Interview, Kreativität in der Krise

Zur Not ein Wellensittich

Heute setzen wir unsere Interviewreihe „Kreativität in der Krise“ fort. Unser Interviewpartner diesmal ist Martin Becker.

„Martin Becker. Macht Radio. Schreibt Bücher. Mag Hunde.“, so begrüßt Ihre Homepage die Leserinnen und Leser. In Ihrer Vita – mit Hundebild – steht auch etwas über Ihre Vorliebe für Geflügel- und Kaninchenausstellungen. Erst kürzlich haben Sie sich Wellensittiche zugelegt, deren Umgang mit dem Ausnahmezustand dem des Menschen überraschend ähnlich ist, wie Sie in „Katastrophentouristen“ schreiben. Helfen Haustiere in der Krise?

 Auf jeden Fall. Sie haben was Beruhigendes und Gleichmütiges, das hilft durchaus – bei kleinen Krisen wie in der nun erlebten großen. Mit einem Gerücht muss ich allerdings aufräumen: Entgegen anders lautender Meldungen besitze ich nach wie vor keine Wellensittiche! Ich schwöre, ich war nach dem Schreiben meiner Erzählung „Katastrophentouristen“ kurz davor und hatte schon ein entzückendes Paar Wellensittiche in den Kleinanzeigen entdeckt – aber ich begnüge mich nun doch einstweilen mit dem Anblick der Halsbandsittiche in den Bäumen vor dem Fenster meiner Kölner Arbeitswohnung.

Die Nachrichten aus der Literaturbranche sind zurzeit wenig hoffnungsvoll. Lesungen und Workshops werden abgesagt, ganz zu schweigen von den großen Buchmessen, und die sogenannten Soforthilfen von Bund und Ländern liefen zunächst nur träge an. Wie geht es Ihnen beruflich mit der aktuellen (Corona-)Situation? Gibt es eine Veränderung seit den ersten Monaten der Krise, dem „Lockdown“? Haben Sie die unterschiedlichen Unterstützungsprogramme (Fonds, Darlehen, Kredite…) wahrgenommen? Wie beurteilen Sie diese?

Die Situation für viele meiner Kolleginnen und Kollegen ist wirklich schlimm, manche der Bücher aus dem Frühjahr sind komplett untergegangen und durch fehlende Lesungen brach oft dann auch die Existenzgrundlage weg – das mit den Unterstützungsprogrammen scheint mittlerweile ganz gut zu funktionieren, gerade in NRW habe ich schon von einem Kollegen gehört, dass er sehr unbürokratisch kürzlich Hilfe bekommen hat. Ich selbst hatte in dieser Hinsicht Glück: Für das Frühjahr war bei mir ohnehin eine etwas isolierte Schreibzeit geplant, zugleich war ich fast wöchentlich mit Kolumnen für WDR3 beschäftigt (für die ich das Haus auch nicht verlassen musste) – insofern kann ich wirklich froh und dankbar sein, keine Hilfe benötigt zu haben, da ich im Prinzip meinem „normalen“ Arbeitsalltag weiter nachgehen konnte.

Wie beeinflusst die aktuelle Situation Ihr Schreiben selbst? Inwiefern nehmen Sie die letzten Monate als (Schreib-)Krise wahr und inwiefern eventuell auch als inspirierende Zeit?

 Der Ausnahmezustand hatte schon Einfluss auf mein Schreiben – aber nicht im positiven Sinne! Das deckt sich mit dem, was mir etliche Freundinnen und Freunde erzählt haben: Nach dem „Lockdown“, obwohl man doch eigentlich so viel Zeit gehabt hätte zum Schreiben, setzte eine ungeheure Verlangsamung ein beim kreativen Arbeiten. Vielleicht war das dann doch die Auswirkung der omnipräsenten Anspannung? Ich kann es mir selbst nicht so genau erklären. Mittlerweile habe ich aber wieder Normaltempo erreicht – das ist auch gut so, mein neuer Roman muss alsbald in einer ersten Fassung fertig sein, weil er im Herbst 2021 erscheinen wird.

 Die Einteilung in systemrelevante und -irrelevante Jobs zu Beginn der Krise hat für Kontroversen gesorgt. Insbesondere Verbände von Kunst- und Kulturschaffenden warnten immer wieder eindringlich vor einer Vernachlässigung ihrer Branche. Wie sehen Sie Ihre Rolle in der Gesellschaft? Fühlen Sie sich vernachlässigt – im allgemeinen Bewusstsein, aber auch bei der Verteilung der oben genannten Gelder zur Soforthilfe? Warum ist Literatur (und andere Kunst) ebenfalls wichtig für eine Gesellschaft, vielleicht gerade in einer Krise?

 Wie gesagt, ich selbst bin da in einer wirklich glücklichen Doppelrolle: Wenn es mit dem Schreiben gerade etwas mager aussieht, dann mache ich viel Radio – und wenn es mit dem Rundfunk zwischenzeitlich etwas schleppend läuft, dann kann ich mich ins Schreiben stürzen. Grundsätzlich sind die Debatten um den Wert der kulturellen Arbeit natürlich sehr wichtig, einerseits. Andererseits kenne ich diese Vernachlässigungsdiskussionen seit mittlerweile anderthalb Jahrzehnten – eben seit ich allein vom Bücherschreiben und von der Radioarbeit lebe. Ich weiß nicht, ob es da eine wirkliche Patentlösung gibt – ich selbst fühlte und fühle mich nicht vernachlässigt (außer natürlich dann punktuell, wenn ich Preise oder Aufträge nicht bekomme – dann ist die ganze Welt zeitweise einfach nur ungerecht, aber wer kennt das nicht?), ich wusste ja von Anfang an, worauf ich mich einlasse. Und sollte es so gar nicht mehr laufen, dann würde ich mir tatsächlich sagen: Es war eine großartige Zeit, aber dann lassen wir das eben, dann wird es auch eine andere tolle Arbeit geben, an der ich Freude habe.

