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Arthur Koestler – Sonnenfinsternis

Heute hätte Schauspieler und Synchronsprecher Ilja Richter auf dem Kulturgut aus Arthur Koestlers Sonnenfinsternis gelesen. Im aktuellen Westfalenspiegel schreibt Walter Gödden über diesen „Meilenstein der politischen Literatur“.

Unter dem Titel Darkness at Noon erschien der Roman 1940 zuerst in englischer Übersetzung beim Londoner Verlag Jonathan Cape, der bereits Koestlers vorangegangenen Roman Die Gladiatoren veröffentlicht hatte. Im Gegensatz zu seinen nachfolgenden Veröffentlichungen, als Koestler bereits in England lebte und nur noch auf Englisch schrieb, verfasste der gebürtige Ungar seine Sonnenfinsternis noch auf Deutsch.
Die Übersetzung erfolgte, streckenweise parallel zur Entstehung des Manuskripts, durch seine damalige Partnerin Daphne Hardy. In etlichen Rezensionen wie auch dem Vorwort zur deutschen Erstausgabe des Originaltextes von Michael Scammell wird wiederholt auf ihre Unerfahrenheit als Übersetzerin hingewiesen — obwohl Koestler, der ja bereits das 1941 veröffentlichte Scum of the Earth selbst vollständig auf Englisch verfasste, nach Fertigstellung des Manuskriptes gemeinsam mit Hardy deren Übersetzung redigierte — beispielsweise merkt Scammell an, „da sie mit den Praktiken der sowjetischen (und nationalsozialistischen) Geheimpolizei und den Mechanismen totalitärer Staaten nicht vertraut“ gewesen sei, habe Hardy „die bolschewistische Terminologie durch britische Rechtsvorstellungen und -begriffe [ersetzt], was das System milder und zivilisierter erscheinen ließ“[1]. Dabei könnten natürlich auch wirtschaftliche Erwägungen im Raum gestanden haben, wie Scammell schreibt, war „das Jahr 1940, kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, […] ein denkbar schlechter Zeitpunkt, um in Europa einen Roman zu schreiben und zu veröffentlichen“ – darüber hinaus noch einen so systemkritischen und nah am Zeitgeschehen angelegten. Zudem hatte Koestler den Vertrag mit Cape bereits geschlossen, während die englische Fassung sich noch in Arbeit befand[2], es ist also durchaus denkbar, dass (ganz abgesehen von Stilfragen) einige Abmilderungen bewusst vorgenommen wurden.
Zunächst war dem Roman nur mäßiger Erfolg beschieden. Erst nach Kriegsende nahm das Interesse daran schlagartig zu, insbesondere in Frankreich und den USA. Die deutsche Rückübersetzung nahm Koestler, der auf der Flucht von Frankreich nach England das Originalmanuskript eingebüßt hatte, ab 1943 selbst vor – eine Veröffentlichung, die eine Provokation der Siegermacht Sowjetunion hätte bedeuten können, war in Deutschland jedoch erst 1948 möglich. Mittlerweile war allerdings das Englische zu Koestlers Arbeitssprache avanciert, und da ihm nur noch Teile des Originals zur Verfügung standen, ergaben sich sprachliche Abweichungen[3] insbesondere in der zweiten Hälfte des Romans[4].

Wer sich also momentan die Zeit für ein vergleichendes Close-Reading der beiden Versionen nehmen möchte, oder sich der von Koestler beklagten, in der Rückübersetzung „verlustig gegangene[n] [Spontaneität des Originals]“ versichern möchte, oder einem Schriftsteller, der in einem Atemzug mit Huxley und Orwell genannt wird, einer jüngeren Generation aber vielleicht weniger ein Begriff ist, eine Chance geben möchte:

Der Roman nach dem deutschen Originalmanuskript ist 2018 bei Elsinor erschienen und mit einem Vorwort des Koestler-Forschers Michael Scammell sowie einem Nachwort von Matthias Weßel versehen.

Wer sich stattdessen lieber eine Annäherung an das Leseerlebnis mit Ilja Richter nachhause holen möchte, kann auch zum Hörbuch greifen (Der Audio Verlag, 2019).

 

Die Koestler-Biografie von Michael Scammell: Koestler: The Literary and Political Odyssey of a Twentieth-Century Skeptic (Random House, 2009)

 

[1] Michael Scammell: Logik der Eiszeit. Das Vorwort im englischen Original: The Eerily Prescient Lessons of

Darkness at Noon – Michael Scammell on the Eternal Totalitarian Truths of Arthur Koestler’s Classic

The Eerily Prescient Lessons of Darkness at Noon

 

[2] Weßel

[3] Sabrina Sandmann zur Übersetzung vs. Rückübersetzung

http://www.relue-online.de/2019/04/aus-der-finsternis-ans-sonnenlicht-der-sensationelle-fund-eines-originalmanuskripts-und-seine-lange-uebersetzungsgeschichte/

[4] Weßel, S. 244

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