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»Vielleicht ist das wieder so ein Versuch, nachträglich Ordnung in das Chaos zu bringen.« Thorsten Nagelschmidts neuer Roman »Der Abfall der Herzen«

Thorsten Nagelschmidt, besser bekannt unter dem Namen »Nagel« und als Sänger und Gitarrist der Band Muff Potter, wurde 1976 im Münsterland geboren und wuchs in Rheine (Westf.) auf. Im Februar 2018 erschien sein neuer Roman Der Abfall der Herzen im Fischer Verlag – ein autobiographischer Coming-of-Age-Text für und von einer Generation, die vor der Vielzahl ihrer Möglichkeiten und der Grenzenlosigkeit ihres Daseins zunächst kapituliert. Erschlagen von der Freiheit, nach der man sich immer sehnte, auf der Flucht in die Gleichgültigkeit. Emotionale und physische Gewalterfahrung und Chaos sind vorprogrammiert. Sein Text dreht sich um den Sommer 1999 in Rheine, der alles bisher Dagewesene verändern sollte.

»Sag mal, wie war das eigentlich damals – wann hast du aufgehört, mich zu hassen?«
»Als du mir den Brief geschrieben hast.«
Ich habe keine Ahnung, wovon er redet. »Was für einen Brief?«

Mit diesem Eingeständnis – der Unfähigkeit des Erinnerns – beginnt seine Spurensuche nach der Vergangenheit. 1999 war Thorsten Nagelschmidt 23 Jahre alt. 16 Jahre später macht Nagel sich auf den Weg, um seine damaligen Freunde ausfindig zu machen, sie nach ihren Erinnerungen zu befragen und so den besagten Sommer zu rekonstruieren. Seine Reise führt ihn über Rheine nach Düsseldorf, Frankfurt, Berlin aber auch nach Süd-Frankreich.

Stück für Stück setzt sich das Puzzle zusammen und kommt am Ende doch nicht ohne Fiktion aus. Nagels Text durchzieht permanent die Frage nach der Verlässlichkeit persönlicher Erinnerung. Wie viel Fiktionalität steckt in unseren Erinnerungen und wie verlässlich ist unsere Wahrnehmung? Als Hilfe dienen ihm alte Tagebücher und Fotos, deren Leerstellen er produktiv füllen muss. Aufgrund seiner intelligenten und spannenden Erzählweise, gelingt es ihm so ganz nebenbei und angenehm unaufgeregt, zentrale kulturwissenschaftliche Fragen und Überlegungen aufzuggreifen. Am Ende bleibt ein dicht erzählter Text, der durch seine zahlreichen popkulturellen Verweise und die Alltäglichkeit seiner Ereignisse eine Realität erschafft, in der man sich sofort wiederfindet.

Die Figuren sitzen in Zimmern heruntergekommener WGs, feiern ›Stopforgien‹ in Küchen, schauen irgendeinen Film im improvisierten Wohnzimmer. Alle sind immer überall, niemand steht still. Man trifft sich in Kneipen und Clubs, die halbwegs okay sind und schwimmt im Baggersee. Es wird zu viel getrunken und geraucht.  Der Sound ist von Hammerhead, The Notwist, The Smiths, in heimlichen Momenten auch mal Guns’n’Roses. In der Disko läuft New Noise von Refused, die Tanzfläche bebt. Man versteht, dass es nicht mehr braucht als drei Akkorde, um sich die Seele aus dem Leib zu schreien und Freiheit zu spüren. Das Ventil für eine innere Wut, von der man nicht genau weiß woher sie kommt.
Die Zukunft liegt weit entfernt, auch wenn sich das Jahrtausend dem Ende neigt. Das Potential zur (Selbst-)Zerstörung ist umso näher.

Der Abfall der Herzen ist ein mitreißender Text über Liebe, Freundschaft, Betrug und innere Zerrissenheit. Eine Hommage an das ›Dagegensein‹ und die frühe Angst vor einem bürgerlichen Leben.  Man kommt nicht herum zu denken »Stimmt, so war das.« Es gibt nur das Hier und Jetzt, das jederzeit in sich zusammenfallen kann und die Hoffnung auf die Flucht aus der Provinz. (Rieke Paetsch)

»Ich will alles
nehmen und geben.
Das ist jetzt und das ist hier
– und das sind wir
Wir erfinden eine neue Welt
aus brodeln und beben.
Wenn irgendwas gut ist,
dann das hier.
Nie waren wir so stark,
nie waren wir so wach.
Wir haben alles und wollen mehr, mehr, mehr… «

(© Aus Muff Potter Wenn Dann Das Hier)

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