{"id":1376,"date":"2012-09-21T13:42:34","date_gmt":"2012-09-21T12:42:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=1376"},"modified":"2025-12-17T08:53:08","modified_gmt":"2025-12-17T07:53:08","slug":"bernhard-lesen-in-borken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=1376","title":{"rendered":"Bernhard lesen in Borken"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Antonia Baum: <em>Vollkommen leblos, bestenfalls tot<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vieles wurde \u00fcber dieses Romandeb\u00fct bereits geschrieben. Der gro\u00dfe Trubel um ihre Lesung bei den \u201eTagen der deutschsprachiger Literatur\u201c 2011 in Klagenfurt, besser bekannt als der Vorlesewettbewerb anl\u00e4sslich des Bachmannpreises, wird vielleicht noch fern in Erinnerung sein. Genauer gesagt: Nicht Baums Lesung verursachte Trubel im feuilletonistischen Bl\u00e4tterwald, es war vielmehr die nahezu einhellige <a title=\"Jurydiskussion Bachmannpreis\" href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/information\/3573\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kritik und Ablehnung<\/a> seitens der Jury, welche der 27-J\u00e4hrigen (unfreiwillig) zu Bekanntheit verhalf. Aber auch ein wortm\u00e4chtiger Verriss kann ja in diesem Land die Verkaufszahlen bef\u00f6rdern&#8230; Antonia Baums Retourkutsche, ver\u00f6ffentlicht in der <em>FAZ<\/em>, bescheinigte wiederum den Kritikerk\u00f6rpern und -k\u00f6pfen mit ihrem \u201eliteraturwissenschaftlichen Kalk\u201c vollkommene Leblosigkeit. Am\u00fcsante Geschichten aus dem Literaturbetrieb, die auf dem feuilletonistischen Dorfplatz nat\u00fcrlich inzwischen wiederum von ganz anderen Themen abgel\u00f6st wurden&#8230;<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber zur Sache, d.h. zum Text. Die klassische Frage, an jedes frisch erschienene Buch herangetragen: Worum geht es? Wovon handelt der Roman? Der Verlag Hoffmann und Campe selbst hierzu:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\">Eine junge Frau bricht auf, aus der Provinz in die Stadt, die Hoffnung auf Ver\u00e4nderung ist gro\u00df. Aber schnell stellt sie fest, dass sie nicht frei ist: nicht frei vom Ungl\u00fcck ihrer Eltern, nicht frei von der Angst, die sie in Ketten legt, nicht einmal frei in der Liebe, die sich als Farce entpuppt. Wer nur die Geborgenheit eines Gef\u00e4ngnisses kennt, dem erscheint jede Bewegung als Gefahr. Antonia Baums Heldin gibt jener Generation eine Stimme, die in den unendlichen M\u00f6glichkeiten des Gl\u00fccks und der Selbstverwirklichung verloren ist. Ein erstaunliches Deb\u00fct, eine tragikomische Suada und ein ebenso emotionaler wie k\u00fchl sezierender Blick auf eine kaputte Gesellschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Plot ist in seiner Grundstruktur also klar, vielleicht auch entfernt bekannt (was ja noch kein qualitatives Merkmal gleich welcher Art sein muss). \u00dcber die letzten S\u00e4tze schmeichelhafter Wertung (und Werbung) wird hingegen noch zu sprechen sein&#8230; In sieben Kapiteln schreibt sich der Roman voran, teils durchaus mit einer fesselnden Verve und Geschwindigkeit. Langatmigkeit der Beschreibung \u2013 Fehlanzeige. Was jedoch als mulmiger Verdacht sich mit fortdauernder Lesezeit immer mehr manifestiert: Der \u201eBlick auf die kaputte Gesellschaft\u201c ist als solcher auf ungl\u00fcckliche Weise in die Konzeption des Romans zu sehr hineingerutscht. Auch wenn die formalen Grenzsteine dessen, was ein Roman sei und was nicht heute kaum noch sichtbar sind oder zumindest rein quantitativ bereits seit einigen Jahrzehnten auf Abschiedstournee sind \u2013 die Art und Weise, wie <em>Vollkommen leblos, bestenfalls tot <\/em>verschiedene