\u00fcssen es allerdings erst mal entdecken. Das ist schwierig, da sich die Titel von Script 5 bei aller Ambition des Verlags im real existierenden Buchhandel irgendwo zwischen den Schubladen der erwachsenen Belletristik und dem reinen Jugendbuch mit seinem zu kindlichen Image verlieren. Sie werden\u00a0in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung nicht zu Diskursb\u00fcchern wie irgendein \u201eGeneration\u00a0XY\u201c-Titel im Sachbuch. Sie funktionieren aber\u00a0intensiv auf der pers\u00f6nlichen Ebene, von Buch zu Individuum.<\/p>\n<p><em>Wird <\/em>Log Out! <em>bereits in irgendwelchen Blogs diskutiert und wie viele Follower haben sie auf Facebook?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der gro\u00dfe Diskurs im Netz blieb aus oben genannten Gr\u00fcnden bislang aus. Wie gesagt, das Buch will erst mal entdeckt werden. Die Facebook-Seite zu Oliver Uschmann hat 2012 \u201eGef\u00e4llt mir\u201c-Angaben. Posten wir dort irgendwas, wird es meistens in den n\u00e4chsten Stunden von\u00a0bis zu\u00a0800 Leuten gelesen, besonders, wenn es sich um einen witzigen Bericht dar\u00fcber handelt, wie ich in der Biom\u00fclltonne meinen verlorenen Schl\u00fcssel suche. Die Fanpage\u00a0zu Oliver Uschmann wird\u00a0von unserem Praktikanten betreut, der sich zu diesem Zweck eine \u201enormale\u201c\u00a0Seite unter dem Namen Paul Planbaum eingerichtet hat (dem Namen der\u00a0Hauptfigur aus <em>Log Out!<\/em>). Das ist und bleibt aber auch die einzige Art und Weise, in der sich dieser Roman in die \u201eWirklichkeit\u201c des Netzes hinein rankt. Anders als bei den aufw\u00e4ndigen Seiten zu <em>Hartmut und ich<\/em> haben wir bei <em>Log Out!<\/em> ganz bewusst darauf verzichtet,\u00a0die Blogseite und die YouTube-Videos aus der Fiktion auch noch tats\u00e4chlich herzustellen. Irgendwo muss Schluss sein. <em>Log Out!<\/em> eben. Sonst renne ich bald wieder mit einem Rappel\u00a0in den Wald.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Fragen stellte Walter G\u00f6dden.<\/p>\n<p><strong>Oliver Uschmann<\/strong> wurde 1977 in Wesel geboren, geh\u00f6rte in der Schule zu den zehn sonderlichsten Sonderlingen und absolvierte seinen Zivildienst im urologischen OP eines katholischen Hospitals. Er arbeitete bei UPS, brach eine Ausbildung zum Buchh\u00e4ndler nach einem Tag ab, studierte Literatur und Englisch an der Ruhr-Uni Bochum und versuchte dort nebenher, als Punks\u00e4nger, Demonstrant und Herausgeber eines zornigen Minimagazins die Revolution zu verursachen. Heute lebt er mit seiner Frau Sylvia Witt samt Katzen und Teichfischen auf dem Land und erschafft mit ihr tagt\u00e4glich neue B\u00fccher, darunter die Romane der <a href=\"http:\/\/www.hartmut-und-ich.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hartmut-und-ich-Reihe<\/a>.<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D1694&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den feinen Kokon unserer Alltagszivilisation verlassen \u2013 Oliver Uschmann spricht \u00fcber den neuen, gemeinsam mit Sylvia Witt geschriebenen Roman Log Out! Herr Uschmann, sind Sie ein literarischer Sozialforscher? 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