Autoren, Museum, Porträt

„verwundet von Anfang an…“ Paul Schallück zum 90.

„Woran ich glaube“, „Der Platz, an dem ich schreibe“… Paul Schallück (1922-1976) war ein sehr nahbarer Autor. Das war er auch in seinen Romanen. Der Leser stand ihm immer ganz nah vor Augen. Schallück schrieb einfache Sätze, Hauptsätze, die für jedermann plausibel waren und ihre Wirkung nicht verfehlten. Auf diese Wirkung kam es ihm an. Schallück wurde einmal ein „missionierender Spezialist des Gewissens“ genannt, jemand, der zur Selbstbezichtigung anstiftete, um den „Traum von einer besseren Wirklichkeit einzulösen“ (Siegfried Lenz).

Im Zentrum des Werks von Paul Schallück stehen seine fünf Romane. Für sie wurde er schon früh mit bedeutenden Literaturpreisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem „Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis“ (Westfälischer Literaturpreis). Mit Blick auf Westfalen ist besonders „Engelbert Reineke“ zu nennen – ein Werk, das die NS-Verstrickung seiner Heimatstadt Warendorf thematisiert. Der Roman wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und gilt als Schallücks Hauptwerk.

Für Schallück war die schriftstellerische Tätigkeit „immer zuerst und vor allem ein moralischer, ja politischer Akt“ (Heinrich Vormweg). In diesem Licht sind Schallücks Erzählungen und gesellschaftskritische Essays zu sehen. Er verfasste Hunderte Leitartikel, Statements, Leserbriefe, Pamphlete. Man erkennt einen Aufklärer aus Passion und unbeugsamen Wahrheitsverfechter, der sich mit der gesell-schaftlichen Entwicklung Deutschlands nicht abfinden konnte und wollte. Auch in seinen journalistischen Texten und seinen zahlreichen Beiträgen für den Rundfunk und das Fernsehen stehen die Fragen nach der Wahrheit und der schuldhaften Verstrickung des Menschen im Vordergrund.

Es hat eine eigene Tragik, dass Schallücks Nachlass dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs 2009 zum Opfer fiel. Der Nachlass legt eindrucksvoll Zeugnis ab von der Produktivität und Vielseitigkeit des Autors. Er enthielt neben Vorarbeiten zu seinen Romanen Manuskripte zu über 100 Erzählungen und Kurzgeschichten, über 100 Aufsätzen und mehr als 300 Prosabeiträgen und Glossen. Hinzu kommen ca. 200 Rundfunkvorträge, 40 öffentliche Vorträge, über 250 Theater- und Filmkritiken, 200 Rezensionen und Buchbesprechungen, mehr als 400 Gedichte, 30 Hörspiele, ca. 40 Rundfunk-features, 8 Bühnenstücke, 8 Fernsehspiele und 5 Filmexposés. Mehrere Ordner füllte die Korres-pondenz Schallücks, unter anderem mit Ingeborg Bachmann, Paul Celan, Günter Eich und Ilse Aichinger.

Der aus Warendorf stammende Autor Paul Schallück zählte zu Lebzeiten zu den bekanntesten deutschen Schriftstellern. Häufig wurde sein Name im Zusammenhang mit dem seines Freundes und Weggenossen Heinrich Böll genannt. Er war unter anderem Mitglied der „Gruppe 47“ und Beiträger repräsentativer Anthologien. Bei nationalen Schriftstellerkongressen, in politischen Zusammenhängen und bei Protestkundgebungen war er ein gefragter Redner. Heute ist Schallücks Name jedoch weitgehend in Vergessenheit geraten.

Am 17. Juni wäre Paul Schallück 90 Jahre alt geworden. Die LWL-Literatur-kommission und das Museum für Westfälische Literatur nehmen dieses Datum zum Anlass einer kleinen Hommage an Paul Schallück. Eine Kabinettausstellung zeigt Erstausgaben seiner Romane und Essaybände sowie Briefzeugnisse und Fotos. Begleitend wird die neue Veröffentlichung „Paul Schallück: Hierzulande und anderswo. Gedichte“ vorgestellt, die eine wenig bekannte Seite seines Werks vorstellt. Die von Hugo Ernst Käufer herausgegebene bibliophile Edition wurde von dem Buchkünstler Horst Dieter Gölzenleuchter illustriert und widmet sich einer wenig bekannten Seite des Schallückschen Werks.

 

Walter Gödden

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