{"id":1287,"date":"2012-09-14T11:43:38","date_gmt":"2012-09-14T10:43:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=1287"},"modified":"2025-11-05T09:09:56","modified_gmt":"2025-11-05T08:09:56","slug":"der-schwarze-baal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=1287","title":{"rendered":"Der schwarze Baal"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Paul Zech (1881-1946) war einer der umtriebig-rastlosen Schriftsteller, dessen Werk sich im Nachhinein kaum als geschlossenes darstellen l\u00e4sst. Zu komplex und vielschichtig ist seine literarische Produktion von knapp 40 Jahren; bedingt nat\u00fcrlich auch durch die Turbulenz des Lebenslaufs zwischen und inmitten zweier Weltkriege. Paul Zech hinterl\u00e4sst 11 Romane, etwa 20 Novellenb\u00e4nde sowie knapp 30 Dramen und ebenso viele Gedichtb\u00e4nde. Hinzu kommen noch die zahllosen Essays Zechs sowie seine Nachdichtungen aus dem Franz\u00f6sischen, insbesondere Fran\u00e7ois Villons; bekannt ist dem heutigen Ohr hiervon allenfalls noch die Zeile \u201eIch bin so wild nach deinem Erdbeermund\u201c \u2013 Klaus Kinski und seinen Vertonungen auf gleichnamiger CD sei Dank.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Paul Zech als der sogenannte \u201eArbeiterdichter\u201c bzw. \u201eIndustriedichter\u201c, besonders er soll hier im Spotlight stehen. Die Darstellung seiner Biografie hingegen w\u00e4re beinahe schon ein Spielfeld f\u00fcr sich: <!--more-->Zech verstand es, die geforderte Genauigkeit und Treue zur Faktizit\u00e4t immer wieder neu munter zu umlaufen, mit Geschichten, ja Fabeln anzureichern \u2013 stets einem inneren Bed\u00fcrfnis, teils auch \u00e4u\u00dferen Notwendigkeiten geschuldet (Zech war ja wahrlich nicht der einzige, dem in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jh. eine gewisse Freiz\u00fcgigkeit und flexible Lust zur komplikationsfreien Anpassung des eigenen Vergangenheitstextes n\u00f6tig erschien; ob nun angesichts reeller Gefahren oder als Teil strategischer Inszenierung). Fest steht: In den ersten zehn Jahren des noch neuen Jahrhunderts arbeitete Zech immer wieder f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit in Bergwerken \u2013 im Ruhrgebiet ebenso wie in Belgien und Nordfrankreich. Die literarische Besch\u00e4ftigung mit den Gefahren, den Entbehrungen und Ungerechtigkeiten der industriellen Arbeitswelt findet ihre Motivation also in den nachwirkenden Erinnerungen, im Erlebnisspeicher namens Ged\u00e4chtnis. Die schwarze, monstr\u00f6se Welt des Bergbaus, die unausgesetzte Fortdauer des Leidens, das in seinen Wirkmechanismen kaum n\u00e4her durchschaut werden kann: Zech versucht es in seinen fr\u00fchen Novellen wie <em>Der schwarze Baal <\/em>(1911), zu finden auch im gleichnamigen Novellenband (1917), mit sehr pr\u00e4ziser Optik und wortm\u00e4chtiger Darstellungskraft zu fassen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\">Oh, das Ungl\u00fcck! Oh, das Ungl\u00fcck!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\">Wie ein dichtes Schneegest\u00f6ber fuhr dieses flockige Rufen \u00fcber das Dorf, immer wenn der schwarze Baal die roten Fangarme durch den Schacht gesto\u00dfen hatte und von jenen M\u00e4nnern, die ihr B\u00fcndel heiler Knochen Tag f\u00fcr Tag auf die blutrostigen B\u00f6den der F\u00f6rderschale legen mu\u00dften, sich irgend einen, oder ein Dutzend oder Hundert ausw\u00e4hlte zum Fra\u00df und den Rest wieder von sich gab wie einen ausged\u00f6rrten Kothaufen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\">Oh, das Ungl\u00fcck! Oh, das Ungl\u00fcck!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die zwischen der leitmotivisch wiederholten Wehklage anklingende sozialkritische Absicht intensiviert Zech gerade durch ein nicht rein naturalistisch verfahrendes Aufzeigen der faktischen Missst\u00e4nde, sondern in Form einer sich mythischer Elemente und Bildervorr\u00e4te bedienenden Erz\u00e4hlweise. Mit anderen Worten: Gerade in der nichtrealistischen Erz\u00e4hlweise gelingt es Zech, pointierte Wirkung, eine auf poetischen Umwegen agierende Form der Wieder-Kenntnis des Realen zu erzielen. Durch die Mittel der Literatur erscheint die Wirklichkeit pl\u00f6tzlich in sch\u00e4rferer Kontur. Was der deutschsprachige Naturalismus (Arno Holz, Johannes Schlaf) seit den 1890er Jahren auf ganz andere Weise, doch mit selbiger sozialkritischer Intention versucht hatte, hier funktioniert es \u2013 gleichfalls und gelegentlich auch, so der Leseeindruck, mit \u00fcberzeugenderer Dramatik (der Sprache; nicht des Plots).