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Von Dichtern mit Staublungen


2011 ist das Jahr der Arbeiterliteratur und -dichtung. Nach der hier gezeigten Ausstellung zur Gruppe 61 und ihrer Erkundung eines untergegangenen Jahrzehnts, in denen Staublungen auf Farbfernsehen trafen und die Arbeit vor Kohle in den symbolischen Raum der Literatur abwanderte, hat die LWL-Literaturkommission nun noch einen Meilenstein der hiesigen Bergarbeiterdichtung aus den lichtlosen fünfziger Jahren ans Tageslicht befördert: Uwe-K. Ketelsen gibt die Neuauflage der Anthologie „Wir tragen ein Licht durch die Nacht“ von 1960 heraus. Der vorliegende Band wurde damals von einer pädagogisch-paternalistisch wirkenden, um hochkulturelle Bildung, bergbauliches Ethos und politische Mobilisierung bemühten Gewerkschaft initiiert.
Im Unterschied zur „modernen“, zeitkritischen Schreibe vieler Autoren der Gruppe 61, trifft man neben “Klassikern“ wie Paul Zech und Josef Winckler auch auf manch unbekannten jüngeren Autor und auf einen Untertage-Existentialismus, der tief in die erste Jahrhunderthälfte zurückweist. Bergbau wird besungen als ein ewiger, mystischer Kampf zwischen Mensch und Erdgewalten, Tod und Unglück lauern dem Kumpel auf Schritt und Tritt. Das O-Mensch Pathos der Ersten Weltkriegsdichtung hallt in vielen Gedichten nach, ein Umstand, der zeigt, dass die Arbeiterdichtung in den fünfziger Jahren noch um eine eigene Formensprache rang. Otto Wohlgemuth beschreitet teilweise andere Wege: Seine Poetisierung des Siedlungsalltags erinnert in den besten Momenten an die neusachlich- melancholische Berliner Hinterhof-Lyrik Erich Kästners. Auch im Leben der „Kumpels“ – das ließ die „Schlagwetter“-Dichtung fast vergessen – keimt die Sehnsucht nach dem kleinen Gück. Wohlgemuth zeigt, dass man, um dieses zu erleben, nicht, wie der Heile-Welt-Kitsch der Heimatfilme und Schlager suggerierte, in die Alpen oder an die Adria reisen musste. Als ein hellwach-melancholischer Beobachter, fängt Wohlgemuth die melancholischen Stimmungen abendlicher Bergmannssiedlungen in seinen Gedichten ein. Seine Liebeserklärung an das Revier kann sich dabei durchaus mit Grönemeyers „Bochum“ messen:

Liebste am Abend

Wenn bei uns zu Hause,
in Gelsenkirchen oder in Buer,
junge Mädchen mit ihrem Liebsten
des Abends ziehn über Flur,
ach so schwärmen sie.
Spricht das Mädchen:
Du, schau doch,
o sieh nur, wie von den Zechen
die Kokereien leuchten,
wie die Schachtanlagen aufbrechen,
und wie die Lichterbäume von den Städten
aufsteigen in den Himmel
wie ein märchenhafter Girlandenhimmel.
Ich glaube, Liebster,
es ist nirgendwo in Deutschland
so schön.
[…]

In seinem ausführlichen Nachwort rundet Uwe K. Ketelsen den Band mit einer fundierten historischen und literaturtheoretischen Kontextualisierung ab und betont „die erhebliche sozial-und kulturwissenschaftliche Bedeutung“. Ergänzt wird das Ganze durch ein übersichtliches bio-bibliographisches Verzeichnis der Autoren sowie kommentierten Anmerkungen. Auch für alle Nicht-Arbeiter ein Muss.
Uwe-K. Ketelsen (Hrsg.): Wir tragen ein Licht durch die Nacht. Gedichte aus der Welt des Bergmanns.
Literaturkommission für Westfalen. Reihe Texte Band 21.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2011.

Stef Stadthaus