Themenbl\u00f6cke, Gesellschaftsdiskurse begeht, begutachtet und teils auch lustlos abgrast, scheint doch zu wenig zu sein, gerade auch aufgrund des enormen sprachlichen Aufwands, der Seite f\u00fcr Seite betrieben wird. Die Kr\u00e4fte scheinen hier ungleich verteilt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u201ediese absurde Ansammlung von Welt\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die inneren Bruchstellen der Patchworkfamilie, die selbstgerechte Eitelkeit der kreativen Highperformer, das Gefecht der Blickkontakte im Gro\u00dfraumb\u00fcro, der Massenbetrieb Universit\u00e4t, die Verlorenheit in der Zweisamkeit, die heuchlerische Verlogenheit des Einzelnen, der sich nie in die Karten schauen lassen m\u00f6chte, lieber auf Nummer sicher geht und falsch spielt, um sich nicht verletzlich und liebebed\u00fcrftig zeigen zu m\u00fcssen \u2013 Antonia Baum sichtet, was einer jungen Autorin zu Recht Unbehagen bereitet und auch einen leichten Zorn hervorrufen mag. Die Beobachtungen der Romanfigur sind dabei teils sehr pr\u00e4zise und gewinnen in der Beschreibung kleiner Gesten und Redewendungen auf subtile Weise beeindruckendes Gewicht. Das ist nat\u00fcrlich nicht in G\u00e4nze diagnostische Pionierarbeit und in manchen F\u00e4llen liest es sich auch mit entsprechender Vorhersehbarkeit, so etwa der polemische Ausfall gegen das zeitgen\u00f6ssische Theater. Da sind auch die allzu h\u00e4ufig aufkommenden Hitler-Vergleiche nicht wirklich ein gro\u00dfer Gewinn \u2013 auch, wenn sich der Rezensent nat\u00fcrlich zu vergegenw\u00e4rtigen hat, dass sich im Buch eine junge weibliche Figur echauffiert. Doch gerade hier liegt vielleicht auch ein Problem: das allzu routinierte Diskursabm\u00e4hen n\u00e4hert sich in seiner Abgekl\u00e4rtheit an vielen Stellen gef\u00e4hrlich nahe jenem dumpf-kaltherzigen Zynismus, gegen den das Buch so vehement in Angriffsstellung geht. Mit der Figur der jungen Frau, die eine dramatische, ja, katastrophische Entwicklung durchmacht, ist dies in Anlage und Ausf\u00fchrung kaum noch zusammenzubringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Name wurde in Klagenfurt im Kritikerkreis immer wieder genannt, ja auf eine Art und Weise repetiert, wie sie ihm selbst vermutlich k\u00f6stliches Vergn\u00fcgen bereitet h\u00e4tte: Thomas Bernhard. Der Vergleich ist, liest man nur die ersten zehn Seiten des Romans, sofort naheliegend und evident: das Tempo des Textes resultiert aus den monomanischen Wiederholungen, den Beschimpfungstiraden, der wortreich sich Raum verschaffenden Wut, der schlaufenartigen Struktur der S\u00e4tze, welche die Dynamik der inneren Wort- und Denksequenzen nachbilden m\u00f6chte. Auch die Komposita in Baums Deb\u00fctroman k\u00f6nnten glatt einem Thomas-Bernhard-W\u00f6rterbuch (weshalb gibt es das noch nicht?) entnommen sein: Die Protagonistin sieht sich verzweifelt im \u201eFamiliengef\u00e4ngnis\u201c, \u201eBeziehungsgef\u00e4ngnis\u201c, \u201eArbeitsgef\u00e4ngnis\u201c, \u201eSchwangerschaftsgef\u00e4ngnis\u201c, am meisten jedoch: im \u201eKopfgef\u00e4ngnis\u201c. Dass diese auff\u00e4llige N\u00e4he zur Prosa Bernhards nicht sogleich ein unwiderrufliches Qualit\u00e4tsmerkmal ist, sollte sich von selbst verstehen. Statt epigonaler Nachdichtung ziehe man doch lieber das Original vor. Mit imitatorischem Flei\u00df haben wir es bei <em>Vollkommen leblos, bestenfalls tot <\/em>gl\u00fccklicherweise nicht zu tun, und auch eine Parodie seines Stils wird es nicht sein \u2013 dazu ist der Autorin ihr Anliegen (der \u201esezierende Blick\u201c) zu wichtig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Erl\u00e4uterung dieser teils durchaus erm\u00fcdenden Bernhard-N\u00e4he bleibt