Autoren, Lesungen

Vom Menschenexperiment zum Bühnenexperiment

August Zirner und das Spardosen-Terzett setzen Mary Shelleys „Frankenstein“ zum 200-jährigen Jubiläum neu in Szene

Im düsteren Sommer des Jahres 1816 mit seinen endlosen Regenfällen und schauderhaften Gewittern lädt der namhafte britische Dichter Lord Byron zu einer geschichtsträchtigen Zusammenkunft in der Villa Diodati an den Ufern des Genfersees. Unter den Gästen befinden sich Byrons Leibarzt John William Polidori, die prominenten Literaten Gregory Lewin und Percy Bysshe Shelley sowie dessen zukünftige Ehefrau, die angehende Schriftstellerin Mary Godwin, später weltbekannt als Mary Shelley. Angeregt durch gotische Gespensterlegenden und den seinerzeit nicht unüblichen Gebrauch von Laudanum, verabreden die Anwesenden einen literarischen Wettstreit im Schreiben von Schauergeschichten. Während Polidori mit „Der Vampyr“ (1816) eine Erzählung entwirft, die Bram Stoker die Vorlage für seinen Bestseller „Dracula“ (1897) liefern wird, legt Mary Shelley den Grundstein für ihren Sensationserfolg „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“, der im Jahr 1818 anonym erscheint.

Der Debütroman der damals erst 21 Jahre alten britischen Schriftstellerin erzählt die Geschichte des jungen, ambitionierten Schweizer Medizinstudenten Victor Frankenstein, der in seinem hochmütigen Versuch, gottgleich in die Schöpfung einzugreifen, einen künstlichen Menschen erschafft. Nachdem sein aus entwendeten Leichenteilen zusammengesetztes Geschöpf unter konvulsiven Bewegungen erwacht ist, ergreift er jedoch voller Entsetzen über den Anblick der erschaffenen Kreatur die Flucht. In seiner Verlassenheit begibt sich das Monster auf eine vergebliche Suche nach Nähe und Akzeptanz, die ihn auf einen Pfad des Mordes und der Zerstörung führt, dem letztlich auch sein Erschaffer zum Opfer fällt.

Mit Frankensteins Monster hat Shelley eine mythische Figur weltweiter Bekanntheit erschaffen, dessen kulturelle Resonanz bis heute ungebrochen ist. Bereits zu ihren Lebzeiten eroberte die außer Kontrolle geratene Schreckgestalt erfolgreich die Theaterbühne. Durch Boris Karloffs Darstellung in der Verfilmung von 1931 wurde dem Monster ein ikonenhaftes Gesicht verliehen. Heute zählt „Frankenstein“ mit weit über 200 Produktionen zu den meistverfilmten Stoffen der Weltliteratur.

Neben dem berüchtigten Ungeheuer entwarf Shelley mit Victor Frankenstein zugleich den Archetyp des übertrieben ehrgeizigen Wissenschaftlers. Ihre Inspiration fand die junge Autorin sehr wahrscheinlich in den naturphilosophischen Strömungen des beginnenden 19. Jahrhunderts, als die Menschheit in Anbetracht der aufsehenerregenden Experimente des italienischen Arztes Luigi Galvani, der durch das Anlegen elektrischer Spannung einen frischen Leichnam erbeben lassen konnte, tatsächlich kurz davor zu stehen schien, die Herrschaft über das Leben zu erlangen. Anhand der Figur Frankensteins thematisiert Shelley die Fragen nach der ethischen Verantwortung der Wissenschaft und den drohenden Konsequenzen eines bis zur Hybris reichenden Wissenschaftsstrebens.

„Aus guten Absichten wurde durch Eitelkeit und Selbstüberschätzung eine Katastrophe. Shelleys Warnung an die Wissenschaftler, das Machbare nicht ohne Moral und Ethik zu tun, hat ihre Wirkung nicht verloren.“ – (Christiane Böhm, Göttinger Tageblatt 2018) In den Zeiten von Gendiagnostik und künstlicher Intelligenz wirkt ihr Warnruf hingegen so präsent wie vielleicht nie zuvor. Heute steht die Menschheit wohl tatsächlich vor der Schwelle, in die tiefsten Geheimnisse der Schöpfung vorzudringen. Im Lichte potenziell transgressiver Experimente, wie z. B. der Entwicklung von KI für militärische Zwecke oder der embryonalen Genmanipulation mittels Crispr, die jeglicher moralischer Verantwortung enthoben erscheinen, eröffnet sich erneut das gravierende Risiko, den dienstbaren Geistern, die wir rufen, letzten Endes nicht mehr Herr werden zu können.

Vor diesem Hintergrund wird im Rahmen der Ausstellung „Aliens Welcome! Science-Fiction-Literatur aus Westfalen 1904-2018“ am 2. November 2019 ein weiteres Kapitel der imposanten Adaptionsgeschichte des „Frankenstein“ geschrieben. Anlässlich des 200-jährigen Jubiläums des Romans setzt der österreichisch-amerikanische Schauspieler August Zirner den traditionsreichen Stoff zusammen mit dem Essener Spardosen-Terzett neu in Szene. Mit einer harmonischen Symbiose aus literarischer Lesung, dramatischem Schauspiel und Livemusik erwecken sie den gegenwartsnahen Klassiker zu neuem Leben und bereiten dem Publikum anderthalb Stunden schaurig-wohlige Unterhaltung.

Durch den Abend führt Zirners zutiefst bewegende Inszenierung des Victor Frankenstein. Begleitet durch sein eigenes Querflötenspiel trägt er eindringliche Passagen aus „Frankenstein“ mit großen Gefühl vor. Er schlüpft hierbei gekonnt in die Rolle des von Shelley erdachten Wissenschaftlers und befördert die von ihr aufgeworfene Frage danach, wie weit die Wissenschaft gehen darf, in die Aktualität. Internationale Aufmerksamkeit erlangte Zirner durch zahlreiche Auftritte in Kino- und Fernsehfilmen, 2007 wurde er für den Film „Wut“ mit dem Adolf-Grimme-Preis als bester Schauspieler ausgezeichnet. Seit 2011 steht er auf der Bühne des Residenztheater München, seit 2015 spielt er „Nathan den Weisen“ im Münchener Volkstheater.

Seine leidenschaftliche Darbietung wird bravourös ergänzt von den Instrumentalklängen des Spardosen-Terzetts (Rainer Lipski, Kai Struwe, Micky Neher), das den Schauspieler schon oft bei seinen Produktionen begleitet hat, zuletzt im Rahmen des Bühnenprogramms „Diagnose: Jazz“ (2009). Neben zahlreichen Vorstellungen in diversen Clubs in ganz Deutschland tritt das Spardosen-Terzett regelmäßig im Essener Grillo-Theater mit ihrer eigenen Show „Neues aus Vogelheim“ an der Seite von Komödianten und Kabarettisten wie Fritz Eckenga auf.

von Michael Giebel

 

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