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»Für das Leben das nicht kommt«

Die 1972 in Duisburg-Hamborn geborene und im Stadtteil Marxloh aufgewachsene Lyrikerin Lütfiye Güzel ist erste Preisträgerin des Fakir-Baykurt-Kulturpreises der Stadt Duisburg 2014 und war Stadtschreiberin in Köln-Mülheim. Mit dem Anfang 2017 im Selbstverlag erschienenen Band faible? präsentiert die Autorin eine persönliche „Best-of“-Sammlung bisheriger Veröffentlichungen, die ihr lyrisches Schaffen geradewegs auf den Punkt bringt.

Die Duisburger Lyrikerin Lütfiye Güzel ist bei weitem keine Unbekannte mehr und längst über den Status eines literarischen Newcomers hinaus. Obwohl sie den Mainstream des Literaturbetriebs meidet wo sie nur kann – die Autorin veröffentlicht unter dem eigenständigen Label „go-güzel-publishing“ – hat sie bereits acht Publikationen vorzuweisen, darunter herz-terroristin (2012), pinky helsinki (2014) und Oh, No! (2016). Der aktuelle Band faible? bietet auf knapp 200 Seiten eine diverse und repräsentative Zusammenstellung bisheriger Texte und vereint Gedichte, Textfragmente und aphoristische Miniaturen, die sich vor allem durch die thematische Profanität des Alltäglichen, den lakonisch-düsteren Stil und den sie umgebenden melancholischen Grundton von der aktuellen deutschen Gegenwartslyrik unterscheiden.

Güzel bedient sich einer einfachen, unverstellten Sprache und verzichtet auf jegliche lyrische Raffinessen, diese würden dem Sujet ihrer Verse lediglich entgegen streben. Im Mittelpunkt ihrer Verse steht das Alltägliche, so werden dem Leser Eindrücke beim Einkauf im Supermarkt, über die Beschreibung von Zugreisen, Zahnarztbesuchen bis hin zu der Thematisierung simpler Alltagsgegenstände präsentiert. So könnten sich Leser*innen durchaus manchmal die Frage stellen, mit welcher Art von Lyrik sie es hier zu tun haben: werden hier lediglich Banalitäten im Mantel einer lyrischen Struktur vorgeführt oder handelt es sich es sich um eine ästhetische Reduktion des Alltäglichen?

Doch genau in der Schlichtheit ihrer Verse mag auch die Stärke der Texte liegen. Güzel, die bereits in einem Atemzug mit der Derbheit eines Charles Bukowski genannt wurde, gelingt es, neben der nüchternen Darbietung des Alltäglichen sehr subjektive Ängste und Zweifel zu äußern. So steht immer wieder auch die düstere Reflexion des Lebens im Vordergrund:

 

wieder am anfang

ob es ein leben

nach dem tod gibt?

soweit bin ich

noch nicht

ich muss noch

klären

ob es ein leben

vor dem tod gibt

 

Oder an anderer Stelle:

verblassen

sich finden wollen

lieber

sich verlieren

können

Güzels faible? bietet eine Zusammenstellung von Texten, die gerade durch ihre unverhohlene Klarheit und Direktheit einen schonungslosen Blick auf den Alltag werfen. Dabei wird das Profane, Un-Poetische des Lebens nicht ausgeklammert, ebenso wenig wie die Verzweiflung, die in einigen Gedichten immer wieder an die Oberfläche tritt. Jegliche lyrische Erhöhung tritt zurück, um eine sehr lakonisch-düstere Grundstimmung zu akzentuieren. Dies mag auf den ersten Blick etwas schlicht und einfältig wirken, jedoch gehen die Verse dadurch auch der Melancholie des Alltäglichen auf den Grund und versuchen gerade durch einen schonungslosen Blick, auch düsteren Momenten etwas Hoffnung abzugewinnen.

Andreas Peters

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