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Sozusagen Paris – Sozusagen Leben

Der renommierte Orientalist und Autor zahlreicher Romane und Essays, Navid Kermani, wurde in Siegen geboren und lebt als freier Schriftsteller in Köln. Er ist unter anderem Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, des Heinrich von Kleist-Preises und des Hannah Arendt-Preises. 2016 erschien sein aktueller Roman Sozusagen Paris im Hanser Verlag. 

Paris – spätestens seit Victor Hugos Der Glöckner von Notre-Dame ist die Stadt als Sinnbild der romantischen Liebe ein immer wiederkehrender Topos sogenannter Liebes-Romane. In seinem im Herbst 2016 veröffentlichten Roman Sozusagen Paris setzt sich der Schriftsteller Navid Kermani kritisch und nicht ohne einen Hauch Ironie mit dem Konzept der romantischen Liebe auseinander und präsentiert einen Liebesroman der etwas anderen Art. Doch die Liebe die er beschreibt, ist nicht nostalgisch verklärt oder überhöhend, der Ort des Geschehens ist nicht Paris, sondern die Provinz. Paris eben – aber nur sozusagen.

Die Handlung ist schnell erzählt: Nach einer Lesung seines neuesten Romans trifft der Autor-Protagonist auf seine große Jugendliebe Jutta, die er nach all den Jahren zu seiner Romanfigur gemacht hat. Das letzte Treffen liegt mittlerweile über dreißig Jahre zurück – sie ist inzwischen verheiratet, Mutter dreier Kinder und engagierte Lokalpolitikerin, hat jedoch nichts von ihrer damaligen Anziehungskraft für den Ich-Erzähler verloren. Nachdem er seine frühere Angebetete zunächst kaum wiedererkennt, verbringen die beiden den Abend zusammen und auch die Nacht zusammen – nachdem Jutta den Autor in das kleinbürgerliche Idyll ihres Familienhauses einlädt. Doch anstelle eines erotischen Abenteuers – von dem man als Leser aufgrund der Konstellation zweier ehemaliger Liebender ausgehen könnte – entwickelt sich „lediglich“ eine lange und intensive nächtliche Unterhaltung der beiden Protagonisten über Juttas brüchige Ehe, über die Dinge des Lebens und über die Natur der Liebe. Jegliche Hoffnungen auf das Wiederaufkeimen verlorener Gefühlswelten fallen noch während ihres zaghaften Aufbaus in sich zusammen. Es wird schnell klar, dass Sozusagen Paris die altbekannten Muster eines traditionellen romantischen Plots lediglich andeutet, um hinter der strukturellen Fassade einen philosophisch inspirierten Diskurs über die menschliche Existenz und das Wesen der Liebe zu entwickeln.

2014 hat Kermani den Roman Große Liebe veröffentlicht, worin er eine zumeist autobiographische Jugendliebe in den Mittelpunkt der Erzählung stellt. Sein Folgeroman Sozusagen Paris setzt nun – dreißig Jahre später – an ein Wiedersehen mit dieser Geliebten an und bedient sich dabei allen Mitteln postmodernen Erzählens, insbesondere in puncto metafiktionale Selbstreflexion. Angefangen von zahlreichen philosophischen und literarischen Referenzen – etwa seitenweise Zitate aus Prousts Recherche, Adornos Minima Moralia und vielen weiteren bekannten Größen – welche den romantischen Plot aufbrechen und unterfüttern, häufigen Reflexionen über das Schaffen von Literatur, bis hin zu fiktiven (und äußerst humorvollen) Streitgesprächen des Autor-Protagonisten mit seinem Lektor, ist Kermanis Roman gespickt von Elementen, die auf das Wesen und die Konstruiertheit literarischer Texte hinweisen. Wenngleich dem Text mittels dieser Strategien eine gewisse Doppelbödigkeit anhaftet, mündet die Erzähltechnik doch immer wieder in einen Diskurs über die erlebte Realität beider Protagonisten.

Navid Kermanis Sozusagen Paris ist ein Roman, der vieles in sich vereint und an manchen Stellen vielleicht auch einfach zu viel sein möchte. Er zeigt das Aufflammen einer alten Leidenschaft, den stückweisen Verfall einer Ehe im Kontext bürgerlicher Verhältnisse und die philosophische Reflexion individueller Lebens- und Liebesentwürfe. Zugleich ist der Text jedoch auch ein Streifzug durch die moderne Literatur und Philosophie, durch den der Autor der Thematik eine anspruchsvolle inhaltliche Komplexität und Reflexivität verleiht. Mit einer Leichtigkeit die ihres gleichen sucht, flicht der Autor eine Reihe von literarischen Referenzen in den Rahmen einer mutmaßlich romantisch aufgeladenen Szenerie mit ein und durchbricht die Struktur einer linearen Narration. In Verbindung mit den erzähltechnischen Eigenarten des Textes entsteht so ein teils tiefgründiger, teils verspielter Exkurs über verflossene Leidenschaften und ein reflexiver Diskurs über das was es heißt, zu leben und zu lieben.

                                                                                                           Andreas Peters

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