{"id":14,"date":"2010-12-20T15:18:07","date_gmt":"2010-12-20T14:18:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/?p=14"},"modified":"2025-11-04T15:25:20","modified_gmt":"2025-11-04T14:25:20","slug":"krieg-streiks-und-serienkiller-ein-gesprach-mit-dem-materialistischen-apokalyptiker-der-internationalen-krimikunst-david-peace-anlaslich-seiner-lesung-in-nottbeck-im-oktober-2010","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=14","title":{"rendered":"Krieg, Streiks und Serienkiller"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Hallo Herr Peace:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Was\u00a0waren ihre Eindr\u00fccke auf der Fahrt nach Nottbeck?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Well, es regnete und es war pechschwarz und irgendwie f\u00fchlte ich mich gleich an meine Heimat West Yorkshire erinnert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Viele Autoren entwickeln einen sentimental-melancholischen Blick auf die Orte ihrer Kindheit. Bei Ihnen das genaue Gegenteil: West Yorkshire wirkt in ihren Red Riding Romanen wie ein dantisches Inferno? Was ist schief gelaufen?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich empfand das so als, ich den 70er Jahren dort aufwuchs. Es war die Zeit der gro\u00dfen Rezession, die alten Industrien \u2013 Kohle, Stahl und Textil \u2013 wurden systematisch zerst\u00f6rt, es gab den Krieg in Nordirland, Streiks. Und dann war da noch der Serienkiller, der Yorkshire Ripper. Es war eine tiefschwarze Zeit im Norden Englands. Nat\u00fcrlich habe ich gl\u00fcckliche Familienerinnerungen, aber &#8230;alles in allem empfand ich sehr d\u00fcster.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Sie schreiben detailliert recherchierte Romane \u00fcber die politische und historische Zeitgeschichte dieser Jahre. Was m\u00f6chten Sie bewirken? <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich m\u00f6chte meine Leser nicht belehren. Ich m\u00f6chte, dass sie eine eigene Haltung zu den beschriebenen Ereignissen entwickeln. Ich finde aber, dass es wichtig ist, <em>diese<\/em> Geschichte zu erz\u00e4hlen. Die Geschichte der Rezessionszeit in England genauso wie die der unmittelbaren Nachkriegszeit in Japan. Mich interessiert, warum die Verbrechen gerade zu dieser Zeit und an diesen Orten geschahen. Meine \u00dcberzeugung ist, dass nur ein genaues Studium der Geschichte einer Wiederholung vorbeibeugen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Glauben Sie, dass die Thatcher-Jahre England mentalit\u00e4tsgeschichtlich bis heute pr\u00e4gen? Und ist es deshalb wichtig, sie literarisch aufzuarbeiten?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, und es geht auch nicht um den Yorkshire Ripper, ich rede \u00fcber die politischen Verbrechen, denen sich niemand stellen will. Die neue Regierung um Camaron wiederholt die gleichen Fehler wieder, und ich muss feststellen, dass niemand etwas aus den historischen Katastrophen gelernt hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Welche Funktion hat die Kriminalgeschichte f\u00fcr Sie? K\u00f6nnten sie sich vorstellen, auch \u201eeinfache\u201c historische Romane zu schreiben? <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Verbrechen ist ein Weg, den Ort und die Zeit zu verstehen, an dem es geschehen ist. Es geht immer wieder um die Frage, warum die Tat geschehen ist, und die kann nur gel\u00f6st werden vor dem Hintergrund der sozialen, \u00f6konomischen und politischen Situation der Zeit. F\u00fcr mich geht es dem Kriminalroman traditionell darum, das R\u00e4tsel des Verbrechens zu l\u00f6sen. Seine narrative Struktur animiert den Leser dazu, verstehen zu wollen. W\u00e4hrend der \u00fcbliche Mainstream-Krimi nur die Frage stellt, \u201eWho did it?\u201c, ist diese Frage bei mir l\u00e4ngst beantwortet. Ich funktioniere die narrative Struktur um und Frage \u201eWarum\u201c und nicht \u201eWer\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>K\u00f6nnten Sie sich dennoch vorstellen, ein st\u00e4rker subjektives Buch \u00fcber ihre Kindheitsjahre zu schreiben?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nein, ich glaube, das w\u00e4re uninteressant.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Als Sie die Yorkshire-Romane schrieben, lebten sie in der Megametropole Tokio. Lag dem Schreiben damals auch eine Sehnsucht zugrunde, an heimische Orte zur\u00fcckzukehren?