Insbesondere während des „Lockdowns“ scheint sich bei einigen durch die dazugewonnene Zeit eine plötzliche Produktivität entwickelt zu haben. Während manche zwischen Kinderbetreuung und gleichzeitigem Homeoffice kaum mehr zur Ruhe kamen, fanden andere die Zeit, sich mit Heimwerken, Gartenarbeit oder Kochen selbst zu verwirklichen. Wie war das bei Ihnen? Hatten Sie beispielsweise mehr Zeit für neue Themen, Experimente? Vielleicht auch für alternative Formate, etwa Online-Lesungen?

 Ich hatte insgesamt viel zu wenig Zeit, erst recht keine Zeit für Experimente: Da gab es einen größeren Umzug gerade zum Beginn des „Lockdowns“, außerdem ist seit Ende Oktober mein kleiner Sohn Rudi auf der Welt – sofern Breikochen, Bauklötze bauen und ständiges Rumalbern zur Selbstverwirklichung gehört, dann: Ja, ich habe mich sehr selbst verwirklicht, wobei die Corona-Zeit da eher eine untergeordnete Rolle spielte.

Durch Homeoffice und Reiseverbot waren die meisten in der letzten Zeit ungewöhnlich viel zuhause. Was bedeutet „Zuhause“ für Sie – den Ort, an dem Sie sich aufhalten, oder etwas ganz Anderes? Hat sich diese Wahrnehmung in den letzten Monaten verändert? Wie denken Sie jetzt über Reisen und Auslandsaufenthalte in der Vergangenheit? Wonach bzw. wohin sehnen Sie sich?

 Eine gute Frage, die ich mir seit Jahren stelle. Früher hätte ich gesagt: Zuhause ist und bleibt mein Elternhaus in Plettenberg, da komme ich her, da gehe ich irgendwie immer hin, auch literarisch. Nun ist mein Vater seit fast zwölf Jahren tot, letztes Jahr ist meine Mutter gestorben und das Reihenhaus meiner Kindheit gehört jetzt einer anderen Familie. Ich habe es mit dem Zuhause in Prag versucht, wo ich eine Wohnung hatte, ich habe meine Bude in Köln, wo ich arbeite, mit meiner Familie wiederum lebe ich in Halle/Saale – wo bin ich wirklich daheim? Vielleicht doch tatsächlich da, wo mein Sohn ist, würde ich mittlerweile sagen. Und natürlich in den Zügen der Deutschen Bahn, die ich schmerzlich selten nutzen konnte in den letzten Monaten – ich glaube nämlich, dass ich in Wahrheit ein wenig in der Sehnsucht daheim bin, irgendwo anzukommen – und das kann man mit der Deutschen Bahn tagtäglich in ausgedehnter Form ausleben…

 Mit welchen Gedanken blicken Sie in die Zukunft?

 Ich bin sehr verhalten optimistisch im Rahmen meiner Möglichkeiten. Ich hoffe auf einen Impfstoff alsbald, ich hoffe, dass die Idiotie nicht die Oberhand behalten wird, dass die heillos verlorenen Coronaleugner, Neu-Rechten oder Klimakaputtmacher zur Vernunft kommen. „Wahrheit und Liebe müssen siegen über Lüge und Hass“, hat Václav Havel gesagt – ich wünschte, ich könnte an diesen Satz noch so glauben wie noch vor einigen Jahren.

 Wie, glauben Sie, wird sich die Literatur in nächster Zeit inhaltlich mit Corona auseinandersetzen? Wann wird man anfangen, die Krise zu thematisieren? Was bedeutet das evtl. für zuletzt populäre Genres wie Endzeitszenarien, Apokalypse etc.? Planen Sie selbst, Ihr Erleben der Corona-Zeit literarisch zu verarbeiten?

 Ich fürchte, die Auseinandersetzungen werden nicht ausbleiben. Bitte, bitte, bitte keine Corona-Romane, raunt es ja schon berechtigerweise überall – wir werden ihnen zwar nicht entgehen, aber ich hoffe auf eine zumindest interessante Form. Und ich selbst ? Werde möglicherweise am Rande auch nicht literarisch an der Krise vorbeikommen, aber zur Not kann man sich ja immer noch einen Wellensittich erfinden, der die Sache nicht ganz so dröge macht.

– Interview: Hannah von Legat

 

Martin Becker nimmt ebenfalls an der aktuellen Ausstellung Go East! Heimat anders denken. Westfälische AutorInnen unterwegs in Haus Nottbeck teil. Seine jüngste Corona-Geschichte „Katastrophentouristen“ gibt es auch als Online-Lesung zum Nachhören auf YouTube.

 

In unserem nächsten Beitrag der Interviewreihe sprechen wir mit Thorsten Nagelschmidt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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