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gleichwohl l\u00e4sst Zech die literarische Er\u00f6rterung und Sichtung des durch die Gesellschaft selbst verursachten Elends der Bergbauarbeiter nicht aus dem Blick. In knappen Beschreibungen gelingt es ihm, die Abh\u00e4ngigkeiten und die Entfremdung dieser beinahe Entrechteten, lebensweltlich Ausgesto\u00dfenen aufzuzeigen: Die Witwen der Bergm\u00e4nner im \u201eschwarzverlogenen Gewand\u201c wiegen w\u00e4hrend der Beerdigung in ihrer (\u00f6ffentlichen) Trauer bereits \u201ein der Rechten den Goldklumpen der Unfallpr\u00e4mie\u201c. Ihr Leben verbringen sie, wie Zech es d\u00fcster in <em>Ruhrberg <\/em>(1925) schildert, in der Stadt \u2013 nicht jenen urbanen Zentren der individuellen, kreativen, aber auch wirtschaftlichen Entfaltung und Entwicklung, wie wir sie heute kennen, sondern in einem \u201eGeh\u00e4use aus Stein gemengt mit Rauch, Gestank, Elend und Pestbeule\u201c. Ein, wie Zech in dem ihm eigenen Pathos schreibt, \u201eDasein zwischen Leben und Tod\u201c. Und auch die folgende literarische Inszenierung ist nicht ganz frei von einer (gl\u00fccklicherweise teils wiederum mythisch umkleideter) Drastik, welche vor allem ein Ziel hat: den Menschen zu zeigen als bedrohten Einzelnen, \u00fcberw\u00e4ltigt von den vielf\u00e4ltig ausgestalteten industriell-finanziellen Kr\u00e4ften r\u00e4uberischster Art:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\">Der entmenschlichte Sch\u00e4del regiert absolut. Von seinen Bartw\u00fclsten tropfen unbarmherzig hart die Todesurteile. Er st\u00f6\u00dft, wie seine Launen wollen, Arbeiterheere in den Schacht, und, murren sie auf, in Bataillonen auf die Folterb\u00e4nke des Hungers, \u00e4tzender S\u00e4ure zum Fra\u00df. Dann sind sie nicht Herr des Hemdes am eigenen Leibe, Kreditgeier umkrallen ihre Gurgeln und w\u00fcrgen sie, gest\u00fctzt von hohler Obrigkeit, in die Selbstm\u00f6rdergruben an kahler Kirchhofsmauer. Proletarier sind \u00fcberall gezeichnet mit dem Brandmal eines schlecht beratenen Gottes. Aber diese Elendsmasse hier \u2013: Der Teufel noch erbleicht vor soviel Umgestaltung alles Menschlichen zum Schandfleck der H\u00f6lle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eindringlicher lie\u00dfe sich diese als tragisches Schicksal pr\u00e4sentierte Arbeitswelt des Bergbaus kaum darstellen; Zech wei\u00df sehr genau die ihm zur Verf\u00fcgung stehenden literarischen Mittel einzusetzen, um eine suggestive Energie zu erzielen, derer man sich lesend kaum entziehen kann. Nur in ihren gelegentlichen \u00dcbersch\u00fcssen grenzen Zechs Texte, lyrischer wie prosaischer Form, an eine Pathetik, welche teils zumindest einem zu starken Einfluss der sozialistisch-widerst\u00e4ndigen Emp\u00f6rung auf das literarische Schreiben geschuldet ist. Das ideologisch Virulente, Fragmentarische und Un\u00fcbersichtliche der 1910er und 1920er Jahre, das sich bei zahllosen Schriftstellern dieser Zeit aufsp\u00fcren l\u00e4sst, zudem aber auch ganz massiv die Schrecken des Ersten Weltkrieges an der Westfront finden bei Zech \u2013 nachzulesen in seinen Briefen, beispielsweise an den Freund Stefan Zweig (ja, den Autor der <em>Schachnovelle<\/em>) \u2013 eine Absicherung, eine aber nicht von Zweifeln ganz befreite Orientierung im Religi\u00f6sen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vieles weitere bleibt hier nat\u00fcrlich unerw\u00e4hnt: Zechs Kontakt zu Else Lasker-Sch\u00fcler, welche ihn letztlich zum Umzug von Wuppertal nach Berlin ermutigen konnte; Zechs dortigen umtriebigen publizistischen und verlegerischen Aktivit\u00e4ten, auch im Kreise der Berliner Expressionisten (in Kurt Pinthus\u2019 bis heute sehr lesens- und empfehlenswerter Lyrik-Anthologie <em>Menschheitsd\u00e4mmerung. Symphonie j\u00fcngster Dichtung<\/em> ist er mit 13 Gedichten vertreten); unerw\u00e4hnt zudem Zechs Jahre im argentinischen Exil ab 1933. Paul Zech starb am 7. September 1946 in Buenos Aires, kurz nachdem er fr\u00fchmorgens vor seiner Wohnung zusammengebrochen war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Arnold Maxwill<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D1287&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Paul Zech (1881-1946) war einer der umtriebig-rastlosen Schriftsteller, dessen Werk sich im Nachhinein kaum als geschlossenes darstellen l\u00e4sst. 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