Autor*innen, Interview, Kreativität in der Krise

„Sind halt miese Zeiten für Menschen, die eigentlich von der Bühne leben.“

Heute interviewen wir Andy Strauß für unsere Reihe „Kreativität in der Krise“.

Zum Einstieg einige Fragen zu Ihrer Person. In Ihrer Facebook-Info haben Sie folgendes über sich selbst geschrieben: „Schriftsteller und Kram. Wirrsch. Halb Mensch, halb Pony. Endlich Nichtraucher.“ Wie definieren Sie das „und Kram?“. Und warum ausgerechnet „halb Pony“?

Oha, ja, dieses Facebook… Ich glaube, dass die Informationen dort so veraltet sind wie die Plattform selbst. Auch wenn ich den »endlich Nichtraucher«-Passus erst jüngst hinzugefügt habe. Früher stand dort Raucher. Da ich aber seit 27 Tagen nicht mehr rauche war es mir wichtig, das zu kommunizieren. Vorbildfunktion und so. Die anderen Sätze aus der Facebook-Infospalte sind mindestens 6 Jahre alt. Seit dem war ich für 1,5 Jahre festangestellt als Frühstücksfernsehenmoderator im Internet, habe als Technojesus Ravemessen auf diversen Festivals veranstaltet, bin als Poetry Slammer aufgetreten, habe obskure Kulturbusfahrten moderiert und dies und das gemacht. Kram eben. Das definiere ich gar nicht, das definiert sich immer neu, aber es ist meist irgendwas, bei dem einem eine pfiffige Nutzung von Sprache zu gute kommt. Und das mit dem »Halb Pony« ist wohl meiner damaligen Frisur geschuldet. Im »echten Leben« habe ich eine Pferdehaar-Allergie und bin vermutlich weder Pony noch anderes Reittier.

Neben Ihrem neuen Nichtraucher-Dasein berichten Sie bei Facebook auch über einen schweren Schicksalsschlag: Ihr geliebtes Auto, liebevoll „Midlife-Chrysler“ getauft, wurde zu Schrott gefahren. Wie kommen Sie mit beiden Situationen momentan klar?

Das Nichtrauchen ist hart, wird aber immer besser – hoffe ich zumindest. Ich glaube nach 24 Jahren als Raucher, davon circa 10 Jahre als das, was man wohl einen Kettenraucher nennen mag, werde ich wohl niemals ein richtiger Nichtraucher, sondern immer eher ein trockener Raucher bleiben. Ich muss mir immer die positiven Seiten vor Augen führen und viel »Schmecken«, denn das ist etwas, das ohne Zigaretten wirklich sehr viel besser funktioniert. Und das zerstörte Auto? Ja, da sagst du was. Habe die Reste gerade für 400 Euro auf eBay verkauft. Es fehlt mir, ein Auto zu haben, einfach weil es so viel spontane Mobilität bietet. Aber ich kann mir gerade auch keins leisten, obwohl ich dank des Nichtrauchens 300 Euro im Monat spare. Sind halt miese Zeiten für Menschen, die eigentlich von der Bühne leben.

Die Nachrichten aus der Literaturbranche sind zurzeit sehr ambivalent. Zunächst wurden Lesungen, Workshops sowie die großen Buchmessen zu Beginn der Pandemie abgesagt, danach entwickelte sich eine Welle digital stattfindender Veranstaltungen und von Bund und Ländern wurden Soforthilfen ausgezahlt. Nun entstehen hybride Lösungen, sodass die rein digitalen Formate wieder zu Events mit Präsenz, natürlich unter Einhaltung der aktuell gültigen Hygiene- und Sicherheitsbestimmungen, umgewandelt werden. Dies erweist sich bisher auch als voller Erfolg. Wie geht es Ihnen in der aktuellen (Corona-)Situation?

