Museum, Was läuft?

Kleine große Weisheiten

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Das Museum für Westfälische Literatur beherbergt zurzeit eine Filiale des Lüdinghausener Künstler-Ateliers des Ehepaars Frantz und Annette Wittkamp. Zu sehen ist zum Beispiel eine überdimensionierte, lebensgroße Einkaufstüte, auf der außen die Einkaufsgegenstände aufgedruckt sind. Alles schön gereimt, damit man auch ja nichts vergisst. Oder ein blaues Haus. Man muss genau sechzehn Mal um das Haus herumgehen, um alles gelesen zu haben – und hat das Haus anschließend für sich entdeckt und lieben und schätzen gelernt. Oder eine Leiter, deren Sprossen einen Text bilden:

„Erzähl doch bitte weiter,
und was passierte dann?“
„Dann fiel er von der Leiter
und kam nie unten an.“

Es sind einfache, verblüffende Gedankengänge, mit denen der Autor aufwartet. Das gilt für alle Texte Wittkamps. Sie kommen auf den ersten Blick unscheinbar, unschuldig daher. Und berühren doch Existentielles:

Du hast das Glück studiert.
Ich kann es nicht begreifen.
Du sagst, es sei kariert.
Mein Glück hat aber Streifen.

Oder:

Wir lösten das Problem
einstimmig und bequem,
indem wir alle fanden,
es wäre nicht vorhanden.

Wittkamp hat hunderte solcher Vierzeiler geschrieben. Sie fliegen ihm, wie er sagt, einfach zu. Und er fängt sie auf. Beim täglichen Waldspaziergang zum Beispiel:

In meinem Kopf ist einer, der spricht.
Der würde mich niemals fragen,
ob ich ihn hören will oder nicht.
Der hat immer etwas zu sagen.

Über alledem weht ein Hauch von naiver Kunst. Die ausgestellten Bilder, Objekte und Texte sind von geradezu irritierender Einfachheit. Das ist ihr Rätsel, ihr Geheimnis.

Und welcher Geistesblitz fliegt Frantz Wittkamp als Nächstes zu? Er lässt es einfach drauf ankommen. Der buchstabenverliebte Worterkunder nimmt es, wie es kommt. Mal sind seine Verse voll tiefschürfender (aber immer leicht und unprätentiös servierter) Weltweisheit, mal haben sie das Zeug zum Aphorismus, mal sind sie purer Nonsens mit Nähe zum Limrick. Der Schweizer Autor, Journalist und Übersetzer Nicola Bardola hat über diese Texte gesagt:

„Wittkamps Findlinge sind Eigen- und Fein-, Hinter- und Tief-, aber auch Froh- und Irr- und Unsinn auf engstem Raum. Kein Wort zu viel benötigt Wittkamp, um diese Sinnformen zum Klingen zu bringen. Er ist ein Meister der Konzentration auf das Wesentliche.“ Man lese und höre seine Texte auch deshalb so gern, weil sie überraschende Assoziationsräume öffneten. Das funktioniert schon bei den Allerkleinsten ab drei Jahren.

Wittkamps Vorbilder sind leicht auszumachen: Wilhelm Busch, Joachim Ringelnatz, Erich Kästner, Christian Morgenstern, Ernst Jandl, Robert Gernhardt … Aus westfälischen Breiten möchte man gern Peter Paul Althaus und Erwin Grosche hinzuzählen.

Frantz Wittkamp ist studierter Grafiker, Maler und Illustrator. Er wurde 1943 in Wittenberg geboren, lebt aber seit seiner Kindheit in Lüdinghausen. Den Lehrerberuf gab er bereits mit 27 Jahren auf, um sich ganz der Kunst zu widmen. Er hat nicht nur eigene Texte illustriert, sondern auch Bücher anderer Autorinnen und Autoren, u.a. von Joan Aiken, Paul Maar und Christine Nöstlinger. Wittkamp erhielt verschiedene Literaturpreise, u.a. den Großen Österreichischen Staatspreis für Kinderlyrik. Seine CD „Du bist da und ich bin hier“ wurde 2001 Hörbuch des Jahres. Sein Schriftenverzeichnis weist stolze 23 selbständige Titel auf. Zuletzt erschien sein „alphabetbuch“ mit 365 gereimten Geistesblitzen.

Walter Gödden

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