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»Serverland« – Josefine Rieks

Verlag: Carl Hanser 2018

Bei diesem Regenwetter kommt heute als kleine Aufheiterung ein Lesetipp von der Praktikantin der Literaturkommission. Ein kurzer Beitrag zu Josefine Rieks Debütroman „Serverland“. Mehr erfahrt Ihr unten.

„2018 bewegen wir uns ganz selbstverständlich durch die geglätteten Filterblasen von Facebook, Amazon & Co, konsolidieren mit jedem Klick die Macht der Netzgiganten, lassen uns freiwillig überwachen – und klammern uns zugleich noch immer an den Gedanken, dass dies wohl ein Stück der ersehnten Freiheit sein muss“ (Tagesspiegel vom 06.03.2018).

Durch das World Wide Web sind Menschen scheinbar freier und vernetzter denn eh und je – hier wird ein Foto auf Instagram gepostet, dort wird eine Facebook-Statusmeldung, was man gerade mit wem unternimmt, ins Netz gestellt. Bereitwillig werden so selbst privateste Momente und Informationen mit der Welt geteilt. Eine Zeit, in der all dies nicht nur verklärt, sondern gar unmöglich ist, lässt sich heutzutage kaum vorstellen. Eine Welt ohne Internet – dieser Vorstellung nimmt sich die 1988 in Höxter geborene Josefine Rieks in ihrem Debütroman „Serverland“ an. In der von ihr geschaffenen Welt ist das Internet ein Relikt der Vergangenheit und nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center vom 11. September 2001 abgestellt worden. Reiner, der Mitte 20-jährige Hauptcharakter des Romans, ist einer der wenigen Menschen, den nichtsdestotrotz eine Faszination mit der vergangenen Blütezeit des Internets umtreibt – er sammelt alte Notebooks und verkörpert wohl das, was heutzutage gerne als Gamer und PC-Nerd abgestempelt wird. Zusammen mit dem vermeintlichen Ganoven Meyer gelingt es Reiner, von Berlin aus eine mit alten Servern gefüllte Lagerhalle in den Niederlanden ausfindig zu machen. Tollkühn und von der Vision getrieben, vergessene digitale Schätze aufspüren und mit diesen Menschen erpressen zu können, schaffen es die beiden Männer dort, das stillgelegte Internet wieder anzuzapfen und bekommen somit das zu sehen, was seit Jahrzehnten keiner mehr gesehen hat. Ihnen öffnen sich schier unendliche Möglichkeiten: nutzt man das Netz, um politische Interessen zu verfolgen, um sich zu bereichern oder doch nur um des Spaßes willen?

Mit ihrem Erstlingswerk wirft die studierte Philosophin viele solcher Fragen auf und regt zum Nachdenken an. Ihr Versuch, eines der einflussreichsten und wichtigsten Merkmale unserer Zeit, nämlich unsere ständige Vernetztheit, untergehen zu lassen, ist mutig und ambitioniert. Aufgrund des Umfangs von lediglich 176 Seiten schafft die Autorin es in ihrem dystopischen Roadtrip jedoch nicht, das Thema „Leben ohne Internet“ komplett zu durchdringen. Dennoch ist es Josefine Rieks gelungen, sich als eine der neuen, jungen Stimmen der westfälischen Literatur zu positionieren. 2017 erhielt sie für ihr Romanprojekt das Alfred-Döblin-Stipendium. Man darf gespannt auf ihre Zukunft als Autorin sein und welchen Themengebieten sie sich in künftigen Werken annehmen wird.

 

(Nadine Schlump)

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