Allgemein, Autor*innen, Interview, Kreativität in der Krise

„Nichts, wirklich nichts, kann den direkten Kontakt zu meinen Leser*innen ersetzen“

Heute interviewen wir Renate Behr für unsere Reihe „Kreativität in der Krise“.


Bevor wir auf die eigentliche Thematik zu sprechen kommen, ein paar Fragen zum Einstieg. Auf Ihrer Homepage steht als Banner folgender Spruch geschrieben: „Ein spannendes Buch ist Urlaub vom Alltag“. Wie definieren Sie ein spannendes Buch und welches lesen Sie selbst aktuell?

Ein Buch ist für mich persönlich spannend, wenn der/die Autor*in es schafft, Bilder in meinem Kopf zu erzeugen. Dann lese ich nicht nur, sondern erlebe die Story mit. Zurzeit lese ich „Messepartner“ aus der Mainhattan-Krimi-Reihe von Dietmar Cuntz.

Unter dem Branding Ronda Baker — History Crime veröffentlichen Sie historische Kriminalromane. Wie kam es zu diesem Pseudonym, gab es Einflüsse oder Ideengeber?

Das Branding RBHC –also Ronda Baker History Crime – hat der Brighton Verlag geschaffen für eine vierteilige Romanreihe, die dort vor einigen Jahren neu erschienen ist. Das ist kein Pseudonym, sondern die vier Bände erscheinen unter meinem Namen.

Zwei Ihrer Krimireihen spielen in Werne und Thüringen. Wie haben Sie diese beiden Regionen ausgewählt? Sind sie dorthin gereist und haben sich von Orten dort inspirieren lassen?

In Werne habe ich sechs Jahre gewohnt, jetzt wohne ich immer noch ganz in der Nähe. Auf die Thüringen-Krimis bin ich gekommen, weil man Mann dort geboren wurde und wir häufig unseren Urlaub am Rennsteig verbringen.


Nun zum Aspekt „Kreativität in der Krise“. Die Nachrichten aus der Literaturbranche sind zurzeit sehr ambivalent. Zunächst wurden Lesungen, Workshops sowie die großen Buchmessen zu Beginn der Pandemie abgesagt, danach entwickelte sich eine Welle digital stattfindender Veranstaltungen und von Bund und Ländern wurden Soforthilfen ausgezahlt. Nun entstehen hybride Lösungen, sodass die rein digitalen Formate wieder zu Events mit Präsenz, natürlich unter Einhaltung der aktuell gültigen Hygiene- und Sicherheitsbestimmungen, umgewandelt werden. Dies erweist sich bisher auch als voller Erfolg. Wie geht es Ihnen in der aktuellen (Corona-)Situation?

Zunächst einmal zu Ihrer Aussage „und von Bund und Ländern wurden Soforthilfen ausgezahlt“: Auch ich habe einen Antrag gestellt – um zumindest meine ganz realen Verluste 2020 geltend zu machen. Geplant waren diverse Lesungen hier in der Region und eine Lesereise durch Thüringen zur Vorstellung meines neuen Romans „Tod am Dreiherrenstein“. Diese Veranstaltungen wurden wegen der Pandemie alle abgesagt vonseiten der Veranstalter. Außerdem fanden einige regionale Märkte, die ich sonst immer besuche, nicht statt. Mein Antrag wurde abgelehnt. Begründung: Ich könne ja keine Verträge über die Lesungen vorlegen. Bei Lesungen in Buchhandlungen gibt es aber keine schriftlichen Verträge, das wird alles mündlich vereinbart, einschließlich der Honorarabsprachen. Was mir an Buchverkäufen entgangen ist, konnte ich ebenfalls nur schätzen. Das hat nicht gereicht. Und ganz nebenbei, wir reden hier davon, dass ich einen Ausgleich von ca. 700 Euro beantragt habe, der mir aber nicht gewährt wurde. Unterstützung von notleidenden Autoren sieht für mich anders aus. Mein tatsächlicher Verlust, auch durch Absagen von Messen etc. ist deutlich höher. Also verstehen Sie bitte, dass meine Ansicht zu den Hilfsleistungen für Kreative nicht mehr ganz so gut ist.

Selbstverständlich nutze ich Social Media intensiv. Mein Verlag hat Trailer für mich auf YouTube geschaltet und ich habe eigene Lesungen aufgenommen und online gestellt. Mein Verlag tut ein übriges, um seine Autoren intensiv zu unterstützen. Aber nichts, wirklich nichts, kann den direkten Kontakt zu meinen Leser*innen ersetzen. Insofern ist diese Pandemie natürlich eine Katastrophe.

Wie beeinflusst die aktuelle Situation Ihr eigenes Schreiben? Inwiefern nehmen Sie die letzten Monate als (Schreib-)Krise wahr und inwiefern eventuell auch als inspirierende Zeit?

