{"id":1087,"date":"2012-08-29T13:31:08","date_gmt":"2012-08-29T12:31:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=1087"},"modified":"2025-11-05T09:06:33","modified_gmt":"2025-11-05T08:06:33","slug":"lob-der-nachdenklichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=1087","title":{"rendered":"Lob der Nachdenklichkeit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/Hartung-2012.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1089\" title=\"Hartung 2012\" src=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/Hartung-2012-183x300.jpg\" alt=\"\" width=\"183\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/Hartung-2012-183x300.jpg 183w, https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/Hartung-2012.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 183px) 100vw, 183px\" \/><\/a>Harald Hartungs neues Buch <em>Der Tag vor dem Abend<\/em> <\/strong>ist kein Tagebuch im herk\u00f6mmlichen Sinn, das Tag f\u00fcr Tag Revue passieren l\u00e4sst. Aber es hat eine tagebuch\u00e4hnliche Struktur und h\u00e4lt, nach Jahren sortiert, jene Mosaiksteinchen fest, in denen sich Alltag auch manifestieren kann: In kleinen, streiflichtartigen, vielleicht unscheinbaren Begegnungen, in Assoziationen, die, woher auch immer, pl\u00f6tzlich da sind, in unerwarteten Lese- fr\u00fcchten, in Beobachtungen bei Autorenlesungen und Preisvergaben, unverhofften Begegnungen mit Meisterwerken der bildenden Kunst. Und hin und wieder beschenkt der Alltag den, der danach sucht, mit jenen edlen Momenten, in denen die Profanit\u00e4t transzendiert wird vom gl\u00e4nzenden Schein der Poesie \u2013 und dem Lyriker ein vielleicht besonderer Vers gelingt. So betrachtet, mag man in dem von Hartung offerierten Memorabilien-Steinbruch das Material, den Urstoff vieler seiner Gedichte erkennen. Best\u00e4tigt wird diese Vermutung im Falle von \u201eLangsamer Tr\u00e4umen\u201c aus dem gleichnamigen Band (2002 erschienen). Dort hei\u00dft es:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Im Fr\u00fchlicht sehe ich die zwei Maschinen \/ die eine plump die andere schlanker \/ pathetisch steigen: richtig feierlich \/ Da w\u00e4ren Bomben ordin\u00e4r und gegen \/ die Abmachung des Traums \/ Doch fallen schon \/ die Eier aus der Legehenne w\u00e4hrend \/ die andere (durchaus kein Tier) \/ etwas verliert wie ein Torpedo \/ und den obsz\u00f6nen Gegenstand \/ (ganz Dame) \u00fcbersieht und ihren Kurs h\u00e4lt \/ Fragen des Stils die Sache von Sekunden \/ zu kurz um das Geschehen zu verbessern \/ Langsamer tr\u00e4umen! denke ich und sehe \/ mich nach Deckung um<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In <em>Der Tag vor dem Abend<\/em> finden wir hierzu die folgende Notation: \u201eLangsamer tr\u00e4umen. Am st\u00e4hlernen Himmel zwei langsam und tief fliegende Flugzeuge. Gro\u00df und mit eckigen Fl\u00fcgeln. Nicht unbedingt bedrohlich. Deshalb \u00fcberrascht es mich, da\u00df sie Bomben fallen lassen. Das erste eine Handvoll kleiner, rundlicher Sprengk\u00f6rper, das andere eine Rakete oder eher ein Torpedo, das f\u00fcr Momente mit dem Flugzeug mitfliegt. Mein Erstaunen ist gro\u00df und ruhig, jedenfalls gr\u00f6\u00dfer als die Angst. Noch keine Detonationen. Doch sehe ich mich nach Deckung um.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Autorengespr\u00e4ch hat Hartung dazu bemerkt: \u201eEs ist ein Traum von zwei Flugzeugen, die Flugk\u00f6rper fallen lassen, Bomben und Torpedos. Und das Ich tr\u00e4umt diesen Traum von diesen fallenden Bomben und versucht sich in Deckung zu bringen. Das Wort Traum darf man nicht so nehmen, dass es Tr\u00e4umerei ist, die keine Substanz hat, sondern die Tr\u00e4ume, die ich meine, sind Tr\u00e4ume, die immer mit der Wirklichkeit zu tun haben. Ein St\u00fcck Wirklichkeit. Denn diese Situation ist ja vorstellbar, hat man vielleicht sogar mal erlebt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jemandem, der den Zweiten Weltkrieg miterlebt hat (Hartung ist Jahrgang 1932), sind solche Traumata ebenso unausl\u00f6schlich ins Ged\u00e4chtnis eingeschrieben wie bestimmte Bilder aus Kindheit und Jugend. Auch hier\u00fcber lesen wir in <em>Der Tag vor dem Abend<\/em>: \u201eAll die Jahre danach blieb mir eine Szene aus dem Fr\u00fchjahr 1944 im Ged\u00e4chtnis. Sie spielt in einer etwas d\u00e4mmerigen Halle, die trotz der vielen in ihr gelagerten Gegenst\u00e4nde eigent\u00fcmlich leer wirkte. Zwischen dem aufgereihten Mobiliar gingen Leute umher und bezeichneten die gew\u00fcnschten Objekte, worauf diese von Arbeitern abtransportiert wurden. Die Eltern hatten mich zu den Spielsachen geschickt, die am Ende der Halle in einem Winkel angeh\u00e4uft waren. Da gab es Eisenbahnen, Autos, Kreisel, Teddyb\u00e4ren, Puppen und Puppenstuben. Von allem war so viel vorhanden, da\u00df es mir schwergefallen w\u00e4re, etwas Bestimmtes zu w\u00fcnschen. Ich bl\u00e4tterte in den Miniaturb\u00fcchern, die in einer Ecke lagen &#8211; gro\u00df wie meine Handfl\u00e4che oder winzig wie Streichholzschachteln, manche in fremdartigen Lettern gedruckt, hebr\u00e4ischen, wie ich wu\u00dfte. Ich wu\u00dfte auch da\u00df alles, was es hier angeh\u00e4uft war, den Juden geh\u00f6rt hatte. Das Klavier und der Lackschrank im Wohnzimmer \u2013 auch sie stammten aus dieser Halle. Es war die Maisel-Synagoge. Ich erkannte sie wieder an ihren B\u00f6gen und S\u00e4ulen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Blende, Szenenwechsel: Har- tungs \u2013 so der Untertitel \u2013 \u201eAufzeichnungen\u201c besitzen auch ganz andere Seiten. Eine davon ist die, nach der wir, Hand aufs Herz, immer und gern Ausschau halten: Nach dem Insiderblick ins Metier des Literaturbetriebs, dem Hartung als Autor, Kritiker und Herausgeber jahrzehnte- lang angeh\u00f6rte. In <em>Der Tag vor dem Abend<\/em> konnte sich der Grandseigneur des \u201eguten Tons\u201c einige Bissigkeiten denn doch nicht verkneifen: \u201eM\u00fcnster, Lyrikertreffen. \u00dcberall aufmerksames Publikum. Man kann die sprichw\u00f6rtliche Nadel fallen h\u00f6ren. Freilich auch bei den schlechten Geschichten.\u201c \/ \u201eKurz nach den Politikern und Journalisten haben auch die Intellektuellen die Sprache wiedergefunden (allen voran Susan Sontag und Hans Magnus Enzensberger). Sie wollen offenbar beweisen, da\u00df ihre Denkapparate noch intakt und ihre Begriffe angemessen sind. Der Kampf der Gehirne um die sogenannte Deutungshoheit geht weiter. Auch Durs Gr\u00fcnbein darf nicht fehlen. Er ver\u00f6ffentlicht Bl\u00e4tter aus einem Tagebuch. Am Tag nach der Katastrophe notiert er: \u201eTotal arbeitsunf\u00e4hig. Die Nachricht hat mich im Kern getroffen.\u201c Dann aber schreibt er weiter, flie\u00dfend und ohne erkennbare Stockung.\u201c \/ \u201eAlles nahm sie mit (Schreyan, Sch\u00f6ppingen, Amsterdam, Wiepersdorf, Villa Massimo), all die Namen f\u00fcr Stipendien-Aufenthalte; und \u00fcber jeden Ort hat sie Gedichte gemacht, die ewige Stipendiatin, die inzwischen auf die Sechzig zugeht und trotz aller Stipendien nie ein wirkliches Gedicht schreiben wird. Aber das wei\u00df sie nicht, wird sie nicht wissen, darf sie nicht wissen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In summa: <em>Der Tag vor dem Abend<\/em> ist eine Einladung zum kultivierten Zwiegespr\u00e4ch. Hartungs Notate sind so wohltuend unaufdringlich wie die Gedichte dieses Autors, die sich durch ein hohes Ma\u00df an stiller, niemals plakativ ausgestellter Meisterschaft auszeichnen. In diesem Zusammenhang ist in der Kritik von seiner \u201eunauff\u00e4lligen formalistischen Perfektion\u201c gesprochen worden bzw. von einer \u201eSch\u00f6nheit, die sich beinahe verlegen ins Unauff\u00e4llige\u201c kleide. Hartung findet sich in einer solchen Charakterisierung wieder: \u201eIch will nur selbst erg\u00e4nzen: mein Ehrgeiz ist eigentlich ganz einfach, ich m\u00f6chte Dinge machen, die auf den ersten Blick ganz einfach sind, die auch von jedem, der lesen kann, nach ein- oder zwei- \u2013 ich bin anspruchsvoll \u2013, meinetwegen dreimaliger Lekt\u00fcre aufgefasst werden. Einige Dinge werden diesem einfachen Leser verborgen bleiben. Es gibt sicher Leser, die, sagen wir, mehr aus den Texten herausholen, was auch angelegt ist. Aber der Text selbst soll nicht ambitioniert wirken. Die Ambition ist in der Sache drin. Die Ambition ist, sozusagen, so einfach wie m\u00f6glich und so komplex wie m\u00f6glich zugleich.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In <em>Der Tag vor dem Abend<\/em> hat er dieses poetische Verfahren in einer f\u00fcr ihn neuen Form kultiviert. Seine Beobachtungen aus 14 Jahren (1998-2012) bewegen sich, wie alles bei diesem Autor, auf einem un\u00fcbertroffenen Niveau.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Walter G\u00f6dden<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D1087&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Harald Hartungs neues Buch Der Tag vor dem Abend ist kein Tagebuch im herk\u00f6mmlichen Sinn, das Tag f\u00fcr Tag Revue passieren l\u00e4sst. 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