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Yoga-los und froh dabei

Marc Degens auf Lit-Fest in Nottbeck

Als „kafkaisch-joyceanischer Strindberg der Generation X für Beckettleser, die gerne comiclesend fernsehen“, hat Dietmar Dath den Autor Marc Degens charakterisiert und damit ganz Dath-typisch ins Schwarze getroffen. Die Generation X gibt es zwar nicht mehr, in den Texten von Marc Degens aber hat sie glücklicherweise überlebt. Degens-Helden zappen in Schlafanzügen durch nachmittägliche Fernsehprogramme, flanieren in Vorortzügen durch Ruhrstadtperipherien und trinken in Eckkneipen Bier aus großen Gläsern. Hierbei besitzen sie ein beneidenswert yogaloses inneres Gleichgewicht. In Zeiten grassierender Burn-out-Symptomatik bringt sie nichts aus der Ruhe. Arbeitende Menschen tauchen in Degens Büchern gar nicht erst auf, ein eichendörffisches Hohelied über die Arbeitslosigkeit schon:

„Ich zündete die Zigarre an, die Manni Höttges spendiert hatte, und ließ die ersten beiden Züge tief in meiner Körperflora verschwinden. Die Drosseln flöteten, die Rotkehlchen trillerten, und die Buchfinken jubelten. Herrlich, im Herzen bin ich Rentner!“

Den Trend zu konsumistischen Entschleunigungstechniken kontert Degens mit der Utopie eines ereignislosen Rentneralltags in dezentralen städtischen Randlagen. Müßiggang und Alltagstrott werden als Lebenskunst entdeckt. Er adelt die unspektakulärsten Gewohnheiten als erzählerische Sujets, vermeintlich nebensächliche Geschehnisse gewinnen erzählerischen Ereignischarakter. Dem Gang zum Bäcker, dem Besuch bei der Oma, einem Zwischenstopp auf dem Bahnhofsvorplatz von Wanne-Eickel entlockt Degens literarisch-poetischen Mehrwert. Formal ist dies kongenial umgesetzt: Er erweist sich als Meister der narrativen Tempodrosselung, als Erfinder eines literarischen Slowcores. Mit fast verschwenderischer Geduld verweilt er bei den scheinbar nebensächlichen Dingen; er vertagträumt die Pointen, schweift ab, verliert sich im Erzählfluss – ganz nebenbei erschafft er so eine ganz eigene Variante literarischen Abhängertums.

Der Autor ist am 16. und 17. Juli Gast des Nottbeck-Festivals, bei dem er aus seinem neuen Roman „Das kaputte Knie Gottes“ lesen wird. Außerdem initiiert er eine „Türklingellesung“: jeder „Klingelmännchen“-Attacke, die am Samstagabend ausdrücklich erwünscht ist, wird mit Lyrik und Kurzprosa gekontert. Trauen Sie sich!

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