Interview, Medien

Luca Briewe | Gabenzaun

 

 

Der Hörtext „Gabenzaun“ von Luca Briewe beruht auf Recherchen im April und Mai diesen Jahres und thematisiert Obdachlosigkeit in der Corona-Krise. Eingelesen wurde er von Rainer Bärensprung.

 

Was sind Ihre Gedanken zu sog. „Corona-Blogs“ – sorgt das vermehrte Sprechen über den Lockdown im Privaten und oft ja auch eher Banalen dafür, dass Gruppen mit viel basaleren Problemen zu wenig Beachtung in dieser Situation finden?

Ja, obwohl der Lockdown für viele Menschen als Herausforderung/Belastung empfunden wird, sind m. M. n. Gruppen mit tiefgreifenderen Problemen in den Hintergrund gerutscht. Als Autorin war dies für mich die Motivation für zwei Texte.

Wie sind Sie zum Thema Wohnungslosigkeit während der Pandemie gekommen, was war der Auslöser?

Ich kenne eine Frau, die mit ihrer Tochter im Auto lebt. Sie putzt und ihr Kind besucht die Kita. Während des Lockdowns habe ich mich gefragt, wie sie zurechtkommt. Eine Freundin erzählte mir, dass sie selber Lebensmittel sammelt für den Anfang April eingerichteten Gabenzaun. Das habe ich mir angesehen.

Wie sind Sie in der Recherche zum „Gabenzaun“ vorgegangen?

Zuerst habe ich die Obdachlosenzeitungen gelesen. Da gab es Beilagen, wo die Städte mit ihren Angeboten z.B. Wärmestube, Mittagstisch… aufgelistet waren. Da ich vermutete, dass fast alle Angebote wegbrechen würden, habe ich dann mit den Mitarbeitern in verschiedenen Städten telefoniert und nachgefragt und auch ein bisschen im Netz recherchiert. Dann habe ich mit einigen wenigen betroffenen Frauen ein Telefoninterview machen dürfen.

Im Text schwebt der Lockdown noch als Damoklesschwert über der Protagonistin – setzen Sie sich auch jetzt noch speziell mit der Situation wohnungsloser Menschen auseinander?

Ich verfolge in den Medien und im Austausch mit ehemaligen Kollegen weiterhin die Situation. Speziell in diesem Text war mir die Situation von Frauen, die verdeckt obdachlos sind, wichtig.

Der „Gabenzaun“ als Symbol – eben nur ein Symbol?

Im Gespräch mit wohnungslosen Menschen fiel mir auf, dass viele zwar die Hilfe/Geste zu schätzen wissen, aber eigentlich eine geschützte Privatsphäre brauchen. Wie meine Protagonistin wollen sie an der Gesellschaft teilhaben. Es gibt eine Scham und eine Angst, weiter an den Rand zu rücken. Diese Menschen brauchen Wohnraum; natürlich gibt es auch einen großen Teil, der unterstützende Maßnahmen braucht und auch wenige, die es vorziehen, „abgewandt“ von der Gesellschaft „auf Platte“ zu leben.

Die Gesellschaft darf nicht weiter auseinanderdriften. Charity hat einen Wert, ist aber kein Ersatz für politische Lösungen und gesellschaftsrelevante Veränderungen. Diese müssen aber gefunden werden, damit eine Frau ohne Wohnung nicht durch diese Krise in Alkoholismus und Prostitution gedrängt wird.

Diskussion

Hinterlassen Sie einen Kommentar oder setzen Sie einen Trackback.

Kommentare abonnieren.

Bitte fair bleiben. Wir behalten uns vor, gegebenenfalls Kommentare zu löschen.

Sie können diese Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*Notwendige Angaben