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Kolorit, Humor, Tragik und anrührende Poesie

Cover Pakete an Frau Blech

Rolf Bauerdick stellte am 5. November in der Gartenhaus-Galerie auf dem Kulturgut Nottbeck seinen neuen Roman „Pakete an Frau Blech“ vor.

Wenn es sie denn gibt, die sprichwörtlichen Naturtalente, dann ist er eines davon. Er beherrscht die Kunst des Fabulierens mit einer Leichtigkeit und Souveränität, wie es hierzulande selten ist. Und die große Erzähllust färbt auf den Leser ab, dem manchmal vor Verwunderung der Mund offen stehen bleibt. Denn so kurios ist das, was uns Rolf Bauerdick da erzählt. Auf der einen Seite faktenreich und zumindest halb dokumentarisch. Und dann wieder im Gewand eines listigen Märchens. Ja, fragt man sich, was darf man diesem Autor überhaupt glauben? Was ist wahr und was pure Erfindung? Und wie fing das alles an?

Eines seiner großen Vorbilder sei Karl May, erklärte Rolf Bauerdick bei seiner Lesung auf dem Kulturgut Nottbeck. An dessen Werk schätze er das Changieren zwischen Dichtung und Wahrheit, das Auslegen vieler Spuren und falscher Fährten, das Spiel, das der Autor mit dem Leser treibe. Auch Rolf Bauerdick ist ein Autor, der die Handlungsfäden fest in der Hand hält – und den Leser zu düpieren versteht.

Vor allem aber zu fesseln. Das galt schon für sein Romandebüt Wie die Madonna auf dem Mond kam aus dem Jahre 2009, ein dicker Schinken von über 500 Seiten. Erzählt wird die Geschichte eines 250-Seelen-Dorfes irgendwo am Ende der Welt in den rumänischen Karpaten. Hier stand die Zeit seit Jahrhunderten still. Doch mit dem Siegeszug der Kommunisten ändert sich alles… Ein erzählerisches Meisterstück, das in den Feuilletons große Beachtung fand und als Entdeckung der damaligen Frankfurter Buchmesse gefeiert wurde. Denis Scheck urteilte damals im Deutschlandradio: „So ein Debüt hat die deutsche Gegenwartsliteratur lange nicht mehr erlebt: Sprachmächtig und mit unvergesslichen Bildern entführt der bislang als Journalist tätige Rolf Bauerdick in seinem Roman in ein osteuropäisches Phantasien, das Parallelen zu Marquez‘ ‚Macondo‘ oder Faulkners Südstaatencounty aufweist.“

Und jetzt also der Nachfolgeband Pakete an Frau Blech. Auch dies ein Buch bunt, schrill, witzig, fantasievoll und zugleich ein packender Krimi. Der Handlungsort ist diesmal allerdings ein ganz anderer. Pakete an Frau Blech arbeitet auf höchst eigenwillige Weise deutsch-deutsche Vergangenheit auf – wenngleich auch hier Charaktere aus osteuropäischen Staaten der Handlung ihren Stempel aufdrücken.

Und es konnte nicht anders sein. Auch diesmal wieder wurde der Autor gefragt, was an dieser Geschichte wahr und was Erfindung sei. Diese Frage wolle er lieber nicht beantworten, lautete Rolf Bauerdicks sibyllinische Antwort. Gut so! Denn genau das macht den Zauber dieses Buches aus: Auch in Pakete an Frau Blech halten sich Realität und Fiktion auf wundersame Weise die Waage. So werden uns Lesern zum Beispiel faktengetreue Kenntnisse über den grauen Alltag und das Spionagewesen der Ex-DDR präsentiert. Und wir blicken höchst kontrastreich hinter die schillernden Kulissen eines Zirkus Bellmonti.

Der Leser kommt mit zunehmender Lektüre immer mehr ins Grübeln. Er wird Teil einer perfekt inszenierten Camouflage. Im Interview erklärte Bauerdick, dass in Pakete an Frau Blech zwar eine Vielzahl realer Fakten vorkäme, man finde diese aber bevorzugt dort, wo man sie nicht vermute. Der WDR nannte Pakete an Frau Blech „eine wortgewaltige, pralle Geschichte“, „kurios, spannend, melancholisch, traurig und doch wieder voller Leben“. Das DeutschlandRadio nannte Bauerdick gar einen „wilden Ritter der Fantasie“.

Die belletristische Seite ist nur eine Facette im Leben des Rolf Bauerdick. Er ist, wie erwähnt, von Hause aus Journalist und auch Fotograf, spezialisiert auf soziale Reportagen, die ihn, oft im Auftrag katholischer Hilfswerke, auf über 100 Recherchereisen rund um den Erdball und immer wieder in Slums und Elendssiedlungen führten. Sein besonderes Interesse an frBauerdickemden und vielfach diskriminierten Ethnien floss 2013 in das vieldiskutierte Buch Zigeuner: Begegnungen mit einem ungeliebten Volk ein. In der FAZ war hierüber zu lesen: „Gründlich recherchiert, mitreißend erzählt und politisch gar nicht korrekt.“ Das Besondere an Bauerdicks Buch ist, dass er sich dem Thema auch diesmal erzählerisch näherte: Seine Begegnungen handeln von Kindern in St. Marie de la mer, rumänischen Pappbudenbewohnern am Kreisverkehr in der Normandie, Wohnwagen-Camps in der Bretagne, barfüßigen Kindern am Markt in Tirana oder Metallsammlern in Dortmund. Sein Interesse an fremden Welten begründete der Autor nicht zuletzt mit seiner westfälischen Herkunft: „Wer eine Kindheit und Jugend in einem Dorf im Sauerland und ein Studium der katholischen Theologie halbwegs unbeschadet übersteht, sollte gerüstet sein, sich in andere Mentalitäten hineinzuversetzen.“ Das bitte gern auch weiterhin in Romanform.

Walter Gödden

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