Interview, Kreativität in der Krise

Der Kuchen ist ungerecht verteilt

Für unsere Reihe „Kreativität in der Krise“ interviewen wir Thorsten Nagelschmidt:

Vorweg eine Frage ohne Literaturbezug: Kurz vor dem sogenannten Lockdown waren Sie mehrere Wochen in Chile und dokumentierten die dortigen Proteste u. a. auf Ihrem Facebook-Account. Wie wichtig ist das Recht auf Demonstrationsfreiheit im Vergleich zum Ansteckungsrisiko mit dem Coronavirus?

Ich war bis zum 10. März 2020 in Chile, das Coronavirus war zu dem Zeitpunkt noch nicht das beherrschende Thema dort und es gab keinen Lockdown. Die Demonstrationsfreiheit ist natürlich elementar wichtig in einer Demokratie, zumal es ja auch in Coronazeiten grundsätzlich möglich ist, ohne die Gefahr von Ansteckungen zu demonstrieren. Bei den Aufständen in Chile geht es auch nicht nur um Demos im herkömmlichen Sinne, sondern um ganz unterschiedliche Protestformen wie Streiks, Nachbarschaftskomitees, Landbesetzungen und ziviler Ungehorsam. Die großen gesundheitlichen Probleme ergeben sich in einem so marktradikalen System wie dem chilenischen auch nicht unbebdingt oder zumindest nicht nur aus der Zusammenkunft vieler Menschen bei Protesten, sondern vor allem aus den katastrophalen Wohn- und Arbeitsbedingungen eines großen Teils der Bevölkerung, sowie einem völlig maroden und in weiten Teilen privatisierten Gesundheitssystem, zu dem viele Chilenen auch schon vor Covid-19 keinen oder nur eingeschränkten Zugang hatten.

Hier übrigens die Reportage von Julia Krummhauer und mir.

Die Nachrichten aus der Literaturbranche sind zurzeit wenig hoffnungsvoll. Lesungen und Workshops werden abgesagt, ganz zu schweigen von den großen Buchmessen, und die sogenannten Soforthilfen von Bund und Ländern liefen zunächst nur träge an. Wie geht es Ihnen beruflich mit der aktuellen (Corona-)Situation? Gibt es eine Veränderung seit den ersten Monaten der Krise, dem „Lockdown“? Haben Sie die unterschiedlichen Unterstützungsprogramme (Fonds, Darlehen, Kredite…) wahrgenommen? Wie beurteilen Sie diese?

Ich habe die 5000,- vom Land Berlin erhalten und war zunächst positiv überrascht von dieser schnellen und unkomplizierten Maßnahme. Auch wenn sie bei einem Fortdauern der Krise wohl zum berühmten Tropfen auf dem heißen Stein werden wird.

Wie beeinflusst die aktuelle Situation Ihr Schreiben selbst? Inwiefern nehmen Sie die letzten Monate als (Schreib-)Krise wahr und inwiefern eventuell auch als inspirierende Zeit?

Von den vielen ausgefallenen oder verschobenen Auftritten abgesehen hat sich für mich persönlich zunächst gar nicht viel geändert, da ich es gewohnt bin, von zuhause aus zu arbeiten. Darüber hinaus waren wir Ende März mit der Band im Studio und haben den ersten neuen Muff Potter Song seit 11 Jahren veröffentlicht. Das wäre ohne Corona sicher nicht passiert, zumindest nicht so schnell. Dann erschien Ende April mein neuer Roman, so dass ich mit Interviews und vereinzelten Auftritten beschäftigt war. Im Zuge des Romans kamen nach und nach immer mehr Anfragen für neue Texte und andere Projekte rein. Ich hatte also trotz Corona kaum Ruhe in den letzten Monaten. Im Gegenteil hatte ich eher das Gefühl, dass diese Krise und die ganzen mit ihr verbundenen Unsicherheiten meine Grundnervosität ziemlich befeuert haben. Was manchmal unangenehm sein, sich aber auch in einem stärkeren kreativen Output äußern kann.

Ihr kürzlich erschienener Roman „Arbeit“ wird schon jetzt als „Corona-Roman“ oder „Grabrede auf das Nachtleben“ beschrieben. Angenommen, das Coronavirus wäre bereits während des Schreibprozesses ausgebrochen – hätte das den Text verändert?

Oh ja, bestimmt. Darüber mag ich gar nicht nachdenken. Vielleicht hätte ich die Arbeit an einem Text wie diesem für völlig obsolet gehalten und alles abgebrochen. Dass der Roman dann so gelesen werden würde, wie er jetzt teils gelesen wird, das konnte ich natürlich nicht ahnen.

