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Die Erfindung der Droste

Karen Duwes fiktionaler Roman zeigt die Droste in Konfrontation mit ihrer Gesellschaft

In diesem Jahr erschien Karen Duves Roman „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ über Annette von Droste-Hülshoff. Der Klappentext verspricht einen Roman über ihre „Liebes- und Lebenskatastrophe“. Dass es kein Happy End gibt, ist bereits vor der ersten Seite klar. Und so beginnt der Roman mit Zitaten von Zeitgenossen, die Drostes literarisches Werk verreißen. Um dieses Werk geht es dann jedoch wenig. Duve stellt das Leben der berühmten Schriftstellerin in den Vordergrund, insbesondere die Ereignisse im Sommer 1820, als sich eine Liebe zu Heinrich Straube, einem mittellosen, unstandesgemäßen Protegé ihres Onkels, entwickelt. Doch wer nun denkt, die Droste sei zur Hauptfigur in einem kitschigen Liebesroman verkommen, der irrt. Für ihren Roman hat Karen Duve aufwendig recherchiert, wie das ausführliche Literaturverzeichnis zeigt. Gleich zu Anfang legt sie offen: „Was tatsächlich im Sommer 1820 auf dem Bökerhof vorgefallen ist, liegt im Dunkeln.“ Dieses erfrischend ehrliche Statement zum Verhältnis von wissenschaftlicher Forschung und künstlerischer Freiheit tut gut.
Duve begeht nicht den Fehler, die Schriftstellerin oder ihre Zeit zu verklären. Dies merkt man spätestens bei einer Beschreibung der Fäkalienentsorgung. Sie vermeidet „Rezeptionsklischees“ von der Droste als „adelige, weltentrückte, katholische Dichterin“ (Grywatsch), ohne die Rolle von Adel und Religion zu verschweigen. Teilweise scheint die ständig reisende Droste in erster Linie als Bindeglied zwischen verschiedenen Orten, Personen und Diskursen zu fungieren. In Kassel trifft sie die Gebrüder Grimm und macht eine Kur in Bad Driburg, wo Duve den damaligen medizinischen Forschungsstand referiert: Die Frau sei aufgrund ihres Geschlechts schwächer als der Mann. Überhaupt betont Duve, wie sehr sämtliche Handlungen der Charaktere geschlechtlich konnotiert sind. Männer reden über Politik, Frauen über Handarbeit. Männer studieren, schreiben und geben Bücher heraus. In dieser Welt fällt es Annette von Droste-Hülshoff schwer, sich als Schriftstellerin zu entfalten.
In weiten Teilen des Romans beschreibt Duve weniger Annette von Droste-Hülshoff als die Gesellschaft, in der sie lebt. Es ist eine Gesellschaft, die von Geschlecht, finanziellen Abhängigkeiten und dem Zwang geprägt ist, den Einflussreichen zu gefallen. Dies gilt für die Droste selbst, aber auch für Heinrich Straube, dessen Leben von August von Haxthausen bezahlt und somit bestimmt wird. „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ ist weniger ein Liebesroman als eine Gesellschaftskritik. Es gelten Normen, mit denen am Ende kein Charakter glücklich wird und die dem heutigen Leser keineswegs wünschenswert erscheinen. Duve gibt auch Themen wie dem Unterschied zwischen Arm und Reich, Judenfeindlichkeit unter Studenten und Nationalismus viel Platz, sodass ihr Roman weit mehr als eine reine Charakterstudie ist.
Die Schriftstellerin Annette von Droste-Hülshoff selbst hat nur wenig Redeanteil und einige ihrer Sätze wirken stereotyp, auch ihr erster: „Wie kommt es bloß, dass wir Steine für etwas Totes halten […] schauen Sie nur – wie bunt und funkelnd.“ (Duve). So scheint entweder die Dichterin oder ein vorlautes Kind zu sprechen, das einem Gast attestiert „Geruch wie von einem nassen Hund“ zu verströmen (Duwe). So brüskiert die Droste regelmäßig ihre Verwandtschaft.
Ihre Unangepasstheit ist so quälend eindeutig, dass eine Übercharakterisierung vorliegt. Dies kostet Sympathiepunkte. Doch immerhin erstarrt Duve nicht in Ehrfurcht vor der Droste, auch nicht vor den anderen erwähnten literarischen Größen. Eher im Gegenteil: Sie lässt Nebenfiguren über Goethe lästern und Brentanos Unzuverlässigkeit wird mehrfach erwähnt.
„Fräulein Nettes kurzer Sommer“ bleibt trotz intensiver Recherche ein fiktionaler Roman, der einen ungeschönten Einblick in Annette von Droste-Hülshoffs Lebenszeit ermöglicht. Dabei wahrt Duve stets eine kritische Distanz zum Erzählten. Trotzdem erweckt sie in ihrem Roman zahlreiche historische Orte zum Leben und macht längst vergangene Zeiten greifbar.

Empfohlen sei er daher nicht nur Fans der Droste, sondern auch Menschen, die sich für das Leben im Westfalen des 19. Jahrhundert interessieren.

(Katrin Reineke)

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