Puuuh,…. also erstmal zu den sogenannten »Soforthilfen«. Da will ich gerade mal ganz ehrlich sein. Für Künstler*Innen sind die eigentlich ein Witz. Gerade kann ich überleben, weil ich mit dem Rauchen aufgehört und mein Atelier gekündigt habe, quasi drastisch an meinen Fixkosten gearbeitet habe. Dabei lebe ich zum größten Teil von meinem spärlichen Ersparnissen – die zugegebenermaßen bald auch aufgebraucht sind. Denn mit den Veranstaltungen ist es so: Man hat gerade vielleicht ein Viertel seiner normalen Aufträge, bekommt dafür dann aber auch nur ein Drittel des Geldes, weil nicht so viel Publikum reingelassen werden kann. Und das war in der Outdoor-Saison, die jetzt vorbei ist. Für den anstehenden Herbst und Winter sehe ich schwarz und mich selbst ALG 2 beantragen. Dass sich da irgendwas als »voller Erfolg« erweist, kann ich so nicht nachvollziehen.

Sie haben ebenfalls auf Ihrer Facebook-Seite darüber berichtet, dass Sie die Soforthilfen des Staats in Anspruch genommen haben, der diese jedoch bereits im September von Ihnen „zum größten Teil […] zurück[wollte]“. Haben Ihnen die Gelder etwas gebracht, wenn der Staat diese scheinbar so schnell zurückfordert?

Bis auf die 2000 Euro, die der Staat Künstler*Innen dediziert zum Deckeln von Verdienstausfällen zur Verfügung gestellt hat, haben mir die Soforthilfen gar nichts gebracht. Eher im Gegenteil. Das Geld hat mir eine falsche Sicherheit gegeben, die ich lieber nicht gehabt hätte.

Die Einteilung in systemrelevante und -irrelevante Jobs zu Beginn der Krise hat für Kontroversen gesorgt. Insbesondere Verbände von Kunst- und Kulturschaffenden warnten immer wieder eindringlich vor einer Vernachlässigung ihrer Branche. Wie sehen Sie Ihre Rolle in der Gesellschaft? Fühlen Sie sich vernachlässigt – im allgemeinen Bewusstsein, aber auch bei der Verteilung der oben genannten Gelder zur Soforthilfe? Warum ist Literatur (und andere Kunst) ebenfalls wichtig für eine Gesellschaft, vielleicht gerade in einer Krise?

Meine Rolle in der Gesellschaft sollte eigentlich sein, eben jene Gesellschaft auf ihre Fehler hinzuweisen oder ihr sogar Wege aufzuzeigen, sich selbst zu überwinden. Deswegen ist es nur logisch, dass sich die Gesellschaft vor ihren Künstler*Innen schützt und sie etwas verhungern lässt. Andererseits leben wir auch in Zeiten, in denen jede*r die Möglichkeit hat, Kunst zu behaupten. Das ist toll und gut, aber der Geist der Revolution ist aus der Kunst an sich weitestgehend heraus geschwebt. Wo er sich niedergelassen hat? Keine Ahnung. Aber solange die Kunst eher ihre Selbsterhaltung zum Thema hat und nicht irgendwas umwerfen möchte, ist sie vielleicht auch nicht relevant innerhalb einer Gesellschaft. Aus mir spricht aber gerade auch etwas zynisches, das im Anbetracht dieser Frage gerne eine Zigarette rauchen oder irgendwen anschreien möchte.

Wie beeinflusst die aktuelle Situation Ihr eigenes Schreiben und Ihre Kreativität? Inwiefern nehmen Sie die letzten Monate als (Schreib-)Krise wahr und inwiefern eventuell auch als inspirierende Zeit?

Ich fühle mich innerhalb dieser Pandemie eher eingefroren. Wirklich was geschrieben habe ich nicht, auch anderweitig künstlerisch aktiv war ich nicht. Mir fehlt dafür der Kontakt zu Menschen, die Nähe, das progressive einander schwängern des Kopfes. Gut, ein Musikvideo habe ich gemacht, Angela GmbH, ein Filmchen über Verschwörungstheorien. Aber den will kaum jemand schauen. Mir scheint eh: Ich bin in eine tiefe Depression gefallen. Ab und zu tauche ich auf, schaue mich um, aber dann ist immer alles noch so dunkel und dann tauche ich wieder unter. Aber ich denke, dass wird auch irgendwann wieder.

Diskussion

Hinterlassen Sie einen Kommentar oder setzen Sie einen Trackback.

Kommentare abonnieren.

Bitte fair bleiben. Wir behalten uns vor, gegebenenfalls Kommentare zu löschen.

Sie können diese Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*Notwendige Angaben