Autor*innen, Porträt

die geschichte der bäume / die geschichte der wörter

Am 1. November verstarb mit Siegfried Kessemeier ein Autor und Literaturfreund, der maßgeblich an der Konzeption unseres Museum mitgewirkt hat. Sein Tod hinterlässt eine bleibende Lücke im westfälischen Kulturleben. Es ist gerade einmal ein Jahr her, da hatten wir mit Siegfried Kessemeier ein Interview im Rahmen des Projekts „Ich schreibe weil…“, in dem er auch von seinen aktuellen literarischen Plänen erzählte. Und das waren nicht wenige. Siegfried Kessemeier steckte immer voller Tatendrang, was auch mit seinen vielen (Neben-)-Berufen zu tun hat. Er war gelernter Publizist und Historiker, aber ebenso, wie er selbst sagte, „begeisterter Museumsmann“ und als solcher ein Freund der alten wie der modernen Künste. Seine eigentliche Passion aber war die Literatur. Er gab drei eigene Gedichtsammlungen heraus, ist in zahllosen Anthologien vertreten und hatte keine Berührungsängste, mit jungen Jazzern zusammenzuarbeiten.
Kessemeier war geradezu die Inkarnation eines homme de lettres. Jemand, der fortwährend neue Lektürefrüchte auftat und eigene Eindrücke und Verse zu Papier brachte. Die Literatur war sein besonderes Lebenselixier: „Ich schreibe weil es ein Element meines Lebens ist, mich in Sprache auszudrücken“, sagte er einmal, „ich könnte es nicht ungeschrieben lassen.“ Der Bleistift war sein ständiger Begleiter. Auch in Alltagssituationen entstanden Ideen und Skizzen für neue Texte: “Ich schreibe zwar nicht auf dem Fahrrad, aber ich mache Texte auf dem Fahrrad.“

Auch als literarischer Vermittler erwarb sich Kessemeier große Verdienste. Seine Hilfsbereitschaft war sprichwörtlich. Der Verfasser dieser Zeilen kann dies aus eigener Erfahrung bestätigen. Bei der Konzeption des „Museums für Westfälische Literatur“ leistete Kessemeier wertvolle Hilfestellungen. Für ihn war so etwas eine Selbstverständlichkeit. Man konnte bei ihm anklopfen und sich sicher sein, dass ihm solche Anfragen nicht lästig waren.
Im WESTFALENSPIEGEL erschienen 1969 seine ersten literarischen Texte. Sie waren kurz und knapp mit „Acht Gedichte“ überschrieben. Unprätentiös war auch die Lyrik selbst. Kessemeiers Texte sind nüchtern, reduziert und lakonisch pointiert – ein Novum in der damaligen niederdeutschen Literaturszene, die eher vom harmlosen Döhnekes-Humor geprägt war. Neben Norbert Johannimloh war es Siegfried Kessemeier, der die niederdeutsche Sprache für die moderne westfälische Literatur entdeckte. Für Jürgen P. Wallmann zählte Kessemeier zu jenen Autoren, „denen es gelungen ist, die Mundartdichtung vom Geruch nostalgischer Brauchtumspflege befreit und zum Bestandteil der literarischen Moderne gemacht zu haben.“

Kessemeier wandte sich dem Niederdeutschen zu, weil es, wie er sagte, „eine literarisch unverbrauchte Sprache ist und weil sie in meiner Variante so klangvoll ist“. Später trat die hochdeutsche Lyrik als gleichberechtigt hinzu. Die Themen- und Motivkreise aber blieben – Landschaft, Natur, Zeit, Vergänglichkeit, die Auseinandersetzung mit Motiven aus der Bildenden Kunst. Paradigmatisch illustriert dies ein Text wie „ortschronik“:

die geschichte der bäume
die geschichte der steine
die geschichte der bäche

die geschichte der straßen
die geschichte der häuser
die geschichte der gärten

die geschichte der sommer
die geschichte der herbste
die geschichte der winter

die geschichte der wörter
die geschichte der träume
die geschichte der tode

die geschichte des kommens
die geschichte des gehens
die geschichte des vergessens

Wenn die westfälische Mundartpoesie heute auch überregional einen guten Klang hat, ist das maßgeblich ein Verdienst Siegfried Kessemeiers. Die vielen Literaturpreise, die er erhielt, sprechen für sich. Hier sind unter anderem der Rottendorf-Preis, der Klaus-Groth-Preis, der Kulturpreis des Hochsauer- landkreises und der Wilhelmine-Siefkes-Preis zu nennen.

Der nachfolgende Text Kessemeiers liest sich wie ein Vermächtnis, wie ein Abschiedsgruß.

weg
hinweg
fliegt
der augenblick
zeit

jeder
hat seine
handvoll

fest
zu halten
ist nichts
als das
ende

weg
hinweg
fliegt
der augenblick
zeit

Walter Gödden

Diskussion

Hinterlassen Sie einen Kommentar oder setzen Sie einen Trackback.

Kommentare abonnieren.

Bitte fair bleiben. Wir behalten uns vor, gegebenenfalls Kommentare zu löschen.

Sie können diese Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*Notwendige Angaben