Autor*innen, Bücher, Ins Regal gegriffen

Judith Kuckart – Kaiserstraße

Aus einer fixen Idee heraus verbindet sich der Lebenslauf des Protagonisten der Kaiserstraße (DuMont 2006), Leo Böwe, mit seiner Phantasie der 1957 ermordeten Prostituierten Rosemarie Nitribitt, als Böwe auf Geschäftsreise zufällig von dem Fall erfährt, der ihn ein Leben lang nicht loslässt.

Das Buch ist in fünf Kapitel, entsprechend den Jahren 1957, 1967, 1977, 1989 und 1999 gegliedert, in denen jeweils ein Schlaglicht auf die Lebenssituation der Familie Böwe geworfen wird, wobei sich der Fokus schnell von Leo Böwe zu seiner Tochter Jule verschiebt, während Böwe Senior immer weiter in den Hintergrund rückt, bis die beiden in den Neunzigerjahren voneinander entfremdet sind und keinen Kontakt mehr miteinander pflegen.
Technisch interessant ist das, weil alles vom Einband über den Prolog bis zum 1957er-Kapitel eine Lesehaltung erzeugen, die auf den Kriminalfall wartet, den Auftritt Nitribitt, die fiktive Verwicklung Böwes in die realen Ereignisse in der Frankfurter Kaiserstraße. Vielleicht war sie es, der er im Zug begegnet ist, vielleicht war er mit seinem Kollegen Nobis in ihrer Wohnung, woher wüsste er sonst Details, von denen er träumt — stattdessen kehrt Waschmaschinenvertreter Böwe ein ums andere Mal zurück zu seiner Frau Liz, zurück nach Wuppertal, in eine andere Kaiserstraße, in eine kleinbürgerliche Normalität ohne jede Relevanz für die Geschichte der Bundesrepublik.
Zwischen einigen Contergan-induzierten Fehlgeburten bringt Liz Böwe ihre Tochter Jule zur Welt, eine jüngere Generation wächst nach, aber ebenso wie es nicht Leo Böwe ist, der die Nitribitt persönlich kannte, ist es eine Freundin von Jule und Tochter von Böwes Parteikollegen, die beim Tod Benno Ohnesorgs zugegen ist und Teil der RAF wird — immer knapp dran vorbei.
Kaiserstraße erzählt auf eher distanzierte Weise von der Diskrepanz zwischen persönlichen und kollektiven Markern der Zeitgeschichte, indem Kuckart vermeidet, ihre Charaktere in Forrest-Gump-Manier an jedem geschichtsträchtigen Ereignis ihrer jeweiligen Generationen teilhaben zu lassen.

Judith Kuckart, Jahrgang 1959, wurde unter anderem mit dem Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis (2012) ausgezeichnet und wird von Mai bis Oktober 2020 die erste Dortmunder Stadtschreiberin sein. Ihr jüngster Roman, Kein Sturm, nur Wetter erschien 2019 bei DuMont.

Wer mehr zur Titelbildgebenden Rosemarie Nitritbitt lesen möchte, kann das beispielsweise in Christian Steiger: Rosemarie Nitribitt – Die Autopsie eines Deutschen Skandals (Heel Verlag, 2007). Der Podcast Lautgut widmet dem Mordfall zehn Episoden.

Das Umschlagmotiv s.o. ließ Rosemarie Nitribitt im Sommer 1955 von einem Fotografen machen.

 

 

 

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