Bücher, Ins Regal gegriffen

Max von der Grün – Irrlicht und Feuer

Nachdem in Walter Köppings Wir fürchten nicht die Tiefe des Öfteren von ihm die Rede war und er mir schließlich auch bei Recherchen zu einem anderen Projekt mehrfach namentlich untergekommen ist, sollte es diesmal ein etwas zielgerichteterer, um nicht zu sagen: skandallüsterner, Griff ins Regal werden – nach Max von der Grüns Irrlicht und Feuer (1963), dem Roman, der den schreibenden Grubenlokführer seine Arbeit unter Tage gekostet, ihm die Ungnade der Gewerkschaften einbrachte und seine Karriere als Schriftsteller zementiert hat.

 

Als Nicht-Westfälin aus einer Nicht-Bergbauregion, über fünfzig Jahre später, also ohne jeden inneren Bezug zum Thema, hatte ich erwartet, dass mich Jürgen Fohrmann und sein Dasein kälter lassen würden. Aber obwohl auf Seite fünfzig immer noch kein Kopf vom abgerissenen Förderband abgetrennt worden war, schließlich war man mit einer gewissen splatterigen Erwartungshaltung an die Lektüre herangegangen, hat es das nicht getan. Sicher, sympathisch wird Fohrmann einem nicht unbedingt, aber der zeitliche Abstand macht Irrlicht und Feuer zu einer durchaus interessanten Lektüre, ein Sittengemälde wie es so schön heißt. Man kommt beim Lesen ein wenig ins Nachdenken, wie von der Grün hier eine Industrie in einem Zustand beschreibt, der damals noch Umbruch und heute beendet ist, dass man hier ein Stück Vergangenheit liest, das gar nicht so weit weg ist und dann wieder sind fünfzig Jahre ein ganz schön langes Dahinsiechen.

Spannend zu lesen, von einer Welt, die einem in vieler Hinsicht fremd ist, und ein bisschen schmerzhaft, weil allgemein menschlich nachvollziehbar, dieses rastlose sich-nicht-abfinden Fohrmanns, von einem Job in den nächsten und das ganze Dasein irgendwie hohl. Interessantester Aspekt war für mich gar nicht so sehr all das Bergmännische oder die Entfremdung des Arbeiters, sondern die Familie Borowski – der schwer traumatisierte Vater Karl, ein ehemaliger Buchenwald-Häftling, und Tochter Rosi, die im Dunkeln gelassene Jugend, die immer Fohrmann wieder mit ihren Fragen nach rechter Überzeugung und fehlendem Widerstand konfrontiert.

Man macht sich gar nicht bewusst, dass AutorInnen eben nicht nur für ein Thema Zeitzeugen sind, dass man Bergarbeiterliteratur aufschlagen und andere Nuancen der Zeitgeschichte abgebildet finden kann – dass solche Erzähler wegsterben und ein gewisses Bewusstsein irgendwann vielleicht fehlt – zum Beispiel ein Dialog zwischen Borowski und Fohrmann: „Jedem das Seine“ heißt es am Tor des KZs Buchenwald, in dem Borowski sich immer noch gefangen glaubt. Bis vor einem Jahr, und natürlich war das eine persönliche Bildungslücke, war mir nicht klar, dass der Ausdruck derartig vorbelastet ist.

 

Und weil zu halbspäter Stunde ab hier das Schlusswort nicht will, ein unzusammenhängendes Zitat, das mir manchmal aus der Seele spricht:

Jetzt scheint auch noch die Sonne, diese Hure, die soll wegbleiben, regnen muss es, stürmen.

Irrlicht und Feuer – zweiter Band der Werkausgabe Max von der Grüns bei Pendragon (2010) – enthält zusätzlich die Texte »Bewegungsfreiheit ist nicht Freiheit«, »Und 1978, acht Jahre später«, »Wenn der Abend kommt«, sowie ein Interview mit Max von der Grün.

http://www.pendragon.de/book/irrlicht-und-feuer/

Motiv unter Verwendung von „Ausblick“  von Albert Kelterbaum.

 

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