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Ein unterhaltsamer und kritischer Chronist Dortmunds

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Im Aisthesis Verlag ist ein weiterer bisher unveröffentlichter Roman des Schriftstellers Erich Grisar erschienen: „Ruhrstadt“ ist ein Panorama Dortmunds während der 1920er-Jahre, wie Herausgeber Arnold Maxwill erklärt.

Worum geht es in Erich Grisars Roman Ruhrstadt?

Ruhrstadt liefert ein präzises Porträt der Stadt Dortmund in den späten 1920er-Jahren sowie der sozialen Konflikte innerhalb der Stadtgesellschaft. Aber der Roman erzählt auch von ganz alltäglichen Begebenheiten innerhalb der Arbeitersiedlung im Dortmunder Norden. Eingebunden sind diese Beschreibungen – hier zeigt sich der Journalist Grisar ganz in seinem Element – in Episoden, welche die Auswirkungen der Weltwirtschafts- und Finanzkrise auf die Arbeiterschaft (Massenentlassungen, Lohnkürzungen) nachzeichnen. Der Roman, 1931 geschrieben, entwirft so ein zum Zeitpunkt seiner Entstehung hochaktuelles Panorama der Stadt Dortmund und ihrer Bewohner. Fragen der Stadtgestaltung sind dabei ebenso relevant wie die Positionierung der Arbeiter gegenüber Avancen der zunehmend bei Bürgern und Industriellen an Zuspruch gewinnenden NSDAP.

Wie Grisars Cäsar 9 musste auch „Ruhrstadt bis heute auf seine Veröffentlichung warten. Warum?

Grisar hatte gewissermaßen Pech: Seine Foto-Text-Reportage Mit Kamera und Schreibmaschine durch Europa als Sammlung von Reiseberichten konnte 1932 noch erscheinen. Und erregte auch Aufsehen, nicht zuletzt, weil sie im renommierten sozialdemokratischen Verlag Der Bücherkreis erscheinen konnte. Dort waren Grisars kritische Reportagen auch genau richtig aufgehoben. Am Ruhrstadt-Roman, der als Typoskript nahezu zeitgleich entstand, zeigte die Berliner Büchergemeinschaft allerdings kein Interesse. Das ist aber nicht als Indiz für Qualitätsmängel zu verstehen, sondern hat wohl vor allem mit dem Lokalcharakter des Romans zu tun, der im dortigen Programm wohl schlecht aufgehoben gewesen wäre. Grisar gelang noch der Vorabdruck eines Kapitels in der Dortmunder Lokalpresse. Weiter sind seine Maßnahmen aber nicht mehr gediehen; andere schriftstellerische Projekte drängten; die Arbeit als Journalist musste das tägliche Brot einspielen; und spätestens ab Februar 1933 war für Ruhrstadt verständlicherweise keine Publikationsgelegenheit mehr sichtbar. – Weshalb aber hat er den Roman nach 1945 nicht nochmals Verlagen angeboten? Vermutlich ahnte er, dass die Probleme und Sorgen der Nachkriegsgesellschaft eines ganz gewiss nicht verlangten: eine dezidierte Auseinandersetzung mit den Krisen um 1930.

Inwiefern kann man Grisars Schreibstil als kritisch oder politisch bezeichnen?

Da wäre ich vorsichtig – was das schriftstellerische Gesamtwerk betrifft. Sicher ist der Grisar der 1920er-Jahre ganz fraglos als Arbeiterdichter zu verstehen. Auch der Ruhrstadt-Roman ist ein eindeutiges Bekenntnis zu „seiner Klasse“, wie Grisar es mit dem notwendigen Pathos formuliert. Doch sichtet man alle weiteren publizierten Romane, Erzählungen und Gedichte, ist von einem dezidiert kritischen oder gar politischen Autor nur mit einigen Einschränkungen zu sprechen – das aber an dieser Stelle nicht zur Diskreditierung, sondern zur Feinjustierung. Aber in Bezug auf den Roman Ruhrstadt ist die Antwort ganz eindeutig: hier liegt ein ebenso kritisches wie dokumentarisches Darstellungsinteresse vor. Die journalistische Tätigkeit wird dabei seine Formulierungsschärfe ebenso beeinflusst haben wie die regelmäßige Tätigkeit als Bildreporter. Die Verelendung der Arbeitermassen in den Siedlungen ist in Ruhrstadt ebenso Thema wie die strukturelle Ungleichheit und forcierte Umverteilung von Gütern zugunsten der ohnehin schon Privilegierten. Grisars Empathie gilt immer den Ausgegrenzten und Benachteiligten. – Die Passagen, in denen der Roman sich zu politischen Exkursen hinreißen lässt, überzeugen allerdings nicht vollständig; hier hätte Grisar an der einen oder anderen Stelle durchaus mehr seinem Erzählen vertrauen dürfen.

