Autoren, Bücher

Fröhliche Weihnachten

Weihnachtsbaum_Wikimedia_Malene Thyssen

Wir waren wieder mal umgezogen. Und zwar bewohnten wir jetzt eine sogenannte Dreizimmerwohnung, deren drittes Zimmer, das zwischen Küche und Schlafraum lag, kein Fenster hatte. Selbst, wenn man die Tür, die dieses Zimmer mit der Küche verband, oder die andere Tür zum Schlafzimmer, dessen einziges Fenster auf eine enge Gasse ging, öffnete, war es in diesem Raum dunkel wie in einem Sack. Aber wenn dieses Zimmer auch sonst keinerlei Vorzüge aufzuweisen hatte, einen Vorzug hatte es: Man konnte hier wunderbar mit der Laterna magica spielen, jenem optischen Spielzeug, das vor der Erfindung des Heimkinos bei allen heranwachsenden Knaben sehr beliebt war. Eine Leinwand brauchte man nicht, denn die Wände waren weiß gekalkt und, da sie feucht waren, weder durch Möbel verstellt noch durch Bilder verhängt. Das einzige, was mir fehlte, war die Laterna magica. Und die sollte ich zum nächsten Weihnachtsfest bekommen.

Im späten November war mein Bruder geboren worden. Ich sehe ihn noch zwischen Tisch und Ofen auf den zwei Stühlen liegen, die mit Kissen bedeckt, im Hause des Arbeiters das Kinderbett ersetzen, und höre, aber dann muß ich sehr genau hinhören, sein Geschrei. Mein Vater war damals nicht zu Hause. Er arbeitete wie meist auf Montage und schickte uns jede Woche soviel von seinem Lohn, daß wir auskommen konnten. In der Woche vor Weihnachten jedoch blieb das Geld aus. Mag sein, daß sich die Auszahlung verzögert hatte oder daß er den ganzen Lohn versoffen hatte und nun erst wieder ein paar Tage arbeiten mußte, ehe er sich neuen Vorschuß nehmen konnte, es änderte nichts an der Tatsache, daß wir kein Geld hatten.

Zudem war meine Mutter krank. Ich weiß nicht mehr genau, was ihr fehlte, aber sie war schon seit Tagen nicht aus dem Bett gekommen und das einzige, was sie zu tun vermochte, war, daß sie mich immer wieder darüber instruierte, was alles ich einzuholen hätte, wenn das Geld käme. Aber das Geld kam nicht. Als es auch am Tage vor Weihnachten nicht kam, rappelte meine Mutter sich auf und suchte ihre letzten Groschen zusammen. Dann ging sie fort. Vielleicht versuchte sie bei Bekannten etwas zu leihen, aber es gelang wohl nicht. Die Bekannten, die wir hatten, hatten selbst nichts. So wurde es Abend und wir hatten nichts als achtzig Pfennige. Mit denen gingen wir in ein Spielwarengeschäft und ließen uns den Preis von allerlei Spielzeug sagen. Aber da auch noch Geld für Brot übrig bleiben sollte, konnten wir uns nicht zum Kauf entschließen. Schließlich fand meine Mutter die Lösung. Auf dem Weihnachtsmarkt kaufte sie mir für 40 Pfg. einen Malkasten und für die andern 40 Pfennige kauften wir Kuchen. Wir gingen früh ins Bett. Es war zu kalt in der Wohnung, als daß man hätte lange aufbleiben können.

Am nächsten Morgen war meine Mutter kränker denn je. Ich war aufgestanden und saß allein in der Küche, während mein Bruder wieder mal schrie was seine Lunge hergeben wollte. Draußen auf der Straße trommelten die Kinder auf ihren Blechtrommeln, schnurrten die Federwerke ihrer Spielzeuge. Sah ich durchs Fenster, erblickte ich überall hinter den Gardinen geputzte Weihnachtsbäume. Blickte ich in die Küche, dann sah ich einen halbgeleerten Kohleneimer vor dem Herd stehen. Auf dem Tisch stand eine große Schüssel mit ungespültem Geschirr und daneben ein Spirituskocher, auf dem meine Mutter den Kaffee kochte und die Milch für meinen Bruder wärmte. Vom Schlafzimmer aus hörte ich die Mutter stöhnen.

Der Briefträger kam und brachte eine Karte, von wem, weiß ich nicht mehr: Fröhliche Weihnachten stand darauf. Ich versuchte, den Tannenzweig, der auf der Karte abgebildet war, nachzumalen, und vergaß meine Umgebung. Plötzlich kam meine Mutter in die Küche gestürzt und suchte nach einem Mantel, um das auf dem Treppenflur sich befindende Klosett aufzusuchen.

Sie muß wohl Dysenterie oder was ähnliches gehabt haben; denn ehe sie ihren Mantel fand, ging los, was sich nicht mehr halten ließ und die unaufgeräumte Küche war um eine Nuance des Elends reicher. Meine Mutter versuchte, was sie verunreinigt, wieder aufzuwischen, aber sie war zu schwach und so wurde aus ihrem Wischen nicht viel. Später schickte sie mich herunter zu den Leuten, die unter uns wohnten. Schmulowitz hießen sie. Es waren stille und freundliche Leute. Frau Schmulowitz kam sogleich herauf und kochte Tee für meine Mutter. Sie brachte auch Milch für meinen Bruder. Am Nachmittag war dann auch alles besser. Ich würgte den trockenen Kuchen herunter und spielte mit meinem Malkasten, bis es dunkel wurde.

Am nächsten Morgen sah es, wenn möglich, noch trostloser aus. Gegen zehn Uhr jedoch kam der Paketbriefträger und brachte ein großes Paket für mich. Darin waren die Spielsachen, die mein Vater für mich gekauft. Ein dickes Märchenbuch und die versprochene Laterna magica. Ich baute sie sofort in der fensterlosen Stube auf, aber als ich sie anzünden wollte, stellte sich heraus, daß kein Petroleum im Hause war. Zum Glück jedoch kam auch der Geldbriefträger an diesem Morgen und brachte meiner Mutter das ersehnte Geld. Sofort kleidete ich mich an, um es unter die Leute zu bringen. Aber, obwohl ich bei einem halben Dutzend Kolonialwarenhändler mein Glück versuchte, an diesem Tage wollte sich niemand die Finger mit Petroleum beschmutzen.

Schließlich kam ich auf die Idee. Ich holte mir die Flurlampe herein, die draußen hing. Wem sie gehörte, weiß ich nicht. Es wohnten sechs oder acht Familien auf unserm Flur und jede Woche mußte ein anderer die Flurbeleuchtung stellen. Ich versuchte, das Petroleum in das Lampengefäß meiner Laterna magica umzukippen. Das gelang auch, aber der größte Teil des Petroleums kam auf den Fußboden, wodurch es bestimmt nicht weihnachtlicher in der Küche wurde. Aber das machte mir nun gar nichts mehr aus. Ich zündete meine Laterne magica an und solange das Petroleum reichte, feierte ich Weihnachten.

Am nächsten Tage holte ich ein, was ich schon ein paar Tage vorher hätte einholen sollen und dann suchten wir in der Stadt einen übriggebliebenen Weihnachtsbaum, den wir für einen Groschen bekamen. Den schmückte meine Mutter mir am Nachmittag und da sie, als es ihr erst wieder besser ging, auch noch den obligatorischen Weihnachtsstuten backte, der gewöhnlich von Weihnachten bis Neujahr zu reichen hatte, diesmal aber bis in den halben Januar unsere Festtagsnahrung war, holten wir, was wir an den Feiertagen versäumