Interview, Medien

„Man kann sich ausleben“

Lara Sielmann, Jahrgang ’87, gehört zu den vier glück- lichen Kurzhörspielautoren, deren Text vom Nottbecker Publikum  bei der „Shortcuts“- Kurzhörspiel-Gala mit einem Preis bedacht wurde. Nach der Verleihung sprach sie mit Arnold Maxwill über Literatur im Radio, die Kunst der Verknappung und verriet etwas über die Lust am Experiment bei Kurzhörspielen.

Herzlichen Glückwunsch, Du hast mit Deinem Text „Wo wir wuchsen“, einer poetischen Rekonstruktion von Vergangenheit, wenn ich das so sagen darf, heute Abend bei den „Shortcuts“ – Westfälischer Kurzhörspiel-Award hier in Nottbeck vom Publikum einen der drei ersten Preise zugesprochen bekommen! Zudem gehörte Dein Text zu den wenigen, die sich glücklich schätzen können, gleich von zwei Regisseuren in verschiedenen Versionen inszeniert zu werden. Ein gutes Gefühl?

Ja, in jedem Fall! Dass ich überhaupt unter den zehn Nominierten war, hat mich schon sehr gefreut. Es war spannend, zu hören, wie unterschiedlich akustische Inszenierungen ausfallen können, wo sie doch vom selben Text ausgehen.

Zunächst die Frage: Wie bist Du zum Hörspiel, zum Kurzhörspiel gekommen? Was hat Dich dazu getrieben?

Ich habe 2008 in Hildesheim angefangen zu studieren, Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus, und habe gleich zu Beginn ein Literaturradio mit aufgebaut. Ich habe mich vorher eigentlich gar nicht so intensiv mit dem Phänomen Radio und Hörspiel auseinandergesetzt, habe in Hildesheim aber angefangen, eigene Beiträge zu produzieren und mich näher mit Literatur im Radio zu beschäftigen.

Wie bist Du dabei auf diesen Wettbewerb aufmerksam geworden?

Das war gewissermaßen Zufall. Ich habe im Winter 2011 erfolgreich bei einem Kurzdramawettbewerb teilgenommen, mit einem Text, den ich als Hörspiel realisieren wollte; als ich dann die Ausschreibung zum Wettbewerb hier in Nottbeck sah, hatte ich Lust, noch einen Hörspieltext zu schreiben. Das fand ich unheimlich spannend: auf einer DIN A4-Seite das zu verdichten, was man sonst auf zehn oder mehr Seiten ausbreiten würde. Und das bei freier Themenwahl!

Das heißt, es war der äußere Anstoß, der Dich motiviert hat: „Das will ich einmal auszuprobieren!“

In diesem Fall: ja. Ich fand das Konzept interessant und konnte mir auch kaum vorstellen, wie die Realisierung konkret aussieht: Ich schreibe einen Text, gebe den in Hände mir völlig unbekannter Menschen, die daraus ein experimentelles Hörspiel machen. Und was bedeutet das eigentlich wiederum: experimentelles Hörspiel? Das ist ja ein Begriff, der bei vielen noch mit einem großen Fragezeichen versehen ist. Und die heute Abend hier präsentierten Versionen von „Wo wir wuchsen“ zeigen ja, was für verschiedene Assoziationen ein Text bei Regisseuren auslösen kann.

In Deinem Text treten die Stimmen dreier Generationen in Dialog miteinander, vermengen und überkreuzen sich. Was war Dir hierbei besonders wichtig?

In meinem Stück zeige ich gewissermaßen den Wandel, den Zerfall eines Dorfes anhand von drei verschiedenen Generationen. Es sind drei Frauenstimmen – Großmutter, Mutter, Tochter –, die stellvertretend die Geschichte des Dorfes erzählen, aber auch erzählen wie sie zusammengelebt haben oder immer noch leben. Deshalb auch keine chronologische Reihenfolge, und deshalb auch chorisches Sprechen an manchen Stellen, um die gemeinsamen Erinnerungen zu verdeutlichen.

Wie bist Du zu diesem Thema gelangt? Was reizt Dich daran, dem Vergangenen auf diese Weise nachzuspüren?

Für mich sind Erinnerungen die Grundlage unserer Identität. Das bedeutet zugleich, dass man nicht sofort verschwindet, sobald etwas nicht mehr da ist. Im Gegenteil: Die Tatsache, dass bestimmte Gegenstände, Gewohnheiten, Handlungen nicht mehr vorhanden sind, ermöglicht es, das Vergangene erinnernd wieder zum Leben zu erwecken.

Kannst Du Dir vorstellen, künftig, auch in beruflicher Perspektive, weiter im Feld von Literatur, Radio und Hörspiel aktiv zu sein?

Ich möchte es auf jeden Fall ausprobieren! Das Schreiben meiner Wettbewerbsbeiträge hat mir sehr viel Freude gemacht; ich habe auch gemerkt, dass dies eine Form von Literatur ist, mit der ich viel anfangen kann, weil es sehr viel lebendiger ist als die stille Lektüre: Man ist darauf angewiesen, sich konkret mit der gesprochenen Sprache auseinanderzusetzen.

Die Materialität von Sprache und Klang also – auch genau im Format des Kurzhörspiels?

Ja, durchaus. Auch wenn das Kurzhörspiel jetzt keine unglaublich neuartige Form im Radio mehr ist, scheint es vielen Leuten immer noch nicht wirklich bekannt zu sein. Es dominieren weiterhin sehr gängige Vorstellungen über ‚das‘ klassische Hörspiel: ein Erzähler, vielleicht mehrere Dialogstimmen, 40-60 Minuten. Beim Kurzhörspiel ist dieser zeitliche Rahmen zwar viel enger gesteckt, aber innerhalb dieses Rahmens kann man sich genauso ausleben. Du hast also eine Seite Text und drei Minuten zur Verfügung – und gerade dies ermöglicht es dir beim Aufbau einer kompletten Dramaturgie, immer wieder neu mit den Erwartungen, die das Hörspiel anbietet, zu spielen und zu überraschen.

Dein Studium in Hildesheim, Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus, stimuliert es deinen Schreibprozess?

Ja, automatisch. Ich setze mich seitdem viel intensiver mit medialen Prozessen und Erzählstrukturen auseinander. Die ständige Beschäftigung mit Kunst, Kultur und Medien, auch im interdisziplinären Sinne, ist eine andauernde Einübung für meine eigene Wahrnehmung, mein Schreiben.

Vielen Dank für Deine Zeit und das Gespräch!

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