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Tsead Bruinja – Dichter des Vaderlands

Seit zwölf Jahren gibt es das Amt des Dichters des Vaderlands in den Niederlanden. Das vom NRC-Handelblad gegründete und auf zwei Jahre befristete Ehrenamt wurde am 23. Januar 2019 an den friesischen, in Amsterdam lebenden Dichter Tsead Bruinja vergeben. Bruinja, der als siebter Dichter den Titel von der Rotterdamer Dichterin Ester Naomi Perquin übernahm, öffnete in einer eindrucksvollen, vom ihm selbst konzipierten Show den Blick für die Möglichkeiten der Poesie.Andrea van Pol, die Moderatorin, eine in den Niederlanden bekannte Talkshow-Gastgeberin, eröffnete den Abend mit launigen und sachdienlichen Mitteilungen über den Preis, den Preisträger und wandte sich dann im ersten Teil des Abends der Gesprächsrunde zu, die vom Preisträger selbst, von K. Schippers, einem ehemaligen Träger des Ehrenamts, und der derzeitigen Dichterin des Vaderlands von Belgien, Els Moors zusammengesetzt war.
Ein wichtiges Thema der Gesprächsrunde kreiste um die Möglickeiten von Poesie im öffentlichen Raum. Das Gespräch wurde von zeitgeschalteten Dias begleitet, in einem sah man eine poetische Arbeit von Karl Schippers, ein Flusslauf, am linken Ufer ein Schild mit der Aufschrift WAT und auf der anderen Seite des fließenden Wassers ein Schild mit: ER. Auch Arbeiten von Tsead Bruinja waren zu sehen.
Nach einer kurzen Pause begann im zweiten Teil die eigentliche vom Dichter zusammengestellte Show. Wie schon auf dem Lyrikfestival in Münster 2017 zu sehen, malte die Künstlerin und Dichterin Lies van Gasse während der Dichterlesungen Tuschbilder, deren Entstehung und Veränderungen man auf einem Bildschirm verfolgen konnte. Es lasen Babs Gons, Simone Atanga Bekono, Frank Keizer, Lies van Gasse und natürlich der neue Dichter des Vaderlands selbst.
Umrahmt wurde das Ganze von zwei Musikern, dem Saxofonisten und Thereminspieler Jan Klug und dem Banjospieler und Sänger Broeder Dieleman.
Ein Höhepunkt des zweiten Teils war das Nescio Ensemble, ein zwölfköpfiges Streicherorchester, das eine unter die Haut gehende Improvisation von Geigen, Cellos und Kontrabass, zu Gehör brachte.
Tsead Bruinja war mehrfach zu Gast im Haus Nottbeck, zuerst auf einem Übersetzerwochenende im Sommer 2011, dem (damals) heißesten Wochenende seit Aufzeichnung der Wetterdaten. Danach zu anderen Gelegenheiten.
Auch Els Moors, die derzeitige Dichterin des Vaderlands von Belgien war Gast an diesem Übersetzerwochenende dabei und erinnert sich noch gern daran.

Mit „kapstok“ legte der Dichter seinen zwölften Gedichtband vor.

Hinzuweisen ist an dieser Stelle noch auf Tseads Bruinjas Gedichtband „spezialist auf dem gebiet von fensterrahmen“ in der Edition Virgines, dem ersten Band einer niederländischen Poesiereihe des Verlags. Die von verschiedenen Übersetzern ins Deutsche übertragenen Gedichte enthalten Beispiele aus unterschiedlichen Schaffensperioden. Doch in allen erkennt man die Wachsamkeit, die Empathie und die Leichtigkeit, mit der Bruinja Erfahrungen, Geschehnisse und Sachverhalte zu Papier bringt. Und nicht nur das. Man muss ihn lesen hören, die Beweglichkeit, die Lebendigkeit, die Dynamik seiner Gedichte kommen durch seine Stimme, seinen Vortrag besonders deutlich zur Geltung. Es lohnt sich, in diesem Gedichtband zu blättern, Entdeckungen zu machen und Perspektiven einzunehmen, die erstaunliche Durchblicke durch die Dschungel und Wüsten des einundzwanzigsten Jahrhunderts ermöglichen.

Einen ersten Eindruck von den Gedichten Bruinjas erhält man auch in dem Band „Afspraken / Vrabredungen“ der Nottbecker Edition „roterfadenlyrik“.

Tsead Bruinja, „spezialist auf dem gebiet von fensterrahmen“, Gedichte, Edition Virgines, Düsseldorf 2016.

 „Afspraken / Verabredungen“, Gedichte von Bianca Boer, Tsead Bruinja, Els Moors und Menno Wigman,  roterfadenlyrik, Edition Haus Nottbeck im vorsatz verlag, Oelde / Dortmund 2012.      

(Ralf Thenior)

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