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»Life’s a journey, not a destination«

 … diese Zeilen von Aerosmith aus dem Song „Amazing“, bringen auch die Quintessenz von Leoie Müllers Roman Tausche Wohnung gegen Bahncard auf den Punkt. Worum geht es? Leonie Müller, 1992 in Bielefeld geboren, studiert Medien- und Sozialwissenschaften in Tübingen. Wohnhaft ist sie jedoch in Stuttgart – und pendelt mit der Bahn zu ihren Vorlesungen. 2015 beschließt sie, das Pendeln auf ihr komplettes Leben auszudehnen und verlegt ihren Lebensmittelpunkt auf das Schienennetz der Deutschen Bahn: Sie kündigt ihre Wohnung und „tauscht“ sie gegen eine Bahncard 100. Dadurch hat sie nicht nur die Möglichkeit, jederzeit die Städte des Landes zu erkunden, sondern auch die Gelegenheit ihre über die Republik verteilten Freunde regelmäßig zu besuchen. Von diesem Leben »on the rail« erzählt sie in ihrem Debütroman.
Vorweg: Wer ein Buch mit Erfahrungen über die Bahn als Wohnsitz oder etwa eine Gebrauchsanweisung für das Leben mit und in der Deutschen Bahn erwartet, wird vermutlich enttäuscht. Der Roman ist in erster Linie ein Reisebericht, der quer durch die Bundesrepublik führt. Die Autorin nimmt den Leser mit zu den Orten, die sie bereist. Dabei handelt es sich nicht immer um die typischen Touristenziele – wenn auch mit einem 19-seitigen Abstecher zu Schloss Neuschwanstein einer der deutschen Touristen-Hotspots schlechthin besucht wird. Vor allem erzählt Leonie Müller von den unbekannteren Orten, wie zum Beispiel den äußersten »Zipfeln« im Norden, Osten, Süden und Westen des Landes oder von Haßloch in der Pfalz und erweitert damit den Reisehorizont. Durch Hintergrundinformationen zu den Reisezielen erfährt der Leser, dass letzterer der durchschnittlichste Ort Deutschlands ist – so durchschnittlich, dass hier regelmäßig neue Produkte auf deren Markttauglichkeit getestet werden.
Zwischenstopps werden mit gedanklichen Abstechern zu Themen wie Heimat, Abhängigkeit, materiellen Besitz oder Freiheit eingelegt: Die Autorin philosophiert darüber, wo Heimat ist, ob diese an einen einzigen Ort gebunden ist, und über die Frage, ob Heimatlosigkeit nicht auch eine Form von Freiheit ist. Dass ihre Gedanken nicht vollkommen aus der Luft gegriffen sind, sondern zur kulturwissenschaftlichen Diskussion gehören, zeigen Verweise auf die dichterischen Werke Heinrich Heines oder die Thesen des französischen Anthropologen Marc Augé. Dass sich die wissenschaftlich geprägten Passagen nicht zu zäh lesen, ist dem Schreibstil Müllers zu verdanken. Dieser erinnert an ein eloquent verfasstes Tagebuch und macht den Roman zu einer idealen Lektüre für den Strand oder (natürlich!) eine Bahnfahrt.
Den Mangel eines stringenten roten Fadens, der sich von Anfang bis Ende durch den Roman zieht, kann man der Autorin verzeihen. Die Kapitel reihen sich relativ willkürlich aneinander, sodass diese prinzipiell in einer willkürlichen Reihenfolge gelesen werden könnten. Vor dem Hintergrund des Romaninhalts beeinträchtigt diese Episodenhaftigkeit die Lektüre keinesfalls, sondern greift dadurch die Sprunghaftigkeit des Pendlerdaseins der Autorin strukturell auf.
„Es geht weiter. Immer weiter“, sind die letzten Worte des Romans und machen deutlich, dass das Leben – frei nach Aerosmith – kein Ziel ist, sondern eine Reise.
(Kristina Reen)

Müller, Leonie. Tausche Wohnung gegen Bahncard. Frankfurt a.M.: Fischer-Verlag 2018.

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