Bücher, Entdeckung, Interview

Dortmund und die ‚Stunde Null‘

Cover Grisar Cäsar9

Vor Kurzem ist im Aisthesis Verlag Erich Grisars Roman „Cäsar 9“ über das Leben in Dortmund in den Jahren 1943 bis 1946 erschienen. Das Buch musste knapp 70 Jahre auf seine Veröffentlichung warten und zeigt sowohl die Schrecken des Bombenkrieges als auch die Schwierigkeiten des Neubeginns nach 1945, wie Herausgeber Arnold Maxwill im Interview erläutert.

Wer ist Erich Grisar?

Erich Grisar, noch ganz knapp im 19. Jahrhundert geboren, gestorben 1955, war ein Dortmunder Schriftsteller, Journalist und Fotograf. Letzteres ist erst seit wenigen Jahren näher erforscht worden – im März präsentiert das Ruhr Museum Essen eine empfehlenswerte Ausstellung zur Ruhrgebietsfotografie Grisars in den 1920er- und 1930er-Jahren. Auch der Autor Grisar wird dort seinen Platz finden. Also eine hervorragende Gelegenheit, den Allrounder und Arbeiterdichter Erich Grisar kennenzulernen. Es erscheint ein umfangreicher Katalog, der einen sehr guten Einblick ins Gesamtwerk bietet.

Worum geht es in Grisars Roman „Cäsar 9“? Was bedeutet der Titel?

Der Roman erzählt von den Katastrophen und Umbrüchen der Jahre 1943 bis 1946 in der Stadt Dortmund. Grisar ist hier Augenzeuge, Chronist und Erzähler. Nicht nur vom Bombenkrieg, auch von Wohnungsnot, Zwangsarbeitern, Kriegsheimkehrern, Massenermordungen und der widerständigen Hoffnung auf eine bessere Zukunft berichtet Cäsar 9. In der Zusammenschau entsteht ein historisches Panorama vom Leben und Überleben in Dortmund während des Zweiten Weltkriegs und der Zeit unmittelbar danach. Doch das nahende Kriegsende und die absehbare Niederlage bergen noch neue Gefahren. Neben Wohnungs- und Hungersnot kommt es in den letzten Kriegswochen zu wütenden Vergeltungsakten an Systemkritikern und Kriegsgefangenen. Auch der Frieden nach dem Einmarsch der Amerikaner führte zu der bitteren Erkenntnis, dass im Rathaus oft diejenigen das Sagen haben, die schon mit den bisherigen Machthabern gut kooperierten. – Und wie der Titel sich erklärt? Eigentlich recht naheliegend: Die Stadt Dortmund lag während der alliierten Luftangriffe im Planquadrat C 9, also: Cäsar 9 (ganz nach dem bekannten Buchstabieralphabet: Anton, Berta, Cäsar, Dora …).

Warum sollte man „Cäsar 9“ lesen?

Niemand soll und alle müssen nichts, nur dies vielleicht: freundlich zu seinen Mitmenschen sein – damit wäre schon viel gewonnen … Eine seriösere Antwort borge ich mir von Fritz Hüser (1908–1979), dem fürs Ruhrgebiet so wichtigen Initiator und Förderer der damaligen Gegenwarts- und Arbeiterliteratur (auch Grisar verdankt ihm Einiges, so beispielsweise seinen Posten als Bibliotheksmitarbeiter): „Der Roman von der Zerstörung der Stadt Dortmund im letzten Weltkrieg enthält grandiose und dokumentarische Szenen – er ist leider immer noch ungedruckt!“

Warum erscheint der Roman gerade jetzt?

Eine berechtigte Frage; sie müsste allerdings eher lauten: Warum erscheint der Roman erst jetzt? Bekannt war er Multiplikatoren und Mentoren wie Fritz Hüser nämlich bereits schon sehr früh. Als Grisar die endlosen Fassungen des Romans in einer endgültigen Version zusammenzustellen versuchte, gab er bereits erste Auszüge an Freunde und Förderer zur kritischen Lektüre. Dazu wird nicht zuletzt auch Hüser gehört haben. Anders lässt sich der zitierte Aufruf Hüsers aus dem Jahr 1968 nicht erklären. Mit Hüser gab es also durchaus einen wortgewaltigen Fürsprecher, der sich um die Aufbewahrung und Erschließung des sehr umfangreichen Nachlasses zu kümmern versprach. Dies erledigte er auch souverän. Doch alle weiteren Initiativen, aus diesem Nachlass nun postum Publikationen wie Cäsar 9 zu realisieren, versandeten, fanden nicht das richtige Ohr. Spätestens mit Hüsers Tod geriet Grisar dann auch in Dortmund in völlige Vergessenheit. Von der regionalen Literaturgeschichte einmal abgesehen nahm niemand mehr von ihm Notiz. Dies änderte sich erst durch das 2012 von Walter Gödden herausgegebene Erich Grisar Lesebuch ein wenig. Glückliche Fügung: Zugleich beschäftigte man sich in Dortmund bereits intensiv mit dem Fotonachlass Grisars. Man erinnerte sich also nach und nach an ihn, es mehrten sich die Fürsprecher, der im Fritz-Hüser-Institut deponierte Nachlass wurde näher in Augenschein genommen: Neben Cäsar 9 fanden sich nach und nach zahllose weitere Prosaarbeiten Grisars, von denen zumindest der Roman Ruhrstadt (1931) hier genannt werden soll: Er wird in diesem Frühjahr parallel zur Foto-Ausstellung in Essen erscheinen. – Schon jetzt die kühne Empfehlung: Unbedingt lesen! Sehr empfehlenswert!

