Interview, Kreativität in der Krise

Keine Kreativität ohne Krise

Abgesagte Lesungen, geschlossene Buchläden, Verzögerungen bei der Soforthilfe für Selbstständige – die Schlagzeilen zeichnen ein düsteres Bild für den deutschen Literaturbetrieb in der Corona-Zeit. Selbstverständlich ist auch das Kulturgut Haus Nottbeck von den Einschränkungen nicht verschont geblieben, musste Veranstaltungen absagen und verschieben. In seiner Funktion als digitales Medium des Literaturmuseums wollen wir unseren Hausblog nutzen, um hier die aktuelle Situation aus der Perspektive der Schriftstellerinnen und Schriftsteller zu dokumentieren. In der Online-Interview-Reihe „Kreativität in der Krise“ fragen wir dafür bei Literaturschaffenden nach, wie die Corona-Zeit ihre berufliche Situation beeinflusst, welche Auswirkungen Lockdown und Versammlungsverbot auf die Kreativität haben und ob Schreiben ein systemrelevanter Beruf ist. Dabei kommen verschiedene Autorinnen und Autoren aus aktuellen und vergangenen Projekten der LWL Literaturkommission zu Wort. Unser erster Interviewpartner ist Ralf Thenior.

Fotograf: Kalle Gajewsky

Herr Thenior, im Jahr 2001 wurden Sie „erster Schulschreiber der Republik“, ihr Ziel war es, „die Lust auf Sprache“ bei den Schülerinnen und Schülern zu wecken. Nun hat die Corona-Krise nicht zuletzt die Schulen vor große Probleme gestellt, ein geregelter Sprachunterricht ist kaum mehr möglich, das Lernpensum aufs nötigste beschränkt. Wie wichtig sind Literatur, Sprache und ein kreativer Umgang mit ihr in einer Krise?

Um einmal den belgischen Nachtbotaniker Henri Fortal zu zitieren: Keine Kreativität ohne Krise. Man könnte in den Teppich beißen, so schlecht geht es einem. Und dann steigen die Gedanken auf, ein Poem entsteht, dass sich in die Weltliteratur aufschwingt. Dazu kommt es selten, doch Aufschwünge sind es schon. Jeder noch nicht gedachte Gedanke, der in einem Schädelgewölbe aufblitzt, gehört zum Weltkulturerbe. Wir schwimmen alle in der gleichen Luft, alle Menschen, alle Tiere und vor allem alle Pflanzen. Wir fliegen in diesem Fluidum, das wir alle teilen, das unser Wasser ist: die Luft. Die wir nicht zerstören dürfen. Wasser für alle und eine gute Kanalisation ist wichtig für die ganze Welt. Eine aufmerksame Schülerin sagte: Jeder neue Gedanke verändert dein Bewusstsein, verändert dich. Du willst Passagier auf diesem Raumschiff Erde werden, dann lerne die Regeln.

Die Nachrichten aus der Literaturbranche sind zurzeit wenig hoffnungsvoll. Lesungen und Workshops werden abgesagt, ganz zu schweigen von den großen Buchmessen, und die sogenannten Soforthilfen von Bund und Ländern liefen zunächst nur träge an. Wie geht es Ihnen beruflich mit der aktuellen (Corona-)Situation? Gibt es eine Veränderung seit den ersten Monaten der Krise, dem „Lockdown“? Haben Sie die unterschiedlichen Unterstützungsprogramme (Fonds, Darlehen, Kredite…) wahrgenommen? Wie beurteilen Sie diese?

Das Schreiben ist ein asozialer Akt. Der Schreibende entfernt sich von den Menschen in dem Maße, in dem er über sie schreibt oder über seine Phantasiewelten oder beides. Er muss sich vom realen Geschehen entfernen, um Gedanken zu fassen über das Umfeld und die Weiterungen. Also über das, was geschieht, und das, was noch geschehen könnte.

Wie beeinflusst die aktuelle Situation Ihr Schreiben selbst? Inwiefern nehmen Sie die letzten Monate als (Schreib-)Krise wahr und inwiefern eventuell auch als inspirierende Zeit?

