Autoren, Bücher, Entdeckung

Andreas Rossmann »Mit dem Rücken zum Meer«

Für alle, die die Lesung des ehemaligen Kulturkorrespondenten der FAZ, Andreas Rossmann, am 7. Juni auf dem Kulturgut Haus Nottbeck verpasst haben und die es jetzt völlig sonnentrunken vom herrlichen Sommerwetter in die Ferne zieht, gibt es hier nochmal das Intro von Walter Gödden als kleinen Appetizer. Mit Rossmanns Mit dem Rücken zum Meer. Aus einem sizilianischen Tagebuch im Gepäck ist man auf der Mittelmeer Insel auf der sicheren Seite. Zudem wird am Beispiel Rossmanns erneut deutlich wie international NRW-Autoren verflochten und beheimatet sind.

NRW-Autoren unterwegs (Das Intro zur Lesung von Andreas Rossmann aus Mit dem Rücken zum Meer. Aus einem sizillianischen Tagebuch, 2017)

Was für ein ergiebiges, bislang in seiner Gesamtheit noch nicht in den Blick genommenes Thema.

  • Peter Paul Althaus in der Villa Pazzi in Florenz.
  • Armin T. Wegener auf der Insel Stromboli.
  • Adolf von Hatzfeld in Positano am Golf von Neapel.
  • Ernst Meister auf Ibiza und in der Provence.
  • Von den frühen Entdeckungsreisen eines Engelbert Kämpfer ganz zu schweigen oder einem Weltenbummler wie Helge Timmerberg.

Und all dies, das Reisen, das Leben unterwegs, hat – natürlich –literarische Spuren hinterlassen, ergiebige und nachhaltige, Reflexe in Gedichten wie in der Prosa.

Ein Thema vielleicht einmal für eine Ausstellung hier auf dem Kulturgut, wer weiß…

Und ja, natürlich Sizilien. Wunderbar beschrieben – literarisch und auch dokumentarisch – nein, wir sind noch nicht bei Andreas Rossmann, sondern vorerst noch bei Thomas Valentin in seinem Erzählband Schnee vom Ätna. Der Lippstädter Autor verbrachte regelmäßig seine Sommermonate auf der Insel und betrachtet man die Fotos solcher Aufenthalte blickt man in das Gesicht eines ganz anderen, weniger leidgeprüften Menschen, der Valentin ja sonst in der Hauptsache war. Eine Insel, die ihn wie andere nicht mehr losließ. Auch das Reiseehepaar Ulrich und Ilse Straeter nicht – er Autor, sie Malerin, gemeinsam verewigt in dem Reportageband Sizilianische Zitronen – beide waren hier schon zu Gast.

Kurzum: Sizilien – eine Insel, die offenbar zu feuilletonistischen Exkursen einlädt, zu Gedankenspaziergängen. Und damit sind wir nun endlich bei Andreas Rossmann angekommen und seinem wunderbaren Buch Mit dem Rücken zum Meer. Aus einem sizilianisches Tagebuch, unlängst erschienen und schon in zweiter Auflage vorliegend. Es zeigt einen Kosmopoliten unterwegs. Einen kulturell und politisch allseits bewanderten Flaneur, der die Insel durchstreift und Eindrücke gelassen auf sich zukommen lässt – so wie sie sich mehr oder weniger zufällig ergeben. Weniger interessiert an touristischen Attraktionen als daran, wie diese Insel tickt, wie die Inselbewohner ticken. Er führt viele Gespräche vor Ort, lässt sich erzählen, ordnet ein, besucht mehrere Jahre lang – von 2013 bis 2017 – dieselben Orte und Stätten, auch, um Veränderungen wahrzunehmen. Und: Verluste zu registrieren. Vieles läuft schief auf dem italienischen Eiland, davon können am besten die Einheimischen ein Lied singen. Andreas Rossmann hat ihre Lamenti notiert. Um diese Menschen geht es, um die Dagebliebenen, Rückkehrer, Emigranten und Immigranten, Adlige und „kleine Leute“, Mafiagegner und Mafiaverdränger – wie es im Klappentext heißt. Bei Rossmann erscheinen sie alle, das gesamte erwähnte Personal, die Oberen wie die Marginalisierten, auf einer Augenhöhe – als gleichberechtigte Zeitzeugen. Ein Buch der Umwege und der Nebenstrecken, die oft Überraschendes zu bieten haben, das Alltägliche halt, und das ist oft um vieles spannender als jeder Hochglanzprospekt. Rossmann will uns teilhaben lassen und nicht belehren. Sein Reisebuch weist einen, wie es in einer Rezension hieß, „von allzu großen Reflexionen bereinigten Blick“ auf.
Der mündige Leser wird vorausgesetzt. Rossmann blätterte auch nicht in anderen Sizilien-Reiseführern, die es ja en masse gibt, sondern verlässt sich auf seine eigenen Erfahrungen. Und vermittelt diese ohne aufgestülpte Emphase, sondern aufgeklärt-nüchtern, authentisch. Und dazu passen die Fotos von Barbara Klemm, der Fotografin aus Münster, langjährige Fotografin der FAZ, eine der Fotografie-Ikonen unserer Gegenwart. Sie steuerte dem Band Mit dem Rücken zum Meer knapp 50 Schwarz-Weiß-Bilder bei.

Kurzum: Ein Buch, das uns „das Fernweh ins Herz“ pflanzt: Reiseerzählungen, deren Aufrichtigkeit und Lebensphilosophie beeindrucken.

Noch kurz zum Autor: Andreas Rossmann wurde in Karlsruhe geboren. Er studierte Anglistik, Germanistik und Philosophie in Heidelberg, London und Norwich. Nach dem ersten Staatsexamen war er fünf Jahre lang wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der FU Berlin, arbeitete daneben aber bereits journalistisch für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften. Von 1986 bis 2017 war er der Kulturkorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für Nordrhein-Westfalen. Zwischen 1990 und 1995 war Rossmann zudem Mitglied im Auswahlgremium der Mülheimer Theatertage. Er hatte Lehraufträge an den Universitäten Hildesheim, Köln, Essen und Bochum inne. Rossmann wurde 2000 mit dem Journalistenpreis des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz und 2014 mit dem Preis des Forums Geschichtskultur an Ruhr und Emscher für seinen Band Der Rauch verbindet die Stadt nicht mehr ausgezeichnet, der übrigens ebenfalls mit Fotos von Barbara Klemm illustriert ist.

(Walter Gödden)

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