Was waren die Herausforderungen bei der Herausgabe?

Mühsam war die Durchsicht und Bearbeitung der einzelnen Fassungen, die von Cäsar 9 vorlagen. Das ist einerseits auf die Quantität zu beziehen, andererseits aber auch auf den furchtbar unaufgeräumt-chaotischen Zustand, in dem sich die einzelnen Kapitel und Korrekturversionen (etc.) in den verschiedenen Kartons und Mappen im Nachlass befanden. Bei keinem anderen Projekt hat Grisar es sich derart schwer gemacht. Dabei war er eigentlich kein Schriftsteller, dem man Umständlichkeit oder intellektuelle Verstiegenheit vorwerfen könnte, im Gegenteil: Grisar ist als Prosaist, Humorist und Journalist ein erzählerisches Naturtalent, wenn dies einmal so verknappt dargestellt werden darf.

Problematisch war bei Cäsar 9 mehr als bei allen anderen Projekten Grisars seine unmittelbare Zeitgenossenschaft: Mit diesem Roman wollte sich Grisar nach den Jahren des deutschen Faschismus als demokratisch gesinnter Autor, der sich vor allem als kritischer Beobachter verstand, etablieren. Das ist ihm nicht geglückt: der Roman blieb ungedruckt. Selbst einen Auszug konnte er nach 1945 in keiner der überregionalen Tageszeitungen publizieren. Dass Grisar 1948 nach Zusammenstellung der Endversion des Romans verzagte, hatte aber auch mit einer generellen Unzufriedenheit zu tun: an keiner seiner Schreibarbeiten saß Grisar je so lange wie an Cäsar 9 – und dennoch blieb bei ihm nach über zweieinhalb Jahren ein mulmiges Gefühl zurück; der Text schien sich nicht recht zu einem Ganzen zu fügen. Ab einem gewissen Zeitpunkt – das ist jetzt natürlich die recht leicht einzunehmende Sichtweise des Herausgebers, der den zum Roman gehörigen Nachlassbestand überblickt – führten Grisars Umstellungen, Streichungen und Neuzusammenstellungen der Unterkapitel innerhalb der Kapitel auch nicht mehr zwingend zu einer Verbesserung. Dass es also im Roman an der einen oder anderen Stelle in den Übergängen ein wenig ‚holpert‘, ist auf diese Genese zurückzuführen.

Was hat es mit den Dokumenten auf sich, die sich im Anhang des Buches finden?

Es handelt sich um einen Apparat mit zahlreichen Dokumenten zur unmittelbaren Nachkriegsgeschichte Dortmunds. Grisars Roman stellt nicht nur eine Auseinandersetzung mit dem Schrecken des Faschismus, der unvorstellbaren Gewalt der Bombenangriffe und der unausgesetzten Nöte der Nachkriegszeit dar, sondern auch eine Einlagerung von Wissensbeständen, Gefühlen, Ängsten, Zukunftsvisionen, die schon sehr bald darauf aus dem kollektiven Gedächtnis nahezu gelöscht sein würden. So viel war Grisar als aufmerksamem Beobachter, Nachrichtenleser und langjährigem Journalisten bereits 1945 bewusst: Das Vergessen geht schnell – bewusst, unbewusst, gewollt und ungewollt. Cäsar 9 sollte also durchaus ein Roman der Geschichte, insbesondere der Geschichte der Stadt Dortmund in den Jahren 1943 bis 1946 werden. Diesem Anspruch Grisars, auch die Historie in Cäsar 9 zu repräsentieren, musste der Herausgeber irgendwie gerecht werden.

Viel wichtiger war aber für die Entscheidung für einen Apparat im Anhang das Bedürfnis, die Romanlektüre auf sinnvolle Weise anzureichern. Ohne historische Kenntnisse ist der Roman mit einem eindeutig geminderten Gewinn zu lesen; das war die Eingangsprämisse. Die abgedruckten Dokumente erfüllen jedoch auch einen weiteren, nicht minder wichtigen Zweck: sie dienen teils durchaus als Korrektiv, aber auch als faktische Bestätigung der Romandarstellung; das betrifft zumindest die rein historischen Quellen wie die Aufrufe zur Trümmerbeseitigung oder zur Selbstversorgung im heimischen Garten.

Deutlich wird bei alldem: Cäsar 9 ist vor allem deshalb ein wichtiger Roman, weil er so unmittelbar wie kaum ein zweiter erzählerischer Text in diesen Jahren sowohl die Schrecken des Bombenkriegs als auch die Schwierigkeiten des Neubeginns nach 1945 nachzeichnet, dabei aber auch die unausweichlichen Verstrickungen innerhalb der ‚Zusammenbruchsgesellschaft‘ und das schwierige und dennoch irgendwie bewältigte Miteinander der Täter und Opfer (und dem diffus großen Zwischenbereich!) in den Monaten nach der vermeintlichen ‚Stunde Null‘ demonstriert.

Zur Person: Arnold Maxwill, geb. 1984, Studium der Germanistik, Geschichte, Philosophie und Kunstgeschichte in Münster und Wien. Er lebt und arbeitet als Lektor und Literaturwissenschaftler in Dortmund.

Die Fragen stellte Sonja Lesniak, wissenschaftliche Volontärin der LWL-Literaturkommission für Westfalen.

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