Allgemein, Autor*innen, Kreativität in der Krise

„Ohne Literatur, Musik, Schauspiel oder bildende Künste fehlen Räume, in denen Menschen auftanken können.“

Heute interviewen wir Christiane Dieckerhoff für unsere Reihe „Kreativität in der Krise“.

Foto: Ilona Voss

Zu Anfang eine Frage der Präferenz: Sie haben vor Kurzem auf Ihrer Facebook-Seite einen Beitrag geteilt, der zeigt, dass Sie Ihre Texte handschriftlich vorschreiben. Hilft Ihnen das im Schreibprozess? Was halten Sie für Ihr kreatives Schaffen ertragreicher, handschriftliches Schreiben oder das Tippen am Laptop? Und warum sehen Sie das so?

Eigentlich schreibe ich alles bis auf Kurzgeschichten am Computer. Meine Schrift tendiert dazu, mit jeder Seite unleserlicher zu werden. Außerdem bin ich ein Kreuz- und Querschreiber. Während des Tippens passiert etwas zwischen meinem Gehirn und meinen Fingern, was ich nicht wirklich verstehe. Oft weiß ich nicht, was ich gedacht habe, bis ich es geschrieben vor mir sehe.

Anne Beckenbridge und Nelly Fahrenbach – unter diesen Pseudonymen schreiben Sie historische Romane und Liebesromane, während Sie unter ihrem echten Namen Krimis verfassen. Wie kam es dazu? Und wie haben sich diese Pseudonyme entwickelt, gab es Einflüsse oder Ideengeber?

Irgendwie herrscht in der Buchbranche die Meinung, man könne nicht unter gleichem Namen in unterschiedlichen Genres schreiben. Ich weiß nicht, ob das wirklich so stimmt, aber natürlich vertraue ich da auf das geballte Branchenwissen. Anne Breckenridge war die Idee meiner damaligen Agentin. Sie war der Ansicht, ein englisch klingender Name würde besser zu historischen Romanen passen. Ich habe lange gegrübelt und dann meine Tochter gefragt, die in Amerika verheiratet ist, ob ich ihren Nachnamen verwenden darf. Das hat sie erlaubt. So wurde Anne Breckenridge geboren. Der Name Nelly Fehrenbach ist eine Gemeinschaftsentwicklung des Krimistammtisches Ruhrgebiet. Wir dachten, der Name passt sowohl zu mir, als auch zu Frauenbüchern.

In Ihren Romanen unter dem Pseudonym Nelly Fahrenbach spielen Krankheit und Schicksalsschläge eine zentrale Rolle. Sie haben vor Ihrer Tätigkeit als Autorin als Kinderkrankenschwester auf einer Station für Frühgeborene gearbeitet. Verarbeiten Sie in den Geschichten somit schöne und traurige Erfahrungen und Erinnerungen aus ihrem alten Beruf?

Meine Zeit als Kinderkrankenschwester hilft mir bei all meinen Büchern. Die Begegnung mit Krankheit und Tod ist eine sehr intensive Erfahrung. Außerdem hat mir die Arbeit mit den Familien die unterschiedlichsten Lebenswelten eröffnet und mir ermöglicht, Menschen in schwierigen, zum Teil existenziell bedrohlichen Lebensphasen zu begleiten. Das ist ein reicher Erfahrungsschatz, der natürlich mein Schreiben beeinflusst.

Mit Krimis, historischen Romanen und Liebesromanen decken Sie drei große Genres ab. Gibt es weitere Genres, die Sie zukünftig in Romanen thematisieren möchten? Möglicherweise unter einem weiteren Pseudonym?

Das kann durchaus sein, gerade eben habe ich ein Herzensprojekt beendet, das zu keinem der von Ihnen genannten Genres gehört. Als Autorin begreife ich mich als Geschichtenerzählerin. Und mit Geschichten ist es, wie mit dem Wasser. Sie finden Ihren Weg.

Die Nachrichten aus der Literaturbranche sind zurzeit sehr ambivalent. Zunächst wurden Lesungen, Workshops sowie die großen Buchmessen zu Beginn der Pandemie abgesagt, danach entwickelte sich eine Welle digital stattfindender Veranstaltungen und von Bund und Ländern wurden Soforthilfen ausgezahlt. Nun entstehen hybride Lösungen, sodass die rein digitalen Formate wieder zu Events mit Präsenz, natürlich unter Einhaltung der aktuell gültigen Hygiene- und Sicherheitsbestimmungen, umgewandelt werden. Dies erweist sich bisher auch als voller Erfolg. Wie geht es Ihnen in der aktuellen (Corona-)Situation?

