Autoren, Bücher, Lesungen

Was man weiß, was man wissen sollte

 

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Roland E. Kochs Roman über Kardinal von Galen provo- ziert, aber polemisiert nicht. Die westfälische Literatur ist nicht gerade reich an Literaturskandalen. Wir erinnern uns: 1956 probten in Schmallenberg junge Rebellen um Hans Dieter Schwarze und Paul Schallück den Aufstand gegen die etablierten, vielfach NS-infizierten Heimatdichter und fragten: Darf/kann/soll es nicht auch in Westfalen eine andere Literatur geben als schwerblütige Bauerndichtung? Im Jahr darauf brachen Stürme der Entrüstung los, als der moderne, aber „unwestfälische“ Ernst Meister mit dem westfälischen Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Ende der 1970 Jahre empörte Josef Redings „Krippenrede“ viele Leser. Der als blasphemisch gebrandmarkte Text wurde in über zwanzig Periodika abgedruckt und gab Stoff für eine ganze Dokumentation des „Falls“ ab (Josef Reding: Krippenrede für die 70er Jahre. Skandal um ein Gedicht. Neukirchen: Neukirchener Verlag 1978). Das war’s aber dann auch schon mit Aufruhr und Entrüstung. Die westfälische Literatur bewegt(e) sich in eher ruhigem Fahrwasser. Im letzten Herbst sorgte jedoch ein Roman über Kardinal von Galen für Zündstoff. In „Dinge, die ich von ihm weiß“ unterstellt der Hagener Autor Roland E. Koch dem selig gesprochenen Münsterer Bischof eine Liaison mit seiner Haushälterin und ein Kind, das aus dieser Verbindung hervorging. Dass diese „Ungeheuerlichkeit“ in Münster für Furore sorgen würde, war leicht auszurechnen. Und so kam es denn auch: Der Bischof rief zum Boykott auf, das Buch verschwand aus den Auslagen der Münsterschen Buchhandlungen.

Die Liebschaft des geistigen Würdenträgers ist jedoch nur eine Seite des Buchs. Eine andere ist: Von Galen wird durch Kochs Annäherung menschlich greifbar, zu einer Person aus Fleisch und Blut, mit Stärken, Schwächen, Selbstzweifeln. Auch wird das geistige Klima der NS-Zeit an einem Fallbeispiel nachvollziehbar. Hierfür waren viele Leser dem Autor dankbar. Kochs Lesungen aus dem Buch trafen in Münster überwiegend auf Zustimmung.

Inzwischen haben sich die Wogen wieder geglättet, die Empörung scheint abgekühlt. Eine gute Gelegenheit, ein halbes Jahr nach Erscheinen des Buches Bilanz zu ziehen. Aus diesem Grund lud das Museum für Westfälische Literatur Koch zum Abschluss seiner Lesetournee nach Nottbeck ein. Erneut wurde kontrovers und teilweise hochemotional diskutiert. Zur Sprache kamen Fragen wie: Darf ein Autor Realität und Fiktion auf diese Weise vermengen und muss er dabei so weit gehen? Darf er in Kauf nehmen, dass ehrbare religiöse Gefühle verletzt werden? Braucht ein Buch heutzutage einen „Skandal“, um wahrgenommen zu werden. Spielte die Kritik am Buch dem Autor nicht wunderbar in die Karten? Oder, weniger erfolgs- und verkaufsstrategisch gedacht: Birgt die Form des Romans nicht gute Möglichkeiten, eine historische Person einmal auf ganz andere Weise wahrzunehmen? Die gegenseitigen und oft unversöhnlichen Positionen wurden noch einmal deutlich. Mit dem Ergebnis, dass sich letztlich jeder Leser sein eigenes Urteil über Kochs Roman bilden muss. Der Autor hatte das Streitgespräch ausdrücklich begrüßt. Es gehört in gewisser Hinsicht zu seinem Buch mit dazu.

Mit der Einladung Kochs knüpfte das Museum an die oben skizzierte Tradition des Dialogs an. Manche Dinge müssen einfach auf den Tisch, man muss über sie reden. Literatur kann – im besten Sinne – zum produktiven Diskurs anregen – beim Schmallenberger Dichterstreit war das der Fall und bei den Diskussionen über Ernst Meister oder Redings „Krippenrede“ war es nicht anders.

Walter Gödden

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