Hierzu kann ich nur sagen, dass ich das, was Sie als Schreib-Krise bezeichnen, gar nicht kenne. Für mich hat sich in der Corona-Zeit – abgesehen von der Tatsache, dass öffentliche Veranstaltungen nicht oder nur sehr begrenzt möglich sind – nicht viel geändert. Mein Mann und ich leben ohnehin zurückgezogen. Ich habe in den letzten Monaten einen weiteren Werne-Krimi geschrieben und arbeite derzeit an zwei weiteren Romanen. Auch ein neuer Thüringen-Krimi ist bereits geplant und für den nächsten Werne-Krimi beginne ich gerade mit den Recherchen. Es wird der 14. Teil dieser Reihe werden und im 4. Quartal 2021 erscheinen. Das ist übrigens ein ganz normales Arbeitspensum für mich und hat sich durch die Corona-Krise nicht verändert.

Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, eine solche Pandemie, bei der sehr viele Menschen sterben, als Inspiration zu betrachten. Es ist einfach nur schrecklich und jeder von uns steht meiner Meinung nach in der Verantwortung, durch sein eigenes Handeln dafür zu sorgen, sich und andere zu schützen.

Die Einteilung in systemrelevante und -irrelevante Jobs zu Beginn der Krise hat für Kontroversen gesorgt. Insbesondere Verbände von Kunst- und Kulturschaffenden warnten immer wieder eindringlich vor einer Vernachlässigung ihrer Branche. Wie sehen Sie Ihre Rolle in der Gesellschaft? Fühlen Sie sich vernachlässigt – im allgemeinen Bewusstsein, aber auch bei der Verteilung der oben genannten Gelder zur Soforthilfe? Warum ist Literatur (und andere Kunst) ebenfalls wichtig für eine Gesellschaft, vielleicht gerade in einer Krise?

Selbstverständlich ist Kultur systemrelevant. Und ja, ich finde, dass freie Autor*innen, Veranstalter*innen etc. durchaus vernachlässigt werden. Als Autor*in wird man da gar nicht mehr richtig wahrgenommen. Du schreibst ja nur Bücher. Dass aber das geschriebene Wort eines der höchsten Kulturgüter einer zivilisierten Gesellschaft ist, will niemand so richtig wahrnehmen. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Meine Hochachtung gilt all denjenigen, die sich in dieser schwierigen Zeit für das Allgemeinwohl und das Wohl einzelner Menschen einsetzen. Und ich bin auch der Ansicht, dass dies gefördert und honoriert werden muss. Aber ich finde eben auch, dass man trotz allem nicht eine ganze Branche nach hinten stellen darf, sodass sie am Ende zur Bedeutungslosigkeit verdammt wird. Gerade in schwierigen Zeiten sind kulturelle Veranstaltung wichtig, um den Menschen positive Emotionen zu verschaffen, die sie die Krise besser durchstehen lassen.

 

Mit welchen Gedanken blicken Sie in die Zukunft? Was wünschen Sie sich zurück, was kann Ihrer Meinung nach auch bei der Rückkehr zur „alten Normalität“ beibehalten werden (z. B. gelockerte Regelungen zum Thema Homeoffice usw.)?

Ich bin grundsätzlich ein positiver Mensch und versuche, aus jeder Situation das Beste zu machen. Eine Rückkehr zur „alten Normalität“ wird es meiner Meinung nach auf lange Sicht nicht geben. Solange keine wirksamen Medikamente gegen Covid-19 zur Verfügung stehen – und die halte ich für viel wichtiger als einen Impfstoff, bei dem Wirkung und Risiken noch gar nicht absehbar sind – werden wir mit Einschränkungen leben müssen. Vorbeugung ist sicher gut, aber Heilung von Betroffenen wäre besser.
Was mich persönlich anbelangt, werde ich mein Leben so weiterleben wie bisher. Ich hoffe darauf, dass meine Mitmenschen vernünftig genug sind, sich an die Regeln zu halten, auch wenn es manchmal unangenehm ist. Nur so können wir die Krise in geordnete Bahnen lenken. Wenn das für mich persönlich bedeutet, keine oder nur sehr kleine Lesungen halten zu können, dann werde ich mich damit abfinden. Das ist in meinem Alter (66 Jahre) sicher etwas einfacher als bei jüngeren Kolleg*innen.
Ich würde es aber durchaus wünschenswert finden, wenn sich die Kulturbranche im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten wieder mehr öffentlich präsentieren dürfte. Virtuell ist das zwar möglich, aber nicht jeder hat die Möglichkeit, das auch zu nutzen. Wie gesagt, der persönliche Kontakt zu meinen Leser*innen, die Spannung in den Gesichtern, wenn ich vorlese – das alles lässt sich nicht per Video rüberbringen. Ich bin aber trotzdem guter Hoffnung, dass sich Wege finden werden, wie auch Autoren oder freischaffende Künstler wieder ihrem Beruf nachgehen können, der für viele mehr als ein Job ist, sondern eine Berufung.

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