Autoren, Bücher, Entdeckung

Geister der Vergangenheit

An dieser Stelle möchten wir passend zum Bücherherbst neue Romane westfälischer Autoren vorstellen. Den Anfang macht der schon im letzten Jahr erschienene Roman „Katzenberge“ der in Münster lebenden Autorin Sabrina Janesch.

Es spukt in Sabrina Janeschs Debütroman „Katzenberge“. Gespenster allenthalben: im Dämmerlicht erobern sie die Lichtungen und Felder und tanzen den Großeltern der Erzählerin vor der Nase herum. Die Gegend der Katzenberge im ehemaligen Schlesien, in die es jene nach ihrer Vertreibung aus Galizien verschlug, strahlt eine unheimliche, beängstigende Atmosphäre aus. Bis klar wird, dass hier keine echten Kobolde und Geister hausen, drohen auch uns Lesern die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Geisterwelt auf beunruhigende Weise zu verschwimmen. Diese Erfahrung teilen wir mit den entwurzelten Großeltern, die verzweifelt im ostpolnischen Volkglauben die Erklärung für die übersinnlich anmutenden Erscheinungen suchen. Man übt sich in Exorzismen, nagelt Eulen an die Haustür, bedeckt die Dielen mit Kräutermischungen. Die Ursache für die rätselhaften Geschehnisse erweist sich schließlich als profaner, doch nicht weniger kompliziert. Es sind die sprichwörtlichen Geister einer unbewältigten Vergangenheit, die die Alten seit Jahrzehnten in Atem halten.

Als die Erzählerin, eine junge Berliner Journalistin, anlässlich der Bestattung ihres Großvaters in das kleine schlesische Dorf reist, wird sie selbst von den Dämonen der Vergangenheit erfasst. Sie beschließt, den familiären Traumata von Flucht und Vertreibung auf den Grund zu gehen, die unseligen Geister endlich zu bannen. Als erste der Familie überhaupt bricht sie in die verlorene Heimat, nach Ostgalizien auf. Auf ihrer Reise macht sie Bekanntschaft mit skurrilen Verwandten, holprigen ukrainischen Straßen und bestechlichen Grenzern, bevor sie am Ziel, im großväterlichen Geburtsort, anlangt. Hier, im vergreisten Dorf, das sich zwischen wogenden Kornfeldern versteckt, findet sie endlich die Antworten, die sie sucht.

Dramaturgisch erinnert Janeschs familienbiografischer Roadmovie, in den lange historische Rückblenden von der Flucht des Großvaters eingeflochten sind, an Jonathan Safran Foers „Alles ist erleuchtet“. Mit dem Unterschied, dass Janesch auf dessen comichafte, auf Pointen schielende Erzählweise verzichtet. Die Autorin wählt einen anderen Weg: mithilfe der Schilderung der rätselhaften Erscheinungen evoziert sie eine unheimliche, bedrohliche Atmosphäre, die die existentielle Unsicherheit der entwurzelten und durch Krieg und Familienzerwürfnissen traumatisierten Großeltern widerspiegelt. Die Doppelbödigkeit des Geschehens evoziert auch beim Leser ein unbehagliches Gefühl. Ferner sind die erdenschweren, poetischen Landschaftsschilderungen hervorzuheben, ein Vergleich zu frühen Hertha-Müller-Erzählungen drängt sich hier auf.

„Katzenberge“ ist ein wichtiger Debut-Roman, der aus der Masse der jüngeren Familienliteratur heraussticht. Janesch bringt eine andere Geschichte der Vertreibung zu Gehör, die in Deutschland so gut wie unbekannt ist. „Wenn man vergisst“, heißt es an einer Stelle des Romans „ begeht man den gleichen Fehler wieder und wieder“. Gegen das Vergessen erzählt der Roman an. In teilweise drastischen Bildern. Die Rückblenden der großväterlichen Odyssee durch die „Bloodlands“ des Zweiten Weltkrieg ist – entschuldigen Sie das Wort – ergreifend. Eine erschreckende Einsicht, die die Lektüre dieses Romans lehrt, ist: wie erfolgreich die deutschen Vertriebenenverbände es bis heute vermocht haben, den Begriff der Vertreibung zu besetzen. Die Literatur, zeigt sich, hat die einseitigen, um die „deutschen Opfer“ zentrierten, Diskurse glücklicherweise längst überwunden. In einem multi-kulturellen Europa sollte dies aber eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein.

Sabrina Janesch: Katzenberge. Roman. Aufbau Verlag, 2010, Gebunden. € 19,95 ISBN 978-3-351-03319-4.

Steffen Stadthaus

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