Bücher, Ins Regal gegriffen

Georg Veit – Zeit der Krammetsvögel

Unter Ins Regal gegriffen stellen wir ein paar Schätze aus den Tiefen der LiKo-Bibliothek vor – Leseempfehlungen, die nicht unbebedingt Neuerscheinungen sein müssen, sondern oft schon etwas tiefer ins Regal gerutscht sind…

Die Wacholderdrossel – schwarmweise gefangen, im Ganzen gegessen, ihr Fleisch schmeckt nach den Wacholderbeeren, die sie frisst – ist ein Vogel, den sich auch die Ärmsten als Zubrot fangen können.

Und so sitzt auch die westfälische Landbevölkerung 1634, verhungert und durchnässt im schlammtriefenden Coesfeld unter hessischer Besatzung, vor den Toren rückt ein Schwedenregiment an: hier ist jeder dem anderen ein Krammetsvogel[1], sei er noch so arm, ist er trotzdem noch fressbar. Unter den Leuten herrscht das Prinzip dog-eat-dog. Eine ganze Generation ist bereits im Kriegszustand aufgewachsen, Kämmerer Witfelt und Magister Gweitner werden Zeugen, wie eine Horde Kinder Vögel mit Leim fängt und trotz Hungers aus reiner Grausamkeit tötet – nur die titelgebende Wacholderdrossel, der schmackhafteste Bissen, entkommt durch Zufall und wird von Gweitner geborgen.

Kann ein Mensch widerstehen, den anderen auszunutzen, zu übervorteilen, zu missbrauchen?

Zeit der Krammetsvögel (1997 bei Waxmann erschienen) vermittelt einen sehr plastischen Eindruck der Epoche. Im ewigen Nieselregen begleitet man eine kleine Gruppe auf ihrem Tagesmarsch von Coesfeld zu einem nahegelegenen Schulzenhof, dabei erlaubt das Buch kaum, den Blick von den rein alltäglichen Unannehmlichkeiten und zwischenmenschlichen Grausamkeiten abzuwenden. Sprachlich präsentiert sich der Roman oft blumig-verschraubt, interessanterweise tut das seiner Eindringlichkeit keinen Abbruch, ebenso die eingestreute wörtliche Rede in Münsterländer Platt.

Eine Lektüre, die man am Ende vielleicht zur Seite legt und sich freut, dass draußen die Sonne scheint und es bei aller Ausgangsbeschränkung doch sehr zivilisiert zugeht.

 

Georg Veit, Jahrgang 1956, lebt in Coesfeld und hat 2018 den Vorsitz der Droste-Gesellschaft übernommen. Er ist vor allem für seine Münsterland-Krimis bekannt, sein jüngster Roman Schwedings Handhabung der Wolken ist 2017 bei Elsinor erschienen (und hier im Auszug zu hören).

Georg Veit im Lexikon Westfälischer Autorinnen und Autoren

 

[1] auch spannend: Christof Spannhoff u.a. zur Wortherkunft von Krammetsvogel

 

Abbildung unter Verwendung dieser Fotografie – übrigens gibt es auf europeana.eu auch Soundsamples der Wacholderdrossel aus dem Tierstimmenarchiv des Naturkundemuseums Berlin

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