{"id":1511,"date":"2012-11-07T17:02:07","date_gmt":"2012-11-07T16:02:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=1511"},"modified":"2025-11-05T09:20:47","modified_gmt":"2025-11-05T08:20:47","slug":"die-freuden-des-handwerks","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=1511","title":{"rendered":"Die Freuden des Handwerks"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Harald Hartung<\/strong> hat seit seinem ersten Gedichtband <\/em>Hase und Hegel<em> (1970) in \u00fcber vierzig Jahren ein bemerkenswertes lyrisches Werk vorgelegt. Vor wenigen Tagen wurde er 80 Jahre alt.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Sch\u00f6nheit und die sprachlichen Finessen der Lyrik brachte Harald Hartung den Lesenden in dieser Republik immer auf zweierlei Weise nahe: als kundiger und kluger Essayist, umsichtig urteilender Rezensent und Hochschuldozent, auf sehr viel eindringlichere Weise jedoch als Schreibender. Dass hierbei eine produktive Verwebung stattfand, l\u00e4sst sich nicht leugnen; dass sie st\u00f6rend auftr\u00e4te, ist nicht zu behaupten. Es ist recht zutreffend, was Hartung vor Jahren im Gespr\u00e4ch mit J\u00fcrgen P. Wallmann einmal \u00e4u\u00dferte: \u201eMeine Gelehrsamkeit halte ich lieber in den Formen und in den Hintergr\u00fcnden als im Vordergrund.\u201c Die fortlaufende Auseinandersetzung mit zeitgen\u00f6ssischen wie auch kanonischen Lyrikerinnen und Lyrikern ist den Gedichten somit angenehmerweise h\u00e4ufig nicht auf den ersten oder zweiten Blick anzumerken. Im Vordergrund der Gedichte Harald Hartungs (um bei dieser Differenzierung zu bleiben) steht vielmehr die schriftliche, also immer nachtr\u00e4gliche, aus der Distanz nochmals fokussierende Besch\u00e4ftigung mit konkreten, sinnlich erfahrbaren Augenblicken.<!--more--> F\u00fcr Hartung, Jahrgang 1932, bedeutet dies nicht zuletzt die Wiederann\u00e4herung an die eigene Vergangenheit, so beispielsweise in seinem letzten Gedichtband <em>Wintermalerei <\/em>(2010). In besagtem Interview konturiert Hartung seine Vorstellungen einer formbewusst-pr\u00e4zisen und zugleich anteilnehmenden Lyrik: \u201eDie Reflexion, das Zur\u00fccktreten, das Tr\u00e4umen und eben auch das Schreiben sind M\u00f6glichkeiten, sich gegen die Angriffe des Lebens und gegen das Zerst\u00f6rerische \u00fcberhaupt zu wehren.\u201c Gerade im Gedicht findet er mittels der Aussparung, der Zuspitzung literarisch M\u00f6glichkeiten, sich bestimmter Wahrnehmungen, Erfahrungen und Eindr\u00fccke anzunehmen, die sonst allzu leicht und unbedacht oder, im Gegenteil, kaum sagbar sind. Der Titel seines Bandes <em>Langsamer tr\u00e4umen <\/em>(2002) ist somit programmatisch zu verstehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Wintermalerei.-Gedichte-2007.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1513\" title=\"Wintermalerei. Gedichte (2010)\" src=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Wintermalerei.-Gedichte-2007-185x300.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Wintermalerei.-Gedichte-2007-185x300.jpg 185w, https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Wintermalerei.-Gedichte-2007.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 185px) 100vw, 185px\" \/><\/a>Lyrik ist ein Kunstprodukt \u2013 an Benns oft zitierter Feststellung h\u00e4lt Hartung unbedingt fest, f\u00fcgt aber in diesem Kontext eine ihm bedeutsame These hinzu: \u201eIn jedem Gedicht, so artifiziell es sich gibt, ist auch ein Mensch verborgen.\u201c Damit ist jedoch weniger das individuelle Schicksal als produktiver Generator des Schreibens gemeint, sondern die jeweils subjektive Ausgestaltung einer eigenen Schreibhaltung, der Verortung im reichhaltigen Korpus der lyrischen Formen. Das ist: Lyrik als Handwerk. Nicht im Sinne eines fest umrissenen, erlernbaren Curriculums, sondern als \u201eWerk der H\u00e4nde\u201c. Hartungs Formulierung klingt verlockend, auch, weil sie mit einer pragmatischen Offenheit und einem (vermeintlich) bescheidenen Anspruch daherkommt. Das \u201eWerk der H\u00e4nde\u201c \u2013 dies weist vor allem auf eine intensive Auseinandersetzung hin, mit einem Thema, mit Fragen der Darstellung und Textkomposition. Es ist auch eine bewusste Entschleunigung, Steigerung der Wahrnehmung und aufmerksame Findigkeit im Weinberg der eigenen Notizen. Das Schreiben der Gedichte geht \u2013 viele werden es aus eigener Erfahrung best\u00e4tigen k\u00f6nnen \u2013 mit einem Entstehenlassen der Gedichte einher. Ganz in diesem Sinne zitiert Harald Hartung in seinen \u201eErfahrungen beim Schreiben von Lyrik\u201c mit dem sch\u00f6nen und zugleich pr\u00e4zisen Titel <em>Der T\u00fcrke hinter dem Automaten oder Die verborgene Regel <\/em>gleich mehrmals Novalis: Sch\u00f6nheit sei \u201eein Erzeugnis von Vernunft und Calcul\u201c. Was in der Lekt\u00fcre der Verse wirksam wird, muss nicht zwangsl\u00e4ufig