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Play Palminger

Play Palminger

Jacques Palminger interpretierte am vergangenen Sonntag auf dem Kulturgut Nottbeck Johann Sebastian Bachs „Goldberg Variationen“ auf seine Art.

Jacques war hier. Und wir reiben uns noch immer verwundert die Augen. Was war das eigentlich, Traum oder Wirklichkeit?

Bach stand ganz groß auf dem Plakat. Doch die Frage war: Mit wie viel Prozent Palminger?

Nun wissen wir’s. Bach wäre ohne Palminger gar nicht denkbar. Palminger ist sein kongenialer Partner. Und Freund. Er sitzt neben dem Meister auf dem Klavierschemel. Hat seine Arme vertrauensvoll um dessen Schultern gelegt. Flüstert ihm etwas ins Ohr. Irgendein Geheimnis. Irgendetwas mit Magie. Mit Hypnose.

War’s bei Glenn Gould nicht auch schon so? Als er die Goldberg Variationen spielte wie kein zweiter, kroch er förmlich ins Klavier hinein, verschmolz mit dem Instrument. Arbeit am Mythos. Bis heute unübertroffen.

Diese Innigkeit auch textlich zu evozieren und mit der Musik zu synchronisieren, war die selbst gestellte Herkulesaufgabe. Und sie gelang. Nach Jacques Palmingers Konzert wissen wir: So etwas kann nur einer. Er findet die richtigen Worte. Und Meister B. lächelt.

Vor gut zwei Jahren war Jacques Palminger schon einmal Gast des Kulturguts. Mit einem Jzz und Lyrk-Programm. Richtig gelesen, nicht Jazz und Lyrik, sondern Jzz und Lyrk. Jzz und Lyrk, weil: Bei Palminger ist alles eine Schraubendrehung anders und meist eine Schraubendrehung in Richtung Skurrilität. Wir hörten damals, wie er mit unaufdringlicher, einschmeichelnder Stimme surreale Miniaturen erzählte, sich fast traumverlorenen im Rhythmus des 440Herz-Trios verlor – den Hang zur Poesie und zur Pose nie verschmähend – wunderbar und höchst beschwingt. Schön war die routinierte Lässigkeit und die Selbstverständlichkeit, mit der Text und Musik lustvoll zusammenspielten. So bizarr die Texte auch waren – alles klang harmonisch-stimmig, wie füreinander geschaffen.

Und nun Bach. Also musikalisch noch eins draufgesetzt. Schwieriger geht’s nimmer. Die Goldberg-Variationen – geschrieben um, wie es heißt, in eine tiefere Entspannung zu gelangen, so sanft und einschmeichelnd, dass selbst gefährdete Melancholiker geheilt, ja aufgeheitert würden. Und ja, es gelang. Als das Publikum den Saal verließ, hatte es ein sanftes Lächeln im Gesicht. War angehimmelt. Ein bisserl verzaubert.

Nachdem beim Konzert die erste Verunsicherung verflogen war, hatte man sich auf die halluzinative „Methode Palminger“ eingelassen. Bis dieser dann am Schluss klarmachte: Ätsch, reingelegt, alles bloß Camouflage. Da fläzte er sich in einem Alien-Ganzkörperanzug in einem Sitzsack auf der Bühne herum, stülpte ihn sich später über den Kopf und hoppelte wie ein Kaninchen von der Bühne. Traum oder Wirklichkeit? Ach ja, hatten wir ja schon.Play Palminger2

Das Konzert wird in Erinnerung bleiben. Weil es so anders war. Weil Palminger von der ersten Minute an auf Irritation setzte. Er tat das, was er immer schon gern tat, er erzählte seltsame, bedeutungsschwangere Geschichten, die in einem nebulösen Irgendwo ihren Ursprung nehmen und dann surreal abdriften. Wow, cool – wie Palminger sich immer wieder selbst selbstironisch bestätigte.

Jacques Palminger ist Musiker, Autor, Regisseur und Schauspieler. Bekannt wurde er als Mitglied des anarchischen Trios Studio Braun, das es – allem Bürgerschreck-Image zum Trotz – bis zu Inszenierungen am Deutschen Theater gebracht hat. Bekannt wurde er auch durch den Film Fraktus, der die Karriere einer Band nachzeichnet, die nie existiert hat, wobei die Mechanismen des Pop-Business satirisch auf die Schippe genommen werden – seine Mitstreiter auch dabei Rocko Schamoni und Heinz Struck. Der gebürtige Westmünsterländer spielte in wechselnden Formationen Schlagzeug und schrieb die Texte und Musik für die Band Universal González. In seiner autobiografischen Skizze schreibt er über sich in dritter Person: „Jacques Palminger wurde 1964 im Kreise seiner engsten Verwandten geboren. Nach einer Jugend verließ er seinen bürgerlichen Korpus, ging nach Berlin und formte sich ein Leben nach eigenem Gusto. Anhaltende Depressionen drängten ihn Ende der achtziger Jahre immer tiefer in die Musikszene.“

Am letzten Sonntag, drei Jahrzehnte später, liefert er uns die Therapie – keine Bachblüten, sondern richtigen Bach, Stimmungsaufheller ganz eigener Couleur. Sein kongenialer Mitstreiter an der Gitarre, an der Querflöte, an der Klarinette, am Saxofon war Lieven Brunckhorst, aufgewachsen in Hamburg und Antwerpen. Er studierte Illustration und Kommunikationsdesign an der Fachhochschule Hamburg, ist Gründungsmitglied des Cartoon-Kollektivs Rattelschneck. CD-Produktionen und Auftritte mit Rocko Schamoni, Blumfeld, Jan Delay, Naked Navy, United Colors of Jazz, Tätärä. Weitere Zusammenarbeit mit Fettes Brot, Fünf Sterne Deluxe, Patrice, Denyo, Sisters Keepers und Echt. Er hat in vielen verschiedenen Theaterproduktionen mitgewirkt, unter anderem auch bei Studio Braun.

Wie gesagt hatte das Publikum ein Lächeln ins Gesicht. Und war, wie Palminger selbst, sichtlich zufrieden mit dem Auftritt. Ein wunderbares Publikum! So aufmerksam! schwärmte er anschließend.

Walter Gödden

Eine Bildergalerie des Goldbergabends mit Jacques Palminger und Lieven Brunckhorst findet sich auf Facebook.

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