{"id":1249,"date":"2012-09-12T10:41:05","date_gmt":"2012-09-12T09:41:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=1249"},"modified":"2025-11-05T09:09:25","modified_gmt":"2025-11-05T08:09:25","slug":"die-sekunde-steht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=1249","title":{"rendered":"\u201eDie Sekunde steht.\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Reihe <em>roterfadenlyrik <\/em>neu erschienen: J. Monika Walthers Gedichtband <em>Windbl\u00fcten Maschendraht<\/em>. Seit 1976 arbeitet sie als freie Schriftstellerin zwischen dem M\u00fcnsterland und den Niederlanden an Prosa, H\u00f6rspiel, Lyrik und erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien. Wir pr\u00e4sentieren hier einen Auszug zwecks Verf\u00fchrung zur Lekt\u00fcre:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 60px;\"><strong>Die Farbe Schwarz<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 60px;\">Setze nicht voraus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 60px;\">Fahrt in die Nacht<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 60px;\">zwischen Sandhagen und<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 60px;\">den Lichtungen im Gespensterwald.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 60px;\">Dem Kompass der Dinge folgen wir<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 60px;\">bis der Narrenbaum gesetzt ist<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 60px;\">mit leuchtenden Silberschellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 60px;\">Du kannst mir glauben<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 60px;\">ich wei\u00df nicht wo wir sind.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als \u201eEntr\u00e9e\u201c ihres neuen Gedichtbandes zeigt dieser Text leitbildartig ein Motiv auf, das sich als Stimmung oder Grundierung (auch Schreibmotivation) in weiteren Texten J. Monika Walthers finden l\u00e4sst: eine bleibende Bem\u00fchung um Orientierung, auch im Sinne einer biografischen Selbsterkundung. Poetische Sichtung und Besichtigung innerer und \u00e4u\u00dferer Landschaften. Nicht Kartierung und Verzeichnung eines konkreten Gebiets. Und weshalb? Weil \u201eich wei\u00df nicht wo wir sind\u201c, so schlie\u00dft die lyrische Stimme. Aber diese Stimme hat keinen panischen, hektischen Klang; sie agiert mit einer wohltuenden Gelassenheit. Das Auge und die \u00fcbrigen Sinne (ebenso die Erinnerung) vertrauen, aufmerksam und tr\u00e4umerisch wach, dem \u201eKompass der Dinge\u201c, welcher durch die Wort- und Geschichtslandschaften zu lenken (und abzulenken) wei\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass diese Wort- und Geschichtslandschaften bei J. Monika Walther, aufgewachsen in einer j\u00fcdisch-protestantischen Familie in Leipzig und Berlin, deutsche Landschaften sind, mit der entsprechenden F\u00fclle, aber auch der Verantwortung und dem immer noch zu h\u00e4ufig Ausgeschwiegenem \u2013 es wird in ihren neuen Gedichten (einmal mehr) deutlich. Es ist das immer noch Nicht-zu-Verstehende der deutschen Vergangenheit, der Totalitarismen, das in mehreren Gedichten zum Tragen kommt. Nicht didaktisch, nicht mit ein- sch\u00fcchterndem Begriffsmaterial. Es packt den Leser umso zwingender, umso (vermeintlich) beil\u00e4ufiger durch einzelne Ortsnamen oder Sprachkompositionen Assoziationen aufgerufen werden \u2013 monolithische Erinnerungen (mit scharfen Kanten), welche nun lesend in die poetische Szene bzw. Stimmung integriert werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit nur wenigen Worten gelingt hier lyrische Beschreibungskunst: die Orte der Vernichtung, der Trennung, Bedr\u00e4ngung, Ausgrenzung, auch deutsch-deutscher Drohgeb\u00e4rden \u2013 einer inneren, erinnernden Topografie bleiben sie pr\u00e4sent. Und m\u00fcssen es auch, da das den Ph\u00e4nomenen h\u00e4ufig Zugrundeliegende allenfalls kurzfristig seinen Vornamen, sein Vokabular ge\u00e4ndert hat. An einer Stelle hei\u00dft es: \u201eIch male den Weg auf \/ Links das Meer \/ Rechts \/ Unten oben \/ Nebenan \/ Regen Krieg Geld\u201c \u2013 und einige Zeilen weiter: \u201eVorbei an den Wortbergen \/ Daran vorbei\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/J.-Monika-Walther.-Windbl\u00fcten-Maschinendraht.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1251 alignleft\" title=\"J. Monika Walther. Windbl\u00fcten Maschinendraht\" src=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/J.-Monika-Walther.-Windbl\u00fcten-Maschinendraht-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/J.-Monika-Walther.-Windbl\u00fcten-Maschinendraht-212x300.jpg 212w, https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/J.-Monika-Walther.-Windbl\u00fcten-Maschinendraht.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a>Den besonderen \u00e4sthetischen Reiz finden diese Gedichte letztlich in der zeilen- dramaturgisch gekonnt inszenierten Verwebung von innerer und \u00e4u\u00dferer Landschaft. Das lyrische Auge bringt in den Moment der Beobachtung, der sogleich auch ein Moment der Erinnerung wird, verschiedene Ebenen der (individuellen) Geschichte(n) ein und fixiert so Zeit und Raum f\u00fcr die Dauer eines Gedankens, einer visuellen oder emotionalen Erkenntnis: \u201eDie Sekunde steht.\u201c In den Augen-Blick schleicht sich das Nicht-Gegenw\u00e4rtige ein \u2013 das sich nicht vollst\u00e4ndig ins\u00a0 Vergangene zur\u00fcckdr\u00e4ngen lassen will und darf (siehe auch der Titel des Bandes)&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 60px;\"><strong>Ansichtskarte See<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 60px;\">Glitzert Raureif im Sonnenlicht<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 60px;\">glitzert Schmutzgold in der Nacht<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 60px;\">Am Tag Kletterrosen wei\u00df<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 60px;\">Backstein und Fachwerk<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 60px;\">Kaffee und Kuchen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 60px;\">komm kommt sch\u00f6n hier<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 60px;\">Fahrt \u00fcber den See<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 60px;\">quer nicht l\u00e4ngs<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 60px;\">komm kommt sch\u00f6n hier<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 60px;\">\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 60px;\">Da dr\u00fcben hinter dem See<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 60px;\">weit weg jenseits der Himmelspforte<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 60px;\">glitzert Raureif im Sonnenlicht<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 60px;\">Ravensbr\u00fcck hinterm Schilf<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 60px;\">Keine Aussicht aufs Ende<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 60px;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Arnold Maxwill<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">J. Monika Walther: <em>Windbl\u00fcten Maschendraht<\/em>. <em>Gedichte<\/em>. roterfadenlyrik Edition Haus Nottbeck 2012 (ISBN 978-3-943270-02-0). Zudem zuletzt erschienen: <em>Sperlingssommer. Erz\u00e4hlungen<\/em>. Geest-Verlag 2012 (ISBN 978-3-86685-351-5). Nicht alles, aber vieles Weitere findet sich auf J. Monika Walthers <a href=\"http:\/\/www.jmonikawalther.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Homepage<\/a>.<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D1249&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Reihe roterfadenlyrik neu erschienen: J. Monika Walthers Gedichtband Windbl\u00fcten Maschendraht. 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