{"id":149,"date":"2011-01-14T14:52:38","date_gmt":"2011-01-14T13:52:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=149"},"modified":"2025-11-04T15:27:13","modified_gmt":"2025-11-04T14:27:13","slug":"kunst-geht-nach-brot-zum-tod-von-imo-moszkowicz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=149","title":{"rendered":"&#8222;Kunst geht nach Brot.&#8220; Zum Tod von Imo Moszkowicz"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Am 11. Januar 2011 ist der gro\u00dfe Schauspieler und Regisseur Imo Moszkowicz im Alter von 85 Jahren verstorben. Dem Museum f\u00fcr Westf\u00e4lische Literatur war der geb\u00fcrtige Ahlener verbunden. In Rahmen des Projekts \u201eJ\u00fcdische Schriftsteller und Schriftstellerinnen in Westfalen\u201c veranstaltete Moszkowicz einen Workshop im Kulturgut. Auch eine H\u00f6r-CD mit Klassikern der j\u00fcdischen Literatur- und Geistesgeschichte entstand in Zusammenarbeit. Ulrich Schmidt hat einen Nachruf verfasst:\u00a0\u00a0 <!--more--><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein Vater war ein russischer Schuster, der als Kriegsgefangener des I. Weltkrieges in Ahlen geblieben war. Dort kam Imo Moszkowicz 1925 zur Welt. Das Leben war schon vor 1933 nicht einfach, danach wurde es unertr\u00e4glich. Dem Vater gelang die Ausreise zur Schwester nach Argentinien, die Familie, neben Imo noch 6 weitere Kinder, sollte mit der Mutter nachkommen. F\u00fcr den 10. November 1938 hatten sie Tickets via Hamburg nach Argentinien\u2026 Bis auf Imo Moszkowicz hat niemand \u00fcberlebt. Er musste mit ansehen, wie sein Bruder noch auf der Rampe in Auschwitz erschossen wurde. In Auschwitz \u201ebekam\u201c er eine Schauspielausbildung bei Rolf Feldheim. Er \u00fcberlebt Buna-Monowitz, wird von dort auf einen Todesmarsch geschickt. Die Russen befreien ihn in Reichenberg\/Liberec. Von dort schl\u00e4gt er sich durch nach Ahlen. Warum? Zum einen gab es eine Verabredung, \u201edass wir uns am ersten Sederabend nach dem Krieg in Ahlen bei unserem Tante Treschen treffen.\u201c Das war eine gute Nachbarin. Zum andern, und das ist ein bei vielen \u00dcberlebenden des Holocaust anzutreffendes Motiv: \u201eW\u00e4re ich nicht an den Ort zur\u00fcckgekehrt, wo ich mich zuhause f\u00fchlte, dann h\u00e4tte Hitler mich absolut besiegt.\u201c Zur\u00fcck in Ahlen, strengte er einen Prozess gegen die Brandstifter der Ahlener Synagoge 1938 an. Seine Familie wohnte im Vorderhaus und sah die T\u00e4ter in den Hof laufen. In der ersten Instanz wurden sie verurteilt, in der zweiten freigesprochen. Er hat darauf hin seiner Heimatstadt verbittert den R\u00fccken gekehrt. Sp\u00e4ter hat er sich besonnen, ist immer wieder nach Ahlen gekommen, hat zusammen mit seiner Tochter, der Schauspielerin Daniela Dadieu, in Schulen gelesen. 2006 wurde er zum Ehrenb\u00fcrger ernannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch er blieb nicht lange in Ahlen. Das Theater rief ihn zuerst nach Warendorf, dann nach G\u00fctersloh: \u201eIch war vermutlich der erste j\u00fcdische Schauspieler nach dem Krieg in Deutschland\u201c, bemerkte er dazu sehr trocken. Er war dann bis 1954\u00a0 Regieassistent bei Gr\u00fcndgens in D\u00fcsseldorf. 1954 bringt er seine ersten eigenen Inszenierungen heraus. In Bielefeld. Erst \u201eDie Caine war ihr Schicksal\u201c. Die Presse sieht ein \u201eLehrst\u00fcck der Remilitarisierung\u201c, hat an der Regieleistung freilich nichts auszusetzen. Das zweite St\u00fcck, \u201eDer Privatsekret\u00e4r\u201c, erh\u00e4lt ein gro\u00dfes Lob: \u201eRecht anspruchsvoll und zum Zuh\u00f6ren zwingend.\u201c Unmittelbar danach reiste Imo Moszkowicz nach S\u00fcdamerika, um dort im Auftrag des Ausw\u00e4rtigen Amtes insgesamt 5 Theaterst\u00fccke zu inszenieren. Er wusste schon damals, dass es sich um \u201eHeimwehtheater\u201c handelte, dass er inszenieren w\u00fcrde vor Emigranten, die vor und nach dem II: Weltkrieg gekommen waren. Er lernte dort seine Frau Renate kennen, Tochter eines steirischen SS-Hauptsturmf\u00fchrers.