bemerkbar sein. Zugleich generiert die sprachliche Konzentration in wenigen Versen eine vielseitige Mehrdeutigkeit; eine letztg\u00fcltige Auslegung, eine Zusammenfassung ist gl\u00fccklicherweise nicht m\u00f6glich. Das Gedicht n\u00f6tigt immer wieder neu zum Lekt\u00fcrevollzug:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>Papier auf dem es schneit<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\">Ich k\u00f6nnte stundenlang zusehn<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\">wie es schneit<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\">den Silben des Schneefalls<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\">die Worte bilden und S\u00e4tze<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\">und langsam die B\u00e4ume beschweren<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\">bis alle Zeilen gef\u00fcllt sind<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\">und das Papier wieder wei\u00df<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Wei\u00df auf wei\u00df schreiben. Ins Unscheinbare verschwindend und dennoch fl\u00e4chendeckend vorhanden. Ein vermeintlich bescheidener R\u00fcckzug der Schrift, die doch tats\u00e4chlich m\u00e4chtig wirksam von ihrer Nicht-direkt-sofort-Sichtbarkeit profitiert. Das lesende Auge ist, so k\u00f6nnte man Hartungs Gedicht folgend assoziieren, stets ein ins Unscheinbare, auch Un\u00fcberschaubare schielendes. Diese Kunst der Ablenkung bringt eine ganz andere Form der Aufmerksamkeit hervor. So gewinnt die Literatur ihre mediale und imaginative St\u00e4rke weiterhin aus einer vordergr\u00fcndig-visuellen Kargheit. In Harald Hartungs lakonischer Lyrik findet sich hierf\u00fcr ein vorbildliches Beispiel. Das ist teils nachdenklich, teils heiter. <a href=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Aktennotiz-meines-Engels.-Gedichte-1957-2004-2005.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1514\" title=\"Aktennotiz meines Engels. Gedichte 1957-2004 (2005)\" src=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Aktennotiz-meines-Engels.-Gedichte-1957-2004-2005-192x300.jpg\" alt=\"\" width=\"192\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Aktennotiz-meines-Engels.-Gedichte-1957-2004-2005-192x300.jpg 192w, https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Aktennotiz-meines-Engels.-Gedichte-1957-2004-2005.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 192px) 100vw, 192px\" \/><\/a>Letzteres beweisen auch seine \u201eAufzeichnungen\u201c <em>Der Tag vor dem Abend <\/em>(2012): Neben Reflexionen zur Endlichkeit \u2013 auch im Schreiben (\u201eAufh\u00f6ren ist offenbar schwerer als anfangen\u201c) \u2013 finden sich skeptisch-am\u00fcsierte Beobachtungen zur Gegenwart und Zukunft der Literatur: \u201eWieder einmal hat sich ein Kollege daf\u00fcr bedankt, da\u00df man zu seiner Lesung kam. Noch sind die Autoren nicht dazu \u00fcbergegangen, in ihre B\u00fccher in gewissen Abst\u00e4nden einen Dank f\u00fcrs Lesen einzuf\u00fcgen. Er m\u00fc\u00dfte von Kapitel zu Kapitel l\u00e4nger und inniger werden.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Arnold Maxwill<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Harald Hartung wurde am 29. Oktober 1932 in Herne als Sohn eines Bergmanns geboren. Er wuchs in Herne, M\u00fclheim an der Ruhr und Prag auf. Nach dem Abitur 1954 studierte er Germanistik und Geschichte in M\u00fcnster und M\u00fcnchen und machte 1960 sein Staatsexamen. Er arbeitete als Studienrat und Fachleiter an H\u00f6heren Schulen im Ruhrgebiet, zuletzt in Bochum. Seit 1971 Professor f\u00fcr Deutsche Sprache und Literatur an der P\u00e4dagogischen Hochschule Berlin. 1981-1998 Professor an der Technischen Universit\u00e4t Berlin. 1983-1986 als Nachfolger Walter H\u00f6llerers ehrenamtlicher Direktor des Literarischen Colloquiums Berlin. Harald Hartung ist Mitglied des P.E.N.-Clubs, der Akademie der K\u00fcnste Berlin, der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur und der Deutschen Akademie f\u00fcr Sprache und Dichtung in Darmstadt. Zuletzt erhielt er den <em>Johann-Heinrich-Merck-Preis f\u00fcr literarische Kritik und Essay<\/em> (2009). Neben seinen literarischen Arbeiten ist er Herausgeber der beiden bemerkenswerten Lyrik-Anthologien <em>Luftfracht. Internationale Poesie 1940 bis 1990<\/em> und <em>Jahrhundertged\u00e4chtnis. Deutsche Lyrik im 20. Jahrhundert<\/em>. &#8212; Das Gedicht \u201ePapier auf dem es schneit\u201c ist dem Band <em>Langsamer tr\u00e4umen <\/em>(2002) entnommen.<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D1511&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Harald Hartung hat seit seinem ersten Gedichtband Hase und Hegel (1970) in \u00fcber vierzig Jahren ein bemerkenswertes lyrisches Werk vorgelegt. Vor wenigen Tagen wurde er 80 Jahre alt. 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