In den ersten Lockdown-Wochen frohlockte ich, endlich konnte ich mich meiner heimlichen Liasion mit Fräulein Charlotte Wilhelmine Amalia von Donop voll und ganz hingeben, einer frühen Emily Dickinson im Ostwestfalen des 18. Jahrhunderts. Ihre „Schönheiten von Pyrmont“ sind unvergleichlich. Doch schnell erfasste mich die Realität. Drei Großbaustellen warten auf mich, im Juni, Juli und August.

Im Juni musste ich meinen Part der Ausstellung GO EAST im Kulturgut Nottbeck vorbereiten. Es waren Pappen mit Wörtern zu beschriften, die ich auf Osteuropareisen gesammelt hatte. Wörter wie Glasnost und Perestroika, von denen ich glaube, dass wir immer noch nicht verstanden haben, was sie für Russland und die Welt bedeuten. Außerdem waren Texte für die Hörinseln auszuwählen und einzusprechen. Im Juli hätte das von mir ins Leben gerufene kleinste Poesiefestival der Welt stattgefunden, zum fünften Mal, ein Jubiläum, aber wg. Mundschutz und Massenphobie musste es unterbleiben. Stattdessen ein Jubiläumsband in der edition offenes feld mit vielen Dichterinnen und Dichtern, die schon dabei gewesen waren und die nächstes Jahr unbedingt dabei sein müssen. Das hat mich mit allem, inklusive Versand, einen Monat gekostet. Aber mit Freuden. Und dann im August die dritte große Baustelle: works & circles: eine Literaturwerkstatt des Fritz-Hüser-Instituts mit hochmotivierten jungen Erwachsenen zum Tema Arbeit. Die Werkstatt sollte ursprünglich im Kulturgut Haus Nottbeck stattfinden, musste nun aber aus gegebenem Anlass am Bildschirm durchgeführt werden. Es ist immer wieder ein Vergnügen mit begabten und interessierten jungen Menschen zu arbeiten.

Und endlich wieder zurück in den locus amoenus Ostwestfalens, um das Projekt „Die westfälische Nachtigall“ zu einem guten Ende zu bringen und die Unversöhnlichkeit der Jahrhunderte aufzulösen wie Zucker in Wasser.

Die Einteilung in systemrelevante und -irrelevante Jobs zu Beginn der Krise hat für Kontroversen gesorgt. Insbesondere Verbände von Kunst- und Kulturschaffenden warnten immer wieder eindringlich vor einer Vernachlässigung ihrer Branche. Wie sehen Sie Ihre Rolle in der Gesellschaft? Fühlen Sie sich vernachlässigt – im allgemeinen Bewusstsein, aber auch bei der Verteilung der oben genannten Gelder zur Soforthilfe? Warum ist Literatur (und andere Kunst) ebenfalls wichtig für eine Gesellschaft, vielleicht gerade in einer Krise?

Ich möchte kein Corona-Krisenbuch schreiben, lieber ein Bild vom Erdrauch machen, der mir auf dem Hundespaziergang am Grabenrand begegnet.

Insbesondere während des „Lockdowns“ scheint sich bei einigen durch die dazugewonnene Zeit eine plötzliche Produktivität entwickelt zu haben. Während manche zwischen Kinderbetreuung und gleichzeitigem Homeoffice kaum mehr zur Ruhe kamen, fanden andere die Zeit, sich mit Heimwerken, Gartenarbeit oder Kochen selbst zu verwirklichen. Wie war das bei Ihnen? Hatten Sie beispielsweise mehr Zeit für neue Themen, Experimente? Vielleicht auch für alternative Formate, etwa Online-Lesungen?

Als Dichter und Nachtbotaniker kommt man mit wenig aus. Immer habe ich meine Malerfreunde bedauert, dass sie hohe Materialkosten hatten, während ich mit einem Stück Papier und einem 4B-Bleistift bestens ausgerüstet war. Gesellschaftliche Akzeptanz (das sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen) erwirbt man sich durch seine Arbeit, nicht dadurch dass man sagt: Ich bin Kulturschaffender. In meinem Kleingarten ernte ich Zucchini, Bohnen und Tomaten, das schmeckt nicht nur gut sondern senkt auch die Lebenshaltungskosten. Ein in der Schweiz lebender befreundeter Schauspieler, der seine Familie ernähren muss, hat monatlich ca. 3.000 Euro laufende Kosten. Das ist hart. Schauspieler, Musiker und andere Performer sind von der Krise schwerer getroffen als Schriftsteller.

