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Wie zwei Menschen Literatur leben

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Fiona Dummann empfiehlt den 2015 erschienenen Briefwechsel zwischen Marcel Reich-Ranicki und dem geborenen Westfalen Peter Rühmkorf.

„Marcel Reich-Ranicki und Peter Rühmkorf: Der Briefwechsel“. Wenn Sie diesen Buchtitel lesen und denken: „Nett, aber nix für mich.“, dann folgt an dieser Stelle ein dickes „Stop!“ von mir. Der im Wallsteinverlag erschienene Briefwechsel ist, vielleicht wider Erwarten, extrem spannend! Die beiden „Siez-Freunde“ schrieben sich von 1967 bis zum Tode Rühmkorfs 2008 287 Briefe – unterbrochen von einer 5-jährigen Pause, als der Lyriker Peter Rühmkorf die Freundschaft zu MRR aufkündigte aufgrund seines Umgangs mit Günter Grass‘ Roman „Ein weites Feld.“ Was macht diesen Briefwechsel also nun zu einer mitreißenden Lektüre? Zum einen erhält man einen interessanten Einblick in die Literaturgeschichte der BRD. Rühmkorf wurde von MRR, dem Ressortleiter Literatur der FAZ, als Mitarbeiter angeworben. Die Briefe thematisieren häufig Bücher, die Rühmkorf für die FAZ rezensierte. Darunter sind viele Werke von Autoren (seien wir ehrlich, die Autorinnen die hier erwähnt werden, kann man ungefähr an einer Hand abzählen), die heute kaum noch bekannt sind, auch wenn sie damals positiv und umfassend besprochen wurden. Nebenbei stellt sich bei der Lektüre also auch die Frage danach, unter welchen Bedingungen ein Werk in den Literaturkanon eingeht. Weiterhin wird ein spannender Einblick in die Arbeit der FAZ Redaktion und den deutschen Literaturbetrieb geboten: wie wurden die Rezensionstitel verteilt und worauf wurde dabei Wert gelegt? Nach welchen Kriterien wurden die Gedichte für die Frankfurter Anthologie ausgewählt? Wie bestritt Peter Rühmkorf seinen Lebensunterhalt als Schriftsteller: Stichwort Stadtschreiber, Stipendien und Literaturpreise. Und vor allem wird man Zeuge davon, wie zwei Menschen Literatur leben und mit viel Lust und auch Ego als Briefeschreiber brillieren. Außerdem entbehrt es auch nicht einer gewissen Komik, wenn MRR in dieser Arbeitsbeziehung immer wieder, mal streng, mal halb verzweifelt, die besprochenen Texte bei Peter Rühmkorf einfordert und dieser als akribischer Rechercheur im Gegenzug jede Zeile seiner ausgefeilten Formulierungen vor der Kürzung in der Zeitung bewahren will.
Ein großes intellektuelles und sprachliches Vergnügen!

Marcel Reich-Ranicki und Peter Rühmkorf:
Der Briefwechsel
Herausgegeben von Christoph Hilse und Stephan Opitz.
Wallstein Verlag 2015.
22,90 €

Diese Rezension wurde zuerst veröffentlicht auf Fiona Dummanns Instagram-Account Lovers of German Literature.

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