Die Einteilung in systemrelevante und -irrelevante Jobs zu Beginn der Krise hat für Kontroversen gesorgt. Insbesondere Verbände von Kunst- und Kulturschaffenden warnten immer wieder eindringlich vor einer Vernachlässigung ihrer Branche. Wie sehen Sie Ihre Rolle in der Gesellschaft? Fühlen Sie sich vernachlässigt – im allgemeinen Bewusstsein, aber auch bei der Verteilung der oben genannten Gelder zur Soforthilfe? Warum ist Literatur (und andere Kunst) ebenfalls wichtig für eine Gesellschaft, vielleicht gerade in einer Krise?

Literatur hat die Kraft, Dinge spür- und erlebbar zu machen, die man sonst allenfalls auf einer rationalen Ebene versteht. Literatur kann Fehlentwicklungen, aber auch Handlungsmöglichkeiten aufzeigen. Literatur kann Menschen eine Stimme, die sonst kaum gesehen oder gehört werden. Das kann auf ganz unterschiedliche Arten und Weisen passieren – lustvoll, verspielt, abstrakt, hurmorvoll, eindringlich, unterhaltend oder wie auch immer. Wichtig ist aber, dass Literatur und Kunst allgemein nicht zum Feierabendprogramm für eine immer exklusiver werdende Schicht von Menschen mit ausreichend ökonomischem oder kulturellem Kapital verkommt. Wenn es zum reinen Distinktionsmerkmal wird, mit dem man auf Dinnerpartys oder den eigenen Social-Media-Kanälen Punkte sammelt, wird es uninteressant. Und auf lange Sicht auch gefährlich. Der Kuchen ist ungerecht verteilt, immer mehr Menschen fehlt aus unterschiedlichen Gründen jeglicher Zugang zu Kunst und Kultur. Deswegen glaube ich, dass sozialpolitische Maßnahmen wie das bedingungslose Grundeinkommen, Arbeitszeitverkürzung oder ein bundesweiter Mietendeckel positiven Einfluss auf eine Gesellschaft und ihre Kulturlandschaft hätten. Mit einer progressiven Regierung, die sich zum Beispiel endlich einer gerechten Steuer- und Erbschaftspolitik annimmt, wäre all das auch zu realisieren und zu finanzieren. Darüberhinaus wäre in einem Land wie Deutschland auch das Geld da, aktuell vom Aus bedrohte Existenzen und Clubs zu retten, und zwar nicht nur die ohnehin schon subventionierten Orte der sogenannten E-Kultur.

Insbesondere während des „Lockdowns“ scheint sich bei einigen durch die dazugewonnene Zeit eine plötzliche Produktivität entwickelt zu haben. Während manche zwischen Kinderbetreuung und gleichzeitigem Homeoffice kaum mehr zur Ruhe kamen, fanden andere die Zeit, sich mit Heimwerken, Gartenarbeit oder Kochen selbst zu verwirklichen. Wie war das bei Ihnen? Hatten Sie beispielsweise mehr Zeit für neue Themen, Experimente? Vielleicht auch für alternative Formate, etwa Online- Lesungen?

Mein aktueller Roman erschien Ende April, also mitten in der Krise. Mein Verlag hatte mir im Vorfeld angeboten, die Veröffentlichung um ein halbes oder auch ganzes Jahr zu schieben. Ich habe dies abgelehnt, auch wenn der Ausfall von über 20 Lesungsterminen für die Promotion eines Buches natürlich ein Problem ist, von den Ausfällen der Gagen mal ganz abgesehen. Aber wer konnte im März schon sagen schon sagen, wie es sechs oder zwölf Monate später aussehen würde? Ich hatte außerdem das Gefühl, dass das Buch raus muss, dass es genau jetzt gelesen werden soll. Auch weil ich sonst vermutlich bis zur endgültigen Veröffentlichung an dem Text festgehalten hätte und es mir schwer gefallen wäre, mich in der Zwischenzeit auf etwas Neues einzulassen. Ich war dann sehr froh über das große Interesse an »Arbeit« und dankbar für jedes Ding, dass doch noch stattfinden konnte. Wir haben uns Mühe gegeben, eine optisch, ästehtisch und qualitiativ hochwertige Online-Buchpremiere auf die Beine zu stellen, die über das übliche Schriftsteller-sitzt-vorm-Bücherregal-und-redet-in-die-Webcam-Format hinausging, an dem viele sich zu diesem Zeitpunkt ja längst sattgesehen hatten. Dann gab es im Sommer doch noch einzelne Lesungen mit Publikum. Auf dem Parkplatz des Zakk Düsseldorf saßen 70 sehr weit auseinandersitzenden Menschen. Es war für alle Anwesenden, inklusive der Veranstalter und mir, die erste echte Live-Veranstaltung seit Monaten, es war ein Britzeln in der Luft und die 70 fühlten sich an wie 700. Wochen später hat mich ein Freund auf den Hof seines Weinguts an der Mosel eingeladen. Das sind die kleinen Momente, in denen man das, was man vorher für selbstverständlich hielt, umso mehr wertzuschätzen weiß. Ich freue mich auch sehr auf den Auftritt beim Kulturgut Haus Nottbeck am 29. August; bei gutem Wetter findet er draußen statt und Frank Goosen moderiert. Ich denke, das könnte ein guter Abend werden.

