Autor*innen, Interview, Kreativität in der Krise

„Gerade in Zeiten, in denen wir so sehr auf uns zurückgeworfen sind, in denen Kontakte nur eingeschränkt möglich sind, in denen für manch einen das eigene Zuhause zum Gefängnis wird, ist Kunst wichtig.“

Heute interviewen wir Sarah Meyer-Dietrich für unsere Reihe „Kreativität in der Krise“.

Foto: Frank Vinken

„Auch wenn Corona uns allen einiges an Distanz abverlangt: Wir lassen uns nicht bremsen.“ Dieses motivierende Zitat lässt sich in einem Post auf Ihrer Facebook-Seite in Bezug auf einen Schreibworkshop finden. Würden Sie sich als positiven Menschen bezeichnen, für den die Corona-Pandemie keine berufliche und privat unlösbare Herausforderung ist?

Definitiv bin ich Optimistin. Manchmal irrt mein Optimismus allerdings. Als Anfang des Jahres die ersten Corona-Meldungen kamen und mein Mann einen Notvorrat in der Speisekammer anlegte, habe ich das noch für völlig übertrieben gehalten. Wenig später war ich froh über den Vorrat, auch wenn wir ihn letztlich doch nicht gebraucht haben, da wir nicht in Quarantäne mussten. Aber grundsätzlich bin ich immer erst einmal der Ansicht, dass wir die Dinge schon irgendwie hinkriegen werden – zur Not mit einem Plan B oder C oder D.

Neben Ihrer Tätigkeit als Autorin sind sie auch Dozentin für kreatives Schreiben mit Kindern und Jugendlichen. Wie stehen Sie zu den aktuellen Debatten um möglicherweise erneute Schulschließungen aufgrund steigender Infektionszahlen und fehlender Ressourcen für digitale Lehre?

Als im März alle Workshops, die ich halten sollte, abgesagt wurden, habe ich – wie viele Kolleginnen und Kollegen – spontan reagiert und gemeinsam mit den jeweiligen Organisatoren Online-Alternativen gesucht und gefunden. Das klappte viel besser, als ich zuerst erwartet hatte. Ich habe deutlich gemerkt, wie sehr den Teilnehmerinnen und Teilnehmern in dieser ersten Zeit des Kontaktverbots und der Schulschließungen die Decke auf den Kopf fiel. Insofern kamen die Workshops da genau richtig. Ich bin aber auch überzeugt davon, dass digitale Lehre den Präsenzunterricht nicht ersetzen kann. Onlineunterricht ersetzt auch die persönlichen Begegnungen nicht. Das Quatschen der Kindern und Jugendlichen in den Pausen fällt weg. Genauso wie die Möglichkeit, einfach mal schnell über einen Text zu gucken. Onlineunterricht verschärft außerdem die Unterschiede in den Bildungschancen. Wer Eltern hat, die die Möglichkeiten und die Zeit haben, ihre Kinder zu unterstützen, wer einen eigenen Laptop oder ein eigenes Tablet und ein eigenes Zimmer hat, in dem er in Ruhe arbeiten kann, ist klar im Vorteil. Aktuell leite ich in Herne einen analogen Schreibworkshop mit Viertklässlern, die größtenteils keine großen Schreibvorerfahrungen haben – die würde ich mit einem Online-Angebot wahrscheinlich nicht erreichen.

Sie konnten Teile Ihrer Workshops digital abhalten und waren somit Kindern und Jugendlichen im regen Austausch. Was glauben Sie, welchen Stellenwert haben die Literatur und das eigene, kreative Schreiben für diese? Wurde die aktuelle Situation von diesen in eigens verfassten Texten ggfs. auch aufgegriffen?

Das eigene kreative Schreiben ist für Kinder und Jugendliche eine wichtige Ausdrucksmöglichkeit. Fernab von Benotungen und strengen Vorgaben, können sie sich hier ausprobieren. Aber auch Worte finden für ihre eigene Lebenssituation, für Hoffnungen und Ängste, für alle Formen von Gefühlen. Immer wieder merke ich, wie wichtig das für viele Kinder und Jugendliche ist, und freue mich für jeden Teilnehmer und jede Teilnehmerin, der/die das Schreiben für sich entdeckt. Das Thema Corona tauchte interessanterweise nur am Rande auf in meinen „Corona-Workshops“. Im Zentrum standen, wie auch in den Workshops vor Corona, einerseits fantastische Themen und Krimihandlungen, andererseits jugendrelevante Themen wie Liebe, Freundschaft, Verlust und Trauer oder Mobbing.

Die Nachrichten aus der Literaturbranche sind zurzeit sehr ambivalent. Zunächst wurden Lesungen, Workshops sowie die großen Buchmessen zu Beginn der Pandemie abgesagt, danach entwickelte sich eine Welle digital stattfindender Veranstaltungen und von Bund und Ländern wurden Soforthilfen ausgezahlt. Nun entstehen hybride Lösungen, sodass die rein digitalen Formate wieder zu Events mit Präsenz, natürlich unter Einhaltung der aktuell gültigen Hygiene- und Sicherheitsbestimmungen, umgewandelt werden. Wie geht es Ihnen in der aktuellen (Corona-)Situation?