Im Untertitel bezeichnet Grisar seinen Roman als „Porträt einer Stadt“. Inwieweit ist er auch als Porträt der Ruhrregion zu verstehen?

Ruhrstadt ist in erster Linie ein Dortmund-Roman. Der Untertitel macht es ja deutlich. Andererseits war natürlich auch Grisar bewusst, dass Ruhrstadt eher mit Städten wie Essen oder der gesamten Region in Verbindung gebracht werden dürfte. Und so ist die These, dass Grisar mit seinem Roman zugleich eine verallgemeinerte Perspektive auf das gesamte Revier beanspruchte, nicht abwegig. Als Grisar an Ruhrstadt arbeitete, erschienen zeitgleich mehrere relevante Ruhrgebietsreportagen und -romane, die damals eine enorme Aufmerksamkeit für sich beanspruchen konnten und in den einschlägigen Literaturgeschichten bis heute vertreten sind. Ich nenne exemplarisch die beiden prominentesten Protagonisten: Erik Reger und Heinrich Hauser. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Grisar in diesem prägenden Diskurs zum Ruhrgebiet ebenfalls vertreten sein wollte. Und wie der Ruhrstadt-Roman zeigt, bringt Grisar tatsächlich genügend eigene Facetten sowie ein genuin eigenes Schreiben hervor, was ihn gegenüber den übrigen Schriftstellern genügend profiliert.

Grisar
Erich Grisar: Industrieanlage mit Hochbehälter (Stadtarchiv Dortmund)

Im Nachwort finden sich Dortmund-Fotografien Grisars. In welchem Zusammenhang stehen sie mit dem Roman?

Der Konnex ist primär ein temporaler: Grisar arbeitete von 1928 bis 1933 nicht nur als Journalist, sondern verdiente sein Geld zunehmend auch als Bildreporter. Zahlreiche seiner Artikel erschienen also mit seinen eigenen Bildern. Doch Grisar – das hat erst die Sichtung des Fotonachlasses im Stadtarchiv Dortmund gezeigt – war auch darüber hinaus als Fotograf enorm produktiv. Und jetzt die Verbindung zum Ruhrstadt-Roman: Liest man den Roman und geht zugleich mit wachem Blick durch die Ausstellung im Essener Ruhr Museum, die Grisars Foto-Nachlass erstmals präsentiert, wird man feststellen: Die einzelnen erzählerischen Szenen in Ruhrstadt lassen sich oftmals auf den Bildern wiederfinden. Das zeigt: Der Fotograf und der Schriftsteller Grisar verfolgten in diesen wenigen Jahren dieselben Darstellungsabsichten. Die beiden medialen Systeme – Bild und Text – ermöglichen wechselseitig neue Perspektiven. 1933 bricht dies alles weg; Grisar versucht auf nicht sehr rühmliche Weise unter den ‚neuen Bedingungen‘ weiterhin publizistisch aktiv zu sein – sehr zum Schaden seiner in den vorangegangenen vier Jahren entwickelten Schreibweise. Aber das ist ein anderes Thema.

Zur Person: Arnold Maxwill, geb. 1984, Studium der Germanistik, Geschichte, Philosophie und Kunstgeschichte in Münster und Wien. Er lebt und arbeitet als Lektor und Literaturwissenschaftler in Dortmund.
Die Fragen stellte Sonja Lesniak, wissenschaftliche Volontärin der LWL-Literaturkommission für Westfalen.

Die Ausstellung Erich Grisar. Ruhrgebietsfotografien 1928–1933 im Essener Ruhr Museum ist noch bis zum 28.8.2016 zu sehen.
Eine Sendung von WDR5 über Grisars Fotografien, die Ausstellung und „Ruhrstadt“ kann man hier nachhören.

 

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