Durch Homeoffice und Reiseverbot waren die meisten in der letzten Zeit ungewöhnlich viel zuhause. Was bedeutet „Zuhause“ für Sie – den Ort, an dem Sie sich aufhalten, oder etwas ganz Anderes? Hat sich diese Wahrnehmung in den letzten Monaten verändert? Wie denken Sie jetzt über Reisen und Auslandsaufenthalte in der Vergangenheit? Wonach bzw. wohin sehnen Sie sich?

Meine vier Wände sind mir schon seit Kindertagen enorm wichtig. Es gibt auf der ersten Muff-Potter-LP von 1995 sogar einen Song darüber, er trägt den martialisch anmutenden Titel „Mein Schützengraben“. Ich sehne mich momentan besonders nach Live-Musik, also nach dem physischen und körperlichen Erleben von Klängen und Lautstärke und Energie gemeinsam mit anderen Menschen. Manche Konzertbesucher hätte in der Vergangenheit auf Konzerten vielleicht lieber den Moment genossen, statt sich selbst und anderen das Liveerlebnis durch ihre in die Luft gereckten Smartphones zu ruinieren. Wobei man sich auch da auch nicht wirklich sicher sein kann …

Mit welchen Gedanken blicken Sie in die Zukunft?

Ich befürchte leider, dass das allgemeine Hauen und Stechen in einem zusammengesparten und deregulierten kapitalistischen System durch die Krise zunehmen wird und dass die Verteilungskämpfe noch hässlichere Züge annehmen könnte, zumal einige der von sozialer Ungerechtigkeit Betroffenen an vielen Stellen von höchst unsozialen Kräften wie der AfD oder auch der CDU eingesammelt und vereinnahmt werden. Von einem SPD-Kanzlerkandidaten Scholz und einer sozial- und wirtschaftspolitisch immer weiter nach rechts rückenden Grünen Partei ist da auf parlamentarischer Ebene wenig Gegengewicht oder progressive Politik zu erwarten. Dagegen blicke ich, was meine eigene Kunst angeht, momentan recht optimistisch oder zumindest inspiriert in die Zukunft. Sowohl als Schriftsteller wie als Musiker habe ich mich lange nicht so angefixt gefühlt. Wahrscheinlich stimmt es, was Zack de la Rocha uns damals in einem Song von Rage against the Machine so eindringlich zugeflüstert hat: Anger is a gift.

Wie, glauben Sie, wird sich die Literatur in nächster Zeit inhaltlich mit Corona auseinandersetzen? Wann wird man anfangen, die Krise zu thematisieren? Was bedeutet das evtl. für zuletzt populäre Genres wie Endzeitszenarien, Apokalypse etc.? Planen Sie selbst, Ihr Erleben der Corona-Zeit literarisch zu verarbeiten?

Das erste Coronabuch von Paolo Giordano ist ja bereits im April erschienen und ich denke, da wird noch mehr kommen. Wobei es interessant ist, dass zum Beispiel die Spanische Grippe vor 100 Jahren kaum literarisch verarbeitet wurde, obwohl unter anderem F. Scott Fitzgerald, Ernest Hemingway und Franz Kafka sich damit infiziert hatten, wie ich neulich in einem schon 2007 erschienenen Artikel meines guten Freundes Jan Brandt gelesen habe. Abgesehen davon wird die momentane Krise sicher auch in Texten eine Rolle spielen, die sich gar nicht explizit mit diesem Thema beschäftigen. Weil man sich zumindest bei der im weitesten Sinne sozialrealistischen Literatur der nahen Zukunft immer fragen wird, wann sie spielen – vor oder nach Corona, oder etwa mittendrin? Und das ist dann natürlich auch davon abhängig, wie sich diese Krise entwickelt, also ob also der gegenwärtige Zustand in Zukunft als eine Art Zäsur betrachtet werden wird oder als Normalzustand – oder auch als der Beginn von etwas völlig Anderem.

– Interview: Hannah von Legat

 

Am 29. August liest Thorsten Nagelschmidt auf dem Kulturgut Haus Nottbeck aus seinem jüngsten Roman „Arbeit“. Die Veranstaltung findet nach Möglichkeit unter freiem Himmel statt. Die Moderation übernimmt der Autor Frank Goosen. Weitere Informationen zur Open-Air-Lesung und Thorsten Nagelschmidt gibt es hier.

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