{"id":1409,"date":"2012-10-08T16:40:43","date_gmt":"2012-10-08T15:40:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=1409"},"modified":"2025-12-17T08:56:34","modified_gmt":"2025-12-17T07:56:34","slug":"wortgewaltige-wiederbelebung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=1409","title":{"rendered":"Wortgewaltig wiederbelebt"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die Bl\u00e4tter fallen, es herbstet vor den Fenstern und nicht wenige nutzen den Tag der Deutschen Einheit zum Kampf gegen das permanente Schlafdefizit. Dabei h\u00e4tte alles auch ganz anders kommen k\u00f6nnen \u2013 und wir s\u00e4\u00dfen auch am 3. Oktober wie gew\u00f6hnlich schlaftrunken in fr\u00fch- morgendlicher Dunkelheit, auf dem Weg zur Arbeit&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ostberlin 2011:<\/strong> Wiedervereinigung? Fehlanzeige. Dieses verr\u00fcckte Experiment fand 1989 ganz schnell ein Ende. Bevor auch die letzten Genossen abhauen, zaubert Egon Krenz die \u201eWiederbelebung\u201c aus dem Hut: die Mauer rasch wieder hochgezogen und die ostdeutschen B\u00fcrger mit sozialistischen Konsumartikeln verw\u00f6hnt. 22 Jahre sp\u00e4ter ist die DDR aber endg\u00fcltig pleite. H\u00f6chste Zeit f\u00fcr Verhandlungen mit Bundeskanzler Oskar Lafontaine. Doch dann taucht die Leiche eines ehemaligen Wirtschaftsberaters auf. Einsatz f\u00fcr: Martin Wegener, Hauptkommissar der Volkspolizei. Eigenbr\u00f6tler, Liebesversehrter, Durchwurschtler. Aber: ausgestattet mit einem genialisch-detektivischen Sp\u00fcrsinn. Mit und in dieser Republik ist er \u00e4lter geworden. Die mit Raps\u00f6l betankten DDR-Kisten machen das ganze Land zur Frittenbude \u2013 und das dringt durch alle Poren irgendwann auch ins Gem\u00fct.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Roman <em>Plan D<\/em> beginnt wie er endet, mit einer sehr m\u00e4nnlichen Handlung:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\">Wegener \u00f6ffnete den Rei\u00dfverschluss der Cordhose, zog mit zwei Fingern seinen Penis heraus und entspannte sich. Ein paar Sekunden war es vollkommen still, dann prasselte der hei\u00dfe Urin auf das trockene Laub, immer schubweise, ein Schwall versiegte, dann kam der neue, wuchs zu einem dampfenden Bogen und verk\u00fcmmerte wieder, wurde vom n\u00e4chsten abgel\u00f6st. Wegener stellte sich breitbeiniger hin, z\u00e4hlte mit, zum zehnten, zum elften, zum zw\u00f6lften Mal baute sich der d\u00fcnne Strahl auf, kr\u00fcmmte sich und ging ein, pl\u00f6tzlich unterbrochen, dann tr\u00f6pfelte es nur noch.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tr\u00f6pfeln wird das Urin auch auf der letzten Seite des Romans, dann allerdings in eben jene Cordhose hinein, die Oberschenkel hinunter, warm und sprudelnd, besch\u00e4mend und befreiend zugleich. Diese minimale Differenz mag, nach der Lekt\u00fcre r\u00fcckblickend, ein zutreffendes Sinnbild sein; zwischen den Buchdeckeln aus dem Sch\u00f6ffling-Verlag steckt jedoch noch bedeutend mehr: Rasanz, Witz, Wortgewalt. Simon Urbans Romandeb\u00fct ist rappelvoll mit grandiosen Einf\u00e4llen, clever konstruiert, realistisch und absurd zugleich, mit akribischer Fantasie bis ins Detail. Die Finten und Volten des Plots sind so zahlreich, dass sie hier nicht einzeln aufzuz\u00e4hlen sind; vor der Kulisse einer DDR im 21. Jahrhundert gelingt Urbans Roman ein unterhaltsames und spannendes Szenario, dessen Auseinandersetzung mit deutsch-deutscher Geschichte von befreiender Leichtigkeit, ungeb\u00e4ndigter Erz\u00e4hlfreude und frechem Zynismus gepr\u00e4gt sind. Hierzu tragen neben dem Figurenpersonal, der erzwungenen Kooperation Wegeners mit seinem westdeutschen Kollegen Richard Brendel (der so ziemlich all das ist, was die M\u00e4ngelerscheinung Wegener nicht ist) und den zahlreichen Seitenhieben auf unsere Gegenwart (Figuren namens Gregor Gysi, Sahra Wagenknecht und Dietmar Dath werden am Wegesrand sichtbar) ma\u00dfgeblich die Kreativit\u00e4t und Sprachlust des Autors bei. Insbesondere in der scheinbar unersch\u00f6pflichen Kreation moderner Markenprodukten des Realsozialismus (der Werbetexter Urban erzielt hier unzweifelhaft gro\u00dfen narrativen Profit).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber so erfolgsgarantierend die Troika von Politik, Sex und Gewalt auch daherkommt: teils leisten die adjektivische und die metaphorische Textgenerierung eine allzu eifrige \u00dcbererf\u00fcllung, einen ungewollten \u00dcberschlag des Effekts. Urbans Erstling verausgabt sich auf 551 Seiten sprachlich teils sehr, aber: ihm geht die Puste nicht aus. Die Pointen z\u00fcnden, das Timing und Tempo der Dialoge stimmt (meistens). Das ist ungeheure Leistung und auch Genuss bei der Lekt\u00fcre. Nur ab und zu ist der permanente Wille zur schlagfertig-wortgewandten Komik nicht zu \u00fcberlesen. Und trotzdem: dem Figurenpersonal scheint dies kaum zu schaden; Abnutzungserscheinungen kaum vorhanden \u2013 von wie vielen dickleibigen Thrillern bzw. Romanen zur deutsch-deutschen Geschichte lie\u00dfe sich dies schon behaupten? Wem dies nun vielleicht zu sehr nach postmodernistischer Konstruktionsmeierei klingt, sei beschwichtig und beruhigt: Im Vordergrund agiert eine Lust am Erz\u00e4hlen, die alle Finessen der Sprache spielerisch zu bew\u00e4ltigen und einzusetzen wei\u00df. So eine fies \u00e4tzende und hellsichtig grantelnde (Kopf-)Stimme wie die Josef Fr\u00fcchtls w\u00fcnscht man der deutschen Gegenwartsliteratur h\u00e4ufiger. Mit aller wohlmeinenden Neugier darf man gespannt sein, wie Simon Urban nach diesem volumin\u00f6sen und zugleich schnittigen Frachtschiff seinen n\u00e4chsten Text vom Stapel laufen l\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Arnold Maxwill<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Simon Urban: <em>Plan D.<\/em> Roman. Frankfurt am Main 2011. \u2013 Sehr zu empfehlen ist ebenfalls ein Blick auf Urbans ideenreich gestaltete <a href=\"http:\/\/www.simonurban.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Homepage<\/a>.<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D1409&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Bl\u00e4tter fallen, es herbstet vor den Fenstern und nicht wenige nutzen den Tag der Deutschen Einheit zum Kampf gegen das permanente Schlafdefizit. Dabei h\u00e4tte alles auch ganz anders kommen k\u00f6nnen \u2013 und wir s\u00e4\u00dfen auch am 3. 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