Autor*innen, Interview, Kreativität in der Krise

„Man muss sich nur mal vorstellen, alle Kunst- und Kulturschaffenden würden einen einzigen Tag schweigen. Kein Lied, kein Film, kein Buch. Es wäre still.“

© Heyne Verlag

Bei dem Versuch eine Lesung mit Ihnen zu buchen, scheitert man momentan kläglich. Alle Veranstaltungen sind bis Ende November aufgrund des zweiten Lockdowns verständlicherweise abgesagt worden. Dennoch sind Sie kreativ geworden und geben auf Ihrem eigenen YouTube-Kanal fröhlich Einblicke in Ihre Werke. Wie wirkt sich diese momentane mediale Umstellung auf Sie aus?

Es ist überhaupt kein Vergleich. Lesungen sind etwas sehr persönliches. Und etwas reales. Mein Beruf spielt sich überwiegend in meinem Kopf ab, mit erdachten Geschichten, fiktiven Personen, Gesprächen und Emotionen. Dieser direkte Kontakt mit den Menschen, die meinen Geschichten während einer Lesung zuhören, die sich für mich Zeit genommen haben, die lachen, staunen, sich wundern, also irgendwie reagieren, den vermisse ich sehr. Da ist ein erhobener Daumen unter einem Video wirklich nicht dasselbe.

Ihr neuster Roman „Klammerblues um zwölf“ erschien im Juli dieses Jahres. Denken Sie, dass dieser Zeitpunkt für die Publikation Unterschiede im Vergleich zu Zeiten vor der Corona Pandemie ausgemacht hat?

O ja! Normalerweise feiern wir ein neues Buch mit einer Premierenlesung. Als wir 2019 »Der Alte muss weg« vorgestellt haben, waren weit über hundert Menschen dabei. Danach war ich mit dem Roman monatelang in Deutschland und in der Schweiz unterwegs, es war fast überall ausverkauft und die Büchertische der Buchhändler waren am Ende des Abends fast immer leer. »Klammerblues um zwölf« hatte keine Premiere und keine Lesereise – dafür hat es sich aber dann doch gut verkauft. Vielleicht haben die Online-Lesungen was bewirkt…

Wie beeinflusst die aktuelle Situation Ihr Schreiben selbst? Inwiefern nehmen Sie die letzten Monate als (Schreib-)Krise wahr und inwiefern eventuell auch als inspirierende Zeit?

Wenn man von den ausgefallenen Lesungen absieht, hat sich für mich im Alltag nichts geändert: Ich sitze im Kämmerlein und schreibe. Die verlorenen Reisen sind aber auch gewonnene Zeit, und die habe ich sehr kreativ verbracht. Im Heyne Verlag liegen zwei fertige Komödien und aktuell schreibe ich an einem Buch, das ich ohne die zusätzliche Zeit nicht begonnen hätte.

Die Einteilung in systemrelevante und -irrelevante Jobs zu Beginn der Krise hat für Kontroversen gesorgt. Insbesondere Verbände von Kunst- und Kulturschaffenden warnten immer wieder eindringlich vor einer Vernachlässigung ihrer Branche. Wie sehen Sie Ihre Rolle in der Gesellschaft? Fühlen Sie sich vernachlässigt – im allgemeinen Bewusstsein, aber auch bei der Verteilung der Gelder zur Soforthilfe? Warum ist Literatur (und andere Kunst) ebenfalls wichtig für eine Gesellschaft, vielleicht gerade in einer Krise?

Mir brach durch die abgesagten Touren über die Hälfte meines Jahreseinkommens weg, was zur Folge hatte, dass ich die Coronahilfe für drei Monate bekommen habe. Außerdem habe ich ein projektbezogenes Stipendium erhalten, das mir die Arbeit an einem neuen Buch erleichtert. Nun dauert die Krise aber schon zehn Monate, was bedeutet, dass ich die monatlichen Kosten derzeit von meiner Altersvorsorge bestreite. Die Rolle von Kunst und Kultur in der Gesellschaft wird jetzt sehr deutlich, weil wir plötzlich viel Zeit haben. Was tun wir, wenn wir Zeit haben? Wir schauen Filme, die ohne Drehbuchautoren, Regisseure, Schauspieler und viele andere Kulturschaffende nicht möglich wären. Wir hören Musik, oft ohne uns darüber klar zu sein, dass Komponisten, Texter, Interpreten, Tontechniker und viele andere daran beteiligt sind. Wir lesen, vielleicht ohne zu bemerken, dass ein Buch nicht nur den Autor ernährt, sondern auch Lektoren, Marketingleute, Drucker, Verlage und Buchhändler. Man muss sich nur mal vorstellen, alle Kunst- und Kulturschaffenden würden einen einzigen Tag schweigen. Kein Lied, kein Film, kein Buch. Es wäre still.

In Ihrem YouTube-Video zu Ihrem neusten Roman „Klammerblues um zwölf“ beschreiben Sie anfangs die Stimmung, die während einer Lesung zustande käme. Können Sie sich zukünftig, falls keine Änderungen der momentanen pandemischen Lage in Sicht sind, ein Onlineformat vorstellen? Fehlt Ihnen die Nähe zu Ihrem Publikum oder ist der „Gruß aus der Küche“ eine nette Abwechslung?

Ein Onlineformat kann für mich nur übergangsweise eine Lösung sein, aber niemals eine Alternative zum realen Publikum. »Gruß aus der Küche«, »Krimi am Kamin« und die Ausflugsfilme »Route wird gestartet« sind zum einen der Versuch, mein Publikum auch jetzt zu unterhalten. Zum anderen möchte ich nicht vergessen werden. Und nicht zuletzt habe ich mir damit eine neue Aufgabe gestellt, die mir selber hilft, Lücken in meinem Beruf zu füllen und nicht untätig herumzusitzen.

Was sagt Ihr Bauchgefühl Ihnen, wenn Sie an 2021 denken und inwiefern stellen Sie beruflich und privat derzeit Pläne für das kommende Jahr auf?

Ich bin Optimistin und voller Hoffnung, dass die meisten Menschen sich während der Pandemie verantwortungsbewusst verhalten und erkennen, dass Demokratie und Meinungsfreiheit nichts damit zu haben, andere wissentlich zu gefährden. Dass es schon Impfstoffe gibt, halte ich für einen großartigen Erfolg, ich bin froh und dankbar und das gibt mir Kraft, die nächsten Monate zu überstehen. Und ich glaube, dass es im kommenden Jahr wieder Lesungen gibt, allerdings nicht mehr in den kleinen Läden, sondern eher draußen, in Parks, Gärten und auf Plätzen.

Zum Abschluss dürfen Sie dem Corona-Virus höchstpersönlich noch etwas mit auf den Weg geben:

Wir haben verstanden. Du kannst verschwinden.

 

 

– Interview: Bea Karola Kockmeyer

 

Für alle, die mehr über Carla Berlings YouTube-Kanal erfahren wollen, gibt es hier den weiterführenden Link: https://www.youtube.com/channel/UCWstDrgQ3Ecs34Cb7P3Uf_w

Alles zu Carla Berling, zu ihren Büchern, Lesungen, Veranstaltungen usw. unter: https://www.carla-berling.de/

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