Autoren, Was läuft?

dicht!? – Dichter – Ruhrpoeten

Ruhrpoeten_Dichterabend1

„dicht!?“ – so lautete die Themenvorgabe für den 3. Ruhrgebiets-Literaturwettbe-
werb. Dementsprechend auch das Motto zum feierlichen Akt der Preisverleihung: Die Ruhrpoeten luden letzten Samstag zum „Dichter Abend“ in den Kinosaal im Dortmunder U. Ein kurzweiliger amüsanter Abend, den Till Beckmann (Spielkinder) und Rainer Holl (Literaturhaus Dortmund) gekonnt moderierten.

Schön ist er, der Kinosaal im Dortmunder U, gediegenes Rot, weiche Kinosessel, so konnte sich der geneigte Gast entspannt zurück lehnen und dem ungezwungenen Preisverleihungsgeplänkel auf der Bühne folgen. Und das, was geboten wurde, war eben auch mehr als die schnöde Übergabe von Blumensträußen und Urkunden. Im Mittelpunkt standen die Lesungen der ausgezeichneten vier Texte. Helge Fedder (Schauspieler, Autor und Sprecher) und Sabine Brandi (Moderatorin, WDR5) gaben gemeinsam mit den Autorinnen den jeweiligen Texten eine stimmlich szenische Dimension, eine ganz besondere Lesart. Sie wurden hier zu klanglichen Ereignissen. Nach der Laudatio wurde es zudem musikalisch. Ingmar Kurenbach spielte John Lennon, Johnny Cash und die Red Hot Chili Peppers, je nachdem, was sich die Preisträgerinnen gewünscht hatten.

182 Einsendungen gab es zur Ausschreibung des 3. Ruhrgebiets-Literaturwettberwerbs und die Auswahl der Preisträger „war nicht nur Qual“, versichert Jury-Mitglied Beate Scherzer (Buchhandlung Proust, Essen). Dass darunter sehr Hochkarätiges war, lässt die Entscheidung für zwei dritte Plätze erahnen, auch hier liegen die BeiträgerInnen – dem Motto entsprechend – dicht beieinander. Neben Frau Scherzer gehörten noch Nils Beckmann (Junges Ensemble Stuttgart), Rainer Holl und Andreas Rossmann (FAZ) zur Jury. Und sie waren sichtlich überzeugt von den Texten, denen sie an diesem Abend eine Ehrung zukommen ließen.

Ina Lammers belegt mit ihrer Erzählung 18 Quadratmeter den 3. Platz. Gezeigt werden zwei Männer, die in ganz unterschiedlichen persönlichen Krisen stecken. Jules der Kriegsflüchtling, der in Deutschland um dein Recht auf eine selbstbestimmte Existenz und Anerkennung kämpft und Martin, der, in die Garage verbannt, weil das zweite Kind kommt, um seinen Platz in der Familie und die Daseinsberechtigung seiner zerplatzten Musikerträume ringt. Rainer Holl dazu: „Ina Lammers gelingt es […] die Schicksale ihrer beiden Protagonisten leichtfüßig miteinander zu verweben“ und „beide Figuren, ihre Wünsche und Ängste plastisch werden zu lassen“.

Der zweite 3. Platz ging an Marie-Christin Fuchs mit Oh Boy. Der Fernfahrer Jonny nimmt wider besseren Wissens Flüchtlinge (Mutter und Kind) bei Venlo mit über die Grenze und wird von der Polizei angehalten. Diese Geschichte besticht vor allem durch ihre Perspektive, die mit, so wieder Rainer Holl, „cineastische[m] Blick“ „[e]in modernes Frontier Narrativ im Ruhrgebiet“ um den lonesome rider Jonny aufmacht, der in seiner „besondere[n] Art der Melancholie und des stilvollen Scheiterns“ gezeigt wird.

Brigitta Gronau erhält für Leere den 2. Platz. Gefangen in dem Zwang, alle Leere füllen zu müssen gerät die Welt der namenlosen Protagonistin aus dem Fugen, bis die Füllmaterialien komplett die Herrschaft zu übernehmen, sie unter sich zu begraben drohen und es am Ende Konfetti regnet. Beate Scherzer weist in ihrer Laudatio auf die Bitterkeit, Dringlichkeit und das Existentielle in dem Satz „Sie konnte die Leere nicht ertragen“ hin. Gleichzeitig konstatiert sie dem Text eine eigentümliche Komik (eine Seltenheit unter den eingesandten Bewerbungen), die sich vollends erst nach mehrfachem Lesen entfalte.

Platz 1 ging schließlich an Sarah Meyer-Dietrich mit ihrer „Prosa-Skizze“ Dicht an dicht. Die Ich-Erzählerin, auf dem Weg zur und von der Arbeit in der S-Bahn quer durchs Ruhgebiet, kämpft mit ihrer inneren und äußeren Bedrängnis: in ihr die immer noch überpräsente Mutter mit den Klebezettel-Befehlen und Dringlichkeiten, außen die Menschen, die ihr immer dichter auf den Leib rücken, ihr keinen Platz lassen. Die Erzählerin ist nicht fähig, sich abzugrenzen, sie löst sich auf im dem Tohuwabohu der dichten Menge, bis die Situation eskaliert. Andreas Rossmann (der leider am Abend nicht dabei war) in seiner Laudatio: „Wie die Grenzen zwischen den Städten draußen verschwimmt die Grenze zu der Frau in Pink auf dem Platz gegenüber, das Gesicht der Mutter wird eins mit dem Klebezettel, Außenwelt und Erinnerung werden ununterscheidbar.“ Es handelt sich um „lakonisch dichte[] Sprache, mit wachen Sinnen und synästhetischen Bildern“. „Das Thema ist nicht erledigt, und auch der Leser ist noch nicht fertig damit. Es zeichnet gute Literatur aus, dass sich nicht leicht mit ihr fertig werden lässt.“ Dichte, Enge, Unabgrenzbarkeit auf allen Ebenen des Textes.

Neben den vier Preisträgerinnen finden sich noch 11 weitere Beiträge in dem Sammelband dicht?! – Ausgewählte Texte aus dem 3. Ruhrgebiets-Literaturwettbewerb, der zum Abschluss feierlich dem Publikum präsentiert wurde. Ein schöner Abend, der das selbstgesteckte Ziel der Ruhrpoeten – „[u]nterhaltsame und im Boden verankerte Veranstaltungen [zu organisieren]“ und „Projekte, die die Literaturlandschaft im Ruhrgebiet bereichern und fördern“ – vollauf erfüllte.

Und nun erwarten wir mit Spannung die angekündigte Lesetour zum 3. Ruhrgebiets-Literaturwettberwerb.

Sylvia Kokot

Diskussion

Hinterlassen Sie einen Kommentar oder setzen Sie einen Trackback.

Kommentare abonnieren.

Bitte fair bleiben. Wir behalten uns vor, gegebenenfalls Kommentare zu löschen.

Sie können diese Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*Notwendige Angaben