Insbesondere während des „Lockdowns“ scheint sich bei einigen durch die dazugewonnene Zeit eine plötzliche Produktivität entwickelt zu haben. Während manche zwischen Kinderbetreuung und gleichzeitigem Homeoffice kaum mehr zur Ruhe kamen, fanden andere die Zeit, sich mit Heimwerken, Gartenarbeit oder Kochen selbst zu verwirklichen. Wie war das bei Ihnen? Hatten Sie beispielsweise mehr Zeit für neue Themen, Experimente? Vielleicht auch für alternative Formate, etwa Online-Lesungen?

Krise oder Nichtkrise, experimentiert wird immer. Ich habe gerade begonnen, Langgedichte zu schreiben, die sich mit gesellschaftlichen Verhältnissen auseinandersetzen. Dies liegt in der Logik meiner Entwicklung und hätte sich sowieso ergeben.

Durch Homeoffice und Reiseverbot waren die meisten in der letzten Zeit ungewöhnlich viel zuhause. Was bedeutet „Zuhause“ für Sie – den Ort, an dem Sie sich aufhalten, oder etwas ganz Anderes? Hat sich diese Wahrnehmung in den letzten Monaten verändert? Wie denken Sie jetzt über Reisen und Auslandsaufenthalte in der Vergangenheit? Wonach bzw. wohin sehnen Sie sich?

Ich bin ein leidenschaftlicher Reisender, der sich im letzten Vierteljahrhundert vornehmlich in Osteuropa umgetan hat. Dennoch ist mir die deutsche Reiseritis zutiefst zuwider. Ich könnte gut ohne Lufthansa und Kreuzfahrtschiffe leben. Erkenntnis aus der Krise: Meine Wohnung, mein Kleingarten und mein Kiez in der Dortmunder Nordstadt bieten alles, was ich zum Leben brauche. Warum in die Welt reisen, wo ich auf den Straßen der Nordstadt arabisch, polnisch, türkisch, chinesisch und albanisch hören kann. Und manchmal, völlig unerwartet, beim Öffnen einer Ladentür von einem Duft umhüllt bin, der mich an einen Kellerladen in der Plattenbausiedlung „Mladost“ in Sofia erinnert. Njama loscho kann man dort erstehen, nichts schlechtes.

Mit welchen Gedanken blicken Sie in die Zukunft?

Gemischte Gefühle, wenn ich sehe, wie die Massen schon in den Startlöchern scharren, um ihr altes Leben wieder aufzunehmen. Die Chancen, die in einer Krise liegen, etwas zu verändern, werden wohl nur von wenigen wahrgenommen werden.

Wie, glauben Sie, wird sich die Literatur in nächster Zeit inhaltlich mit Corona auseinandersetzen? Wann wird man anfangen, die Krise zu thematisieren? Was bedeutet das evtl. für zuletzt populäre Genres wie Endzeitszenarien, Apokalypse etc.? Planen Sie selbst, Ihr Erleben der Corona-Zeit literarisch zu verarbeiten?

Auf ein Thema aufzuspringen, weil man glaubt, dass es gerade heiß ist, ist ein Irrweg. Und die Hilflosigkeit angesichts einer solchen weltweiten Pandemie in Literatur zu gießen, bringt nicht weiter. Da müsste man schon an den Ursachen hebeln. Weg mit dem Kapitalismus und neue Strukturen her.

 

– Interview: Hannah von Legat

 

Werke und Interviews von Ralf Thenior sind in der aktuellen Ausstellung Go East! Heimat anders denken. Westfälische AutorInnen unterwegs in Haus Nottbeck zu sehen. Einen kleinen Vorgeschmack auf die Ausstellung bietet dieses Video zum Projekt Taxi Water, das in Zusammenarbeit mit Ralf Werner entstand. Das Live-Hörbild kombiniert Worte, Klänge und Naturgeräusche zu einer unkonventionellen Reiseschilderung des Donaudeltas.

 

In der nächsten Woche setzen wir unsere Interviewreihe mit Martin Becker fort.

 

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