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Tschechische Seelenkunde und Erzählkunst

Martin Becker, 1982 im Sauerland geboren, Absolvent des Deutschen Literaturinstituts in Leipzig und sowohl literarisch also auch journalistisch tätig, legt mit „Warten auf Kafka“ erstmals ein Buch vor, das auch Bereiche des Sachbuchs streift. Es führt uns nach Tschechien und dort gleich anfangs in eine Kneipe. Nirgendwo, sagt Becker, könne man das Seelenleben der Tschechen besser kennen lernen als beim Bier. Er lädt den Leser ein, sich einfach mit an den Tisch zu setzen und zuzuhören. Und schon verbrüdert man sich, trinkt erst ein Bier, dann zwei, bis es zum Schluss sieben Halbe sind.
Gleichsam en passant lernt man dabei all das kennen, was man zum Thema Tschechien und tschechische Literatur wissen sollte: Wer sind die großen Nationaldichter (etwa Milan Kundera Bohumil Hrabal, Václav Havel oder Jaroslav Hasek), wo haben sie gelebt und was zeichnet sie aus? Der Autor führt uns an literarische Pilgerorte, die Schauplätze von Romanen, in Kaffeehäuser und – immer wieder ins Wirtshaus: Die Kneipe sei ein genuiner Literaturort und tauche als solcher zigmal in Romanen und Erzählungen auf.Wenn der Tscheche erzähle, dann gehe es, so Becker, um Kopf und Kragen. Dieses Faktum sei so einmalig wie die Literatur des Landes selbst. Becker ist seit seiner Kindheit vom tschechischen Virus infiziert. Initialerlebnisse war die Kinderserie „Pan Tau“ und der Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Später kamen weitere tschechische Bücher und Geschichten hinzu: „Ich war noch kein einziges Mal in Prag gewesen, da hatte mir Milan Kundera schon längst seine Melancholie eingeimpft.“ 2006 war der Autor dann erstmal in Tschechien zu Gast. Dort lernte er den Schriftsteller Jaroslav Rudiš kennen und freundete sich mit ihm an. Gemeinsam realisierten sie das Hörspiel „Lost in Praha“ (2008) sowie die Oper „Exit 89“, die im Oktober 2008 von einem Prager Theater uraufgeführt wurde. Ein weiteres gemeinsames Projekt war das Hörspiel „Plattenbaucowboys“ (2010). Nach weiteren Besuchen verbrachte er dann 2017 ein ganzes Jahr in Tschechien, um für das hier in Rede stehende Buch zu recherchieren. Er lernte in dieser Zeit sogar (ansatzweise) die tschechische Sprache.
Martin Beckers „Warten auf Kafka“ ist die große Liebeserklärung an ein Land der Geschichten und Geschichtenerzähler. Vor allem in einer Stadt sei dieses Flair zu spüren: „Der Prager Rausch hatte mich erfasst. Eine unerklärliche Trunkenheit jenseits des Alkohols, die über die Jahrhunderte gut dokumentiert worden ist, die Quelle allen Glücks und allen Übels, die Ursache für schlimmstes Heimweh und für irrationale Sehnsüchte zurück, der Prager Rausch, dem man sich nicht entziehen und den man mit nichts vergleichen kann.“ Wer Beckers tschechische Seelenkunde liest, beginnt unweigerlich zu vergleichen. Würde ein Autor aus einem anderen Land vielleicht Ähnliches über Deutschland respektive Westfalen schreiben? Wie steht es um die westfälische Seelenkunde? Wann wurde diese zuletzt beschrieben?
Hier sei nachdrücklich auf das Buch „Road Markings – Reise-Gedanken“ hingewiesen, das vor wenigen Wochen im Dortmunder Vorsatz Verlag erschienen ist. Verfasser sind Peter Spafford und Ralf Thenior. Jeder lebte eine Woche in der Heimatstadt des anderen, Spafford in Dortmund, Thenior in Leeds. Die Ergebnisse wurden in öffentlichen Lesungen der jeweiligen Partnerstädte präsentiert. Ein, wie das Ergebnis zeigt, in jeder Hinsicht lohnenswerter Austausch. Im Fremden das Eigene zu erkennen, ist bis heut e eine Triebfeder literarischer Arbeit. Ein Experiment, das Schule machen sollte.

(Walter Gödden)

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