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Life on Mars für Kinderseelen

All denjenigen, die auch heute noch beim Stichwort „Weihnachtsserie“ in Erinnerungen an glücklichere Kindheitstage schwelgen, sei kurz nach den Feiertagen eine Neu-Edition der Verfilmung der „Vorstadtkrokodile“ von Max von der Grün ans Herz gelegt. Die Erstausstrahlung flimmerte 1977 über die Bildschirme.

Das Grau der von der Grün’schen Staublungenliteratur ist in „Vorstadtkrokodile“ dem „Multicolor“ der Siebziger Jahre gewichen. T-Shirts, Autos, Markisen leuchten so knallig Orange und Grün, als sei die Ruhrgebiets-Wirklichkeit vor dem Dreh mit fettesten Buntstiften ausgemalt worden. Die Handlung ist – wie von der Grüns Vorlage – Jugendbuch-like: Die „Krokodiler“, eine Kinderbande, die einer kästnerisch wirkenden Vorstadtsiedlung entstammt, erleben ein detektivisches Abenteuer im Fünf-Freunde-Stil. Für alle Erinnerungsjunkies der Generation-Golf ist die Rahmenhandlung aber nebensächlich. Schon den ersten Bildern haftet die Wirkung verbotener Substanzen an, unerbittlich werden die Nostalgie-Rezeptoren der Erinnerungszonen befallen. Nach nur wenigen Filmsekunden wird man überwältigt und findet sich zurückversetzt in die Zeit der großen Ferien, die im Film wie ein Life on Mars für leidgeprüfte Kinderseelen wirkt.
Man wohnt einer Kunst des produktiven Nichtstuns bei, die in ihrer dargebotenen Formvollendung nur Kindern eigen ist, und dessen Glückverheißungen uns Erwachsene in tiefste Melancholie katapultiert. Die Zeit zieht sich wie Kaugummi, mäandert ähnlich ziellos wie die Handlungen der „Krodiler“, die in Schlangenlinien mit ihren Rädern durch die sommerliche Siedlung kurven oder beim Popeln gedankenverloren ihre Zeigefinger in den eigenen Nasenlöchern vergessen. Der Elternwelt – von der heutigen paternalistischen Sorgenkultur noch Lichtjahre entfernt – entziehen sich die „Krokodiler“ wo und wann immer es geht. Computerspiele gibt es noch nicht. Im Konflikt befinden sich die abenteuerlustigen Kids mit „bösen“ erwachsenen Autoritäten, die die letzten Reservate gelebter Kindheit – z.B. eine Baumhütte als Homebase der „Krokodiler“ – zu kolonialisieren trachten. Glücklicherweise erweist sich der Strukturwandel im Revier als Kindheitssegen: brachliegende Industrieareale eröffnen immer neue Rückzugsorte vor den feindlichen Linien der Erwachsenenwelt.
Die Solidarisierung des Films mit der rotznäsigen Haltung der Vorstadtkids, mit ihrem Hinwegsetzen über Verbote und Konventionen, ging mit dem damaligen Zeitgeist konform. Ein bisschen Wehmut befällt einen schon, wie progressiv man einmal im öffentlich-rechtlichen Kinderfilm-Sektor dachte. In den Hochzeiten freigeistiger Erziehungskultur, als man in Kinderläden und auf Abenteuerspielplätzen Kinder zur Selbstverwirklichung ermunterte, verkörpern die „Krokodiler“ ein Beispiel für gelungene kindliche Selbstverwaltung. Tritt anfänglich ein autokratischer Anführer das Banden-Ethos mit Füßen und verficht ein intolerantes und unmoralisches Regime, entwickeln sich alsbald progressive Gegenkräfte. Nach einigen Konflikten nährt sich die Bandenpolitik schon bald der universalen Menschenrechtscharta und den Errungenschaften der heutigen „Affirmative Action“ an. Behinderte werden integriert, Ausländerkids geduldet. Deutlich erkennt man die Handschrift Max von der Grüns. Weil mit Wolfgang Becker ein altgedienter Krimispezialist und kein Sympathisant der Heimkinderbewegung regietechnisch am Werke war, dominiert am Schluss aber ein traditioneller Krimiplot, der die proletarisch-anarchistischen Selbstverwaltungsideale, deckelt. Zuletzt: Gewarnt sei vor den grauenvollen Folge-Verfilmungen des Stoffs, die von der Grüns klassenspezifische und kritische Intentionen auf den Kopf stellen, indem sie die Story in ein Mittelklasse-Milieu verlegen. Die Vorstadtkrokodile. Das Original aus den 70ern. Fernsehverfilmung aus dem Jahr 1977. DVD mit Hintergrundmaterial, EUR 16.95, Artikelnummer: D 16051.

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