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zur\u00fcckgekommen, begann eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Karriere: Schauspiel. Oper, Operette, Fernsehen \u2013 kein Medium, kein Genre mochte auf ihn verzichten, keinem verweigerte er sich. Warum auch? Er hatte Ideen, er konnte sie umsetzen: \u201eIch war in jenen Jahren persona grata, denn ich habe ja das Fernsehen mit erfunden.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beim Auschwitzprozess verweigerte er die Aussage. Stattdessen lud er Richter und Staatsanw\u00e4lte in seine Inszenierung des Hochhuth-Dramas &gt;Der Stellvertreter&lt; ein. Sie kamen, weil sie seine Begr\u00fcndung akzeptierten: \u201eIch wollte nicht in einem Raum sein, nicht eine Luft mit denen atmen, die mich umbringen wollten.\u201c Der Stellvertreter war \u00fcbrigens das einzige, dezidiert politische St\u00fcck seiner Regiekarriere. 1983 gab es einen Karriereknick. Er sollte in Bad Hersfeld inszenieren. Zur gleichen Zeit vergn\u00fcgten sich dort die Altnazis aus der HIAG. Ein Appell an den Hersfelder B\u00fcrgermeister fruchtete eben so wenig wie an Bundespr\u00e4sident Carstens. Die HIAG durfte bleiben, Imo Moszkowicz ging. Anstatt Angeboten zur Arbeit brachte die Post Drohbriefe. Die von HIAG-Leuten ausgesprochene Drohung, man habe einen langen Arm, bewahrheitete sich. Sp\u00e4testens jetzt musste er den Realit\u00e4tsgehalt des Lessingschen Diktums anerkennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Imo Moszkowicz war der erste Deutsche, der in Israel Siegfried Lenz\u2018 Drama &gt;Zeit der Schuldlosen&lt; inszenierte, er war der erste, der einen Film \u00fcber Theodor Herzl drehte. Er war oft in Israel, hat dort, aber nicht nur dort, u.a. mit Esther und Abi Ofarim gearbeitet. F\u00fcr seine Bem\u00fchungen um Auss\u00f6hnung erhielt von der Universit\u00e4t Jerusalem den Scopus Award, eine der h\u00f6chsten Auszeichnungen, die Israel verleiht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Ende\u00a0 seines Berufslebens drehte er die letzte Staffel mit Pumuckl, nachdem er seinen j\u00fcngsten\u00a0 Enkel gefragt hatte: \u201eJa, am Theater und beim Film ist es gelegentlich so, dass f\u00fcr eine Geliebte oder einen Freund oder so Produkte erzeugt werden \u2013 genau das habe ich f\u00fcr meinen Enkel getan.\u201c Da war er dann wieder einmal in seiner \u201egelegentlichen k\u00fcnstlerischen Heimat, dem Unterhaltungstheater\u201c zuhause. Zu dieser \u00dcberzeugung stand er Zeit seines Lebens. Und das keineswegs wegen seiner tristen Vergangenheit, wie ihm das schon mal unterstellt wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 11. Januar 2011 ist Imo Moszkowicz in Ottobrunn bei M\u00fcnchen gestorben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lese und H\u00f6rtipps:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der grauende Morgen<\/em>, M\u00fcnchen: Boer 1996<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Zauberfl\u00f6tenzauber. Reflexionen eines Regisseurs<\/em>, Mentis 2005<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Schlussklappe. Ein Protokoll von Hoffnung und Verzagen<\/em>, mentis, Paderborn 2007,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em> \u201eImmer lebe ich in diesem Missverh\u00e4ltnis \u2026\u201c<\/em>. Einblicke in Leben und Werk des Regisseurs und Autors Imo Moszkowicz. M\u00fcnster: Landschaftsverband Westfalen-Lippe 2006. (Tonzeugnisse zur westf\u00e4lischen Literatur. 6.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00dcber wackelige Stege<\/em> \u2013 Erinnerungen an Ahlen. Geschrieben und gelesen von Imo Moszkowicz, Mentis 2007.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Von j\u00fcdischen Dichtern und Denkern<\/em> Paderborn: Mentis 2007<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D149&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 11. Januar 2011 ist der gro\u00dfe Schauspieler und Regisseur Imo Moszkowicz im Alter von 85 Jahren verstorben. Dem Museum f\u00fcr Westf\u00e4lische Literatur war der geb\u00fcrtige Ahlener verbunden. In Rahmen des Projekts \u201eJ\u00fcdische Schriftsteller und Schriftstellerinnen in Westfalen\u201c veranstaltete Moszkowicz einen Workshop im Kulturgut. 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