dennoch notwendig; nicht grundlos war schlie\u00dflich die Aufregung. Sich dieser literarischen Mittel zu bedienen \u2013 das hat Hubert Winkels, der seine Begeisterung f\u00fcr den Roman verteidigen musste, ganz richtig konstatiert \u2013 ist zun\u00e4chst einmal nichts Verwerfliches. Im Gegenteil, es kann h\u00f6chst produktiv sein, siehe bspw. <em>W\u00e4ldchestag <\/em>und <em>Klausen<\/em> von Andreas Maier. Was Baums Roman (bzw. ihrem Schreiben noch) fehlt, ist eine ausreichende Sicherheit und Entschlossenheit in der Wahl und Dosierung ihrer literarischen Mittel. Neben einem auf Dauer im Lesen nicht mehr zu ignorierenden \u00dcberdruss an bernhardschen, d.h. mit fremder Stimme auftretenden Suaden ist es auch ein leichtes Misstrauen gegen\u00fcber manchen Metaphern und Beschreibungen, welche aufgrund der energetischen \u00dcbersch\u00fcsse der Sprache zwar in jedem Falle der Kitsch-Gefahr entkommen sind (was ein wichtiges Anliegen gewesen zu sein scheint), nichtsdestotrotz aber in manchen F\u00e4llen verungl\u00fcckt wirken. Und Letzteres kann, im Gegensatz zur gelegentlichen Banalit\u00e4t der Wuttiraden, nicht mehr ins Konzept der literarischen Figur integriert werden. Der Text m\u00f6chte hier an manchen Stellen zu viel (und seine Autorin scheint auch nicht immer gewusst zu haben, was dies denn sei).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Text radikal um 100 Seiten zu k\u00fcrzen, wie es mancher Rezensent vorschlug, um ihm doch noch eine gewisse Qualit\u00e4t zusprechen zu k\u00f6nnen, zeugt einerseits von einer gewissen Unangemessenheit, andererseits ist das Problem hier indirekt benannt: Der Text changiert teils zwischen verschiedenen Schreibhaltungen; oft erl\u00e4utert er Situationen, die sehr pr\u00e4gnant und pointiert ins Auge des Lesers stechen, breitet sie also nachtr\u00e4glich nochmals aus \u2013 und beraubt sich so selbst seines gewaltigen inszenatorischen Effekts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Lob desjenigen, der mit einer gewissen Lebenserfahrung, einer Gewandtheit und erprobtem Selbstverst\u00e4ndnis (gerade auch im Literarischen!) das Schreiben ein\u00fcbt \u2013 Martin Mosebach sang es f\u00fcr Sibylle Lewitscharoff anl\u00e4sslich des Verleihung des Bachmannpreises 1998 \u2013, es sei hier in Erinnerung gerufen. Ohne mahnende P\u00e4dagogisierung, ohne einen Generalverdacht gegen\u00fcber in jungen Jahren erfolgreichen Autorinnen und Autoren. Es hat oft zumindest einen Vorteil: Man wird sich selbst gegen\u00fcber kritischer, l\u00e4sst eigene Gegenstimmen zu, pr\u00fcft und sucht akribischer, findet aber auch den Mut, das eigene Konzept, die eigene Vorstellung konsequent auszuf\u00fchren. In diesem Sinne darf man auf Antonia Baums zweites Buch durchaus in freudiger Neugier gespannt sein. Aber nach der Masterarbeit, bitte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Arnold Maxwill<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Antonia Baum, geboren 1984 in Borken, studiert Kulturwissenschaft an der Universit\u00e4t der K\u00fcnste in Berlin. Sie ver\u00f6ffentlichte einige\u00a0 Kurzgeschichten. Ihr Romandeb\u00fct erschien 2011 bei Hoffmann und Campe (239 S., 19,99 \u20ac).<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D1376&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Antonia Baum: Vollkommen leblos, bestenfalls tot Vieles wurde \u00fcber dieses Romandeb\u00fct bereits geschrieben. Der gro\u00dfe Trubel um ihre Lesung bei den \u201eTagen der deutschsprachiger Literatur\u201c 2011 in Klagenfurt, besser bekannt als der Vorlesewettbewerb anl\u00e4sslich des Bachmannpreises, wird vielleicht noch fern in Erinnerung sein. 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