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich denke, dass es wichtig war, die B\u00fccher in Tokio, fern von West Yorkshire zu schreiben. Eines meiner Hauptinteressen ist die Sprache. Ich wollte die Sprache der 70er und 80er Jahren detailgetreu nachempfinden. H\u00e4tte ich in Yorkshire gelebt, w\u00e4re mir das nicht gelungen. Ich w\u00e4re der jetzigen\/heutigen Sprache zu nah. Damals in Tokio hatte ich so gut wie keine Kontakte zu Engl\u00e4ndern und dadurch war es mir m\u00f6glich diesen zeitspezifischen Sprachsound und Worte nachzuahmen. Ich hatte Platten, B\u00fccher und Filme aus der Zeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wollten sie durch die Romane auch hre pers\u00f6nlichen \u00c4ngste dieser Zeit aufarbeiten?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wollte verstehen, warum es damals so war, wie es war. Aber Schreiben ist immer alles gleichzeitig: Therapie, Gebet und auch eine Form von Exorzismus: Etwas, das sich nicht gut anf\u00fchlt, auszuscheiden. Aber wenn jemand es liest, nimmt er es wieder auf. Das ist das merkw\u00fcrdige Beziehungsgeflecht zwischen Autor, Text und Leser.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>In Deutschland steht Provinz und Heimat immer f\u00fcr etwas Intaktes und Unber\u00fchrtes. Sie stellen eine solche Idee in der Beschreibung des provinziellen Yorkshire auf den Kopf?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hm, ich schreibe auch \u00fcber Heimat, \u00fcber die Orte der Kindheit, aber ich konfrontiere dieses Konzept mit den Verwerfungen der Moderne<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Heisst, es gibt keine Idylle mehr?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, aber die gab es noch nie!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Was interessiert Sie an Krisen, Streiks, Rezessionen und Nachkriegstr\u00fcmmerzeiten?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin nur in der Lage, \u00fcber Zeiten und Orte der Niederlage und Krise zu schreiben. Die 70er Jahre waren in meinem Verst\u00e4ndnis eine Zeit der Niederlage. Im Norden Englands haben die Bergleute ihren Kampf verloren. Und Tokio \u2013 eine noch dramatischere Situation \u2013 war besiegt, besetzt und zerst\u00f6rt. Aber selbst in meinem Fu\u00dfball-Roman <em>The Damned United<\/em> \u00fcber den legend\u00e4ren Fussballtrainer Brian Clough, der immerhin zweimal den Europapokal gewonnen hat, habe ich \u00fcber dessen Niedergang geschrieben. Warum nicht \u00fcber seine Siege? Weil ich glaube, dass die Niederlagen mehr \u00fcber uns erz\u00e4hlen und wir durch sie mehr \u00fcber uns Menschen lernen k\u00f6nnen. Jeder erlebt in seinem Leben Niederlagen, im Pers\u00f6nlichen und Beruf, und erst durch unseren Umgang mit ihnen lernen wir, wer wir sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Verstehen Sie Krise und Niederlagen denn auch als Chance f\u00fcr einen Neubeginn? Ihre Protagonisten, aber auch die Gesellschaft scheint in ihren B\u00fcchern ausweglos im Unheil verfangen &#8230; <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sicher, nehmen sie den Roman <em>GB84<\/em> \u00fcber die Bergarbeiterstreiks, da gab es kein Happy End, kein Utopia. In der Tokio Triologie ist das anders: der historische Narrativ lautet, dass Japan nach der Niederlage aus eigener Kraft zur zweitgr\u00f6\u00dfen Industrienation wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Themawechsel: Wie ist es, zur\u00fcck in West Yorkshire zu sein? <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich finde es schwierig, in England zu schreiben, das ist mein augenblickliches Problem.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Inspiriert Sie dieser Ort hier? Was w\u00fcrden sie hier schreiben wollen?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Daf\u00fcr wei\u00df ich leider zu wenig \u00fcber diesen Ort, aber da Unna \u2013 wo ich gerade ein paar Tage war \u2013 die Partnerstadt meiner Heimatgemeinde in England ist, habe ich ein bisschen recherchiert. Ich fand heraus, dass in Unna die Pest, Kriege und Stadtbr\u00e4nde gew\u00fctet haben \u2013 eigentlich sehr \u00e4hnlich also zum englischen Norden \u2013 und das hat mich fasziniert. Jeder Ort hatte seine eigenen Verbrechen und hat geheime, verschwiegene Geschichten, es gibt also \u00fcberall viel zu erz\u00e4hlen. Wenn mich Leute fragen, warum ich keine Geschichten erfinde, dann antworte ich, dass es soviel verschwiegene, unterdr\u00fcckte wahre Geschichten gibt, dass wir keine Zeit haben, Geschichten zu erfinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Herr Peace, danke f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/em><\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D14&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hallo Herr Peace: Was\u00a0waren ihre Eindr\u00fccke auf der Fahrt nach Nottbeck? 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