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Vom Leben im Schatten der Bergwerke

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Inge Meyer-Dietrich lädt mit ihrem Roman „Leben und Träume der Mimi H.“ zur literarischen Zeitreise ins Ruhrgebiet um 1900 ein.

Der dunkle Rauch der Kohlekraftwerke, die Enge im Zechenhaus und die harte Arbeit als Näherin trüben Mimis Kindheit und Jugend im Ruhrgebiet um 1900. In Leben und Träume der Mimi H. beleuchtet Inge Meyer-Dietrich das anstrengende Leben im Schatten der Bergwerke von vor über 100 Jahren, das beim Lesen auf einmal gar nicht mehr so weit weg zu sein scheint. Fast meint man, das Aneinanderknallen der Kohlenwagen und die Schachtsirenen hören oder den Muckefuck aus einer blauen Emaillekanne schmecken zu können. Details, die die Autorin sorgfältig recherchiert hat. Als Vorbild für die Protagonistin diente die Mutter ihrer Stiefmutter, die mit ihren Erzählungen die Grundlage für das Buch gab, wie Meyer-Dietrich im Interview mit „Der Westen“ erklärte. Diese fiktionale Annäherung an wahre Begebenheiten im schnörkellosen Stil geben einen eindrucksvollen Einblick in eine kleine Familiengeschichte, die sich leicht auf die große Vergangenheit des Ruhrgebiets übertragen lässt.

Trostlos erscheinen die ersten Jahre in Mimis Leben. Jeden Tag schuftet sie schwer als Näherin, hilft zuhause ihrer Mutter mit den unzähligen Halbgeschwistern und wird doch vom Stiefvater nie richtig akzeptiert. Obwohl sie das Beste aus ihrem Schicksal macht, sich nicht unterkriegen lässt – erst als sie den Schmied Heinrich mit seinen sanften, blauen Augen trifft, scheint sich alles zum Positiven zu wenden. Für ihre große Liebe Heinrich und das Gefühl, dazuzugehören, lässt sie sich sogar umtaufen und zieht von Lütgendortmund nach Werne. Entscheidungen, die ihr nicht leicht fallen. Doch die Hauptsache ist, sie kann endlich ihren Nachnamen „Grube“, der in diesem Fall Programm ist, hinter sich lassen und mit „Heyne“ ein neues, helleres Leben beginnen. Das erste Kind, Änne, kommt zur Welt und alles scheint perfekt. „Sich das Leben bunt malen…Nein, das muss sie gar nicht. Es ist bunt. Viel bunter, als Mimi es sich je hätte vorstellen können.“ Bei diesen Worten sucht man quasi den Haken an der ganzen Sache.

Und der findet sich bald. Der Erste Weltkrieg beginnt, Heinrich muss an die Westfront und kommt nach Jahren des Bangens gebrochen und krank wieder. Mimi, inzwischen Mutter dreier Kinder, bleibt stark. Immer wieder. Betet in katholischer und evangelischer Kirche, wiederholt gebetsmühlenartig „Wünsch dir was“, um ihre eigenen, scheinbar kleinen und doch so schwer erfüllbaren Wünsche nicht selbst zu vergessen. Sie verliert nicht den Mut. Auch nicht, als der Zweite Weltkrieg kurz bevor steht.

Fast abrupt kommt das Ende daher, welches noch nicht das von Mimis Geschichte ist und zahlreiche Fragen offen lässt. So wirkt der letzte Satz fast wie eine Entschuldigung. „Lebensgeschichten brauchen Zeit.“

Sara Schurmann

Inge Meyer-Dietrich:
Leben und Träume der Mimi H.
Ruhrgebiet de luxe, Verlag Henselowsky Boschmann 2016
9,90€

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