Pünktlich zum Lockdown kam mein aktuelles Buch „Vermisst“ heraus. Das war natürlich ein Desaster: geschlossene Buchhandlungen, selbst Amazon hat die Bücher aus den Lagern genommen, abgesagte Lesungen. Es fühlte sich an, wie eine Operation am offenen Herzen. Seit März fühlt sich das Leben etwas neben der Spur an. Gleichzeitig sind die Verlage sehr zögerlich, was neue Projekte angeht und das macht natürlich Angst. Auch wenn ich durchaus andere Formate ausprobiert habe, wie Onlinebuchvorstellungen, fehlen mir die Lesungen und die Fixpunkte des Jahres, wie Buchmesse, Criminale, Mord am Hellweg. Aber vor allem fehlen mir die Gespräche mit den KollegInnen.

Aber es gibt kleine Hoffnungsschimmer: Im August konnte ich dann die für Ende März geplante Premierenlesung unter Coronaschutzbedingungen nachholen. Sehr dankbar bin ich für die Coronahilfe des Landes NRW, die wirklich zum richtigen Zeitpunkt kam, nachdem zunächst viele Künstler durchs Förderungsraster gefallen sind.

Wie beeinflusst die aktuelle Situation Ihr eigenes Schreiben? Inwiefern nehmen Sie die letzten Monate als (Schreib-)Krise wahr und inwiefern eventuell auch als inspirierende Zeit?

Wenn ich nicht schreibe, bin ich unruhiger. Mein Schreiben hilft mir, mit der Situation zurechtzukommen. Ich bin sehr dankbar für die Möglichkeit, der Realität zu entfliehen. Inspirierend ist diese Zeit natürlich auch. Man lernt neue Facetten an seinen Mitmenschen kennen. Allerdings kann ich mir bis jetzt noch nicht vorstellen, diese Zeit in einem Roman zu thematisieren. Mir fehlt dazu die nötige Distanz.

Die Einteilung in systemrelevante und -irrelevante Jobs zu Beginn der Krise hat für Kontroversen gesorgt. Insbesondere Verbände von Kunst- und Kulturschaffenden warnten immer wieder eindringlich vor einer Vernachlässigung ihrer Branche. Wie sehen Sie Ihre Rolle in der Gesellschaft? Fühlen Sie sich vernachlässigt – im allgemeinen Bewusstsein, aber auch bei der Verteilung der oben genannten Gelder zur Soforthilfe? Warum ist Literatur (und andere Kunst) ebenfalls wichtig für eine Gesellschaft, vielleicht gerade in einer Krise?

Als irrelevant betrachtet zu werden, tat schon weh. Allerdings bedeutet das nicht, dass ich nicht die Arbeit der Verkäuferinnen, Krankenschwestern und -pflegern, Angestellten der Gesundheitsämter, Müllwerkern und Post- und Paketboten wertschätze. Sie waren und sind wichtig, um den reibungslosen Betrieb zu gewährleisten. Aber ohne Literatur, Musik, Schauspiel oder bildende Künste fehlen Räume, in denen Menschen auftanken können. Auch das gehört dazu, um den reibungslosen Betrieb zu gewährleisten. Dazu braucht es manchmal nur wenig. Mir hat beispielsweise der Song „Happy“ von Bukahara, der zufälligerweise zeitgleich mit meinem letzten Kriminalroman erschienen ist, über die Wochen des Lockdown hinweggeholfen, und auch heute noch fühle ich mich besser, wenn ich ihn höre.

Mit welchen Gedanken blicken Sie in die Zukunft? Was wünschen Sie sich zurück, was kann Ihrer Meinung nach auch bei der Rückkehr zur „alten Normalität“ beibehalten werden (z. B. gelockerte Regelungen zum Thema Homeoffice usw.)?

Ich habe drei Enkeltöchter auf zwei Kontinenten und deshalb hoffe ich, dass mehr Menschen in den Industrienationen begreifen, dass wir nicht einfach so weitermachen können. Wir müssen loslassen können und es akzeptieren, wenn Industrien, die nicht mehr zeitgemäß sind, verschwinden. Ich bin ein Kind des Ruhrgebietes. Ich weiß, was das bedeutet. Arbeitsplätze in Industrien oder Unternehmen, die umweltschädlich sind, nutzen niemandem, wenn es keine Umwelt mehr gibt, die es uns erlaubt, in ihr zu leben. Der Virus ist ja nur ein Symptom einer zunehmend kranken Welt. Die wirkliche Gefahr für die Menschheit, sind nicht Viren, sondern wir Menschen.

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