Workshops leite ich aktuell zwar – siehe oben – auch wieder analog, aber viele Angebote sind vorsichtshalber doch im Digitalen geblieben. Das ist für meinen Arbeitsalltag ziemlich praktisch, weil die Anfahrtszeiten von Workshops wegfallen. Wenn – ebenfalls siehe oben – eine komplette Umstellung auf Online-Angebote nicht in jedem Fall für einen Teil der Kinder und Jugendlichen die Teilhabe schwer bis unmöglich machen würde, wäre das also eine schöne neue Arbeitswelt für mich. Um ehrlich zu sein, habe ich ansonsten an der Vielzahl der Online-Events noch nicht teilgenommen. Auch wenn ja Lesungen und Konferenzen online abgehalten werden. Ich selbst bin als Zuhörerin bei Lesungen einfach am liebsten immer noch life dabei. Ich gehe gern mit einem signierten Buch nach Hause … Was meine eigenen Lesungen betrifft: Da merke ich im Gegensatz zu den Workshops die Corona-Situation immens. Trotz Werkproben-Stipendium und trotz Nominierung für den Literaturpreis Ruhr habe ich fast keine Lesungsanfragen für den Herbst.

Wie beeinflusst die aktuelle Situation Ihr eigenes Schreiben? Inwiefern nehmen Sie die letzten Monate als (Schreib-)Krise wahr und inwiefern eventuell auch als inspirierende Zeit?

Eine inspirierende Zeit war es für mich nicht. Zu Beginn des Lockdowns schwärmten ja viele von der Verlangsamung und dem Besinnen auf sich selbst und so weiter. Das kann theoretisch ja viel Raum fürs eigene Schreiben geben. War bei mir aber nicht der Fall, weil es keine Entschleunigung gab. Die Umwandlung der Workshops in Online-Angebote führte in der heißen Corona-Phase zeitweise sogar zu mehr Arbeitsauslastung als vorgesehen. Und ich habe ein kleines Kind, das zu der Zeit noch nicht in der Betreuung war – und dem Entschleunigung völlig fremd ist. Vor dem Hintergrund macht mir der Gedanke Sorge, dass Kitas und Tagesmütter wieder schließen könnten. Dann wäre ich in der – derzeit eigentlich sehr intensiven – Arbeit an meinem neuen Roman ziemlich beschränkt. Aber ich bleibe optimistisch …

Sie sind Trägerin des Werkproben-Stipendiums des NRW KULTURsekretariats und des Kultursekretariats NRW Gütersloh, welches aufgrund der aktuellen Situation um ein Jahr verlängert wurde. Haben Sie daneben weitere Unterstützungsprogramme (Fonds, Darlehen, Kredite…] wahrgenommen? Wie beurteilen Sie diese?

Ich habe ein Stipendien für Künstlerinnen und Künstler zur Förderung der künstlerischen Tätigkeit im Zusammenhang mit dem Ausbruch von Covid-19 im Jahr 2020 bewilligt bekommen. Das ist wunderbar, weil es mir konzentriertes Arbeiten am Roman ermöglicht. Und es war wirklich leicht zu beantragen. Da hat das Land ganze Arbeit geleistet und unterstützt Künstlerinnen und Künstler toll. Für diejenigen Kolleginnen und Kollegen, die nicht wie ich noch Workshops oder ähnliches als zweites Standbein haben, oder die ihre Angebote nicht mal eben schnell digitalisieren konnten, und deren Verdienstausfall deshalb viel umfassender ist als bei mir, ist so ein Stipendium aber vielleicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Die Einteilung in systemrelevante und -irrelevante Jobs zu Beginn der Krise hat für Kontroversen gesorgt. Insbesondere Verbände von Kunst- und Kulturschaffenden warnten immer wieder eindringlich vor einer Vernachlässigung ihrer Branche. Wie sehen Sie Ihre Rolle in der Gesellschaft? Fühlen Sie sich vernachlässigt – im allgemeinen Bewusstsein, aber auch bei der Verteilung der oben genannten Gelder zur Soforthilfe? Warum ist Literatur (und andere Kunst) ebenfalls wichtig für eine Gesellschaft, vielleicht gerade in einer Krise?

Ich ganz persönlich fühle mich nicht vernachlässigt. Weil ich eben verhältnismäßig großes Glück hatte. Ich hatte zwar eigentlich gehofft, mal ein paar weniger Workshops geben und mehr von Lesungen und Co leben zu können – dafür war 2020 definitiv nicht das richtige Jahr. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Ich verstehe aber auch, dass manche Kolleginnen und Kollegen von einem Berufsverbot gesprochen haben. Denn letztlich war es das ja für viele, die allein von Lesungen oder anderen Formen öffentlicher Präsentation leben. Gerade in Zeiten, in denen wir so sehr auf uns zurückgeworfen sind, in denen Kontakte nur eingeschränkt möglich sind, in denen für manch einen das eigene Zuhause zum Gefängnis wird, ist Kunst wichtig. Als Mittel, um einen Ausdruck zu finden für die Krise. Aber auch als Mittel, um der Welt, die einem gerade so zusetzt, einfach mal eine Weile zu entfliehen.

Mit welchen Gedanken blicken Sie in die Zukunft? Was wünschen Sie sich zurück, was kann Ihrer Meinung nach auch bei der Rückkehr zur „alten Normalität“ beibehalten werden (z.B. gelockerte Regelungen zum Thema Homeoffice usw.)?

Home Office ist für mich persönlich immer schon eine gute Sache gewesen, weil ich da wesentlich effizienter bin. Da ich aber als Freiberuflerin ohnehin – abgesehen von analogen Workshops – im Home Office arbeite, betrifft mich da der Wandel nicht mehr. Ich glaube aber, dass es künftig üblicher sein wird, dass Besprechungen mit mehreren einfach als Videokonferenz statt vor Ort stattfinden. Das ist aus meiner Sicht eine gute Sache. Auch in ökologischer Hinsicht. Und ich würde mir wünschen, dass die Erkenntnis, dass Solidarität uns letztlich – hoffentlich – durch die Krise bringen wird, haften bleibt. Im dem Punkt bin ich allerdings weniger optimistisch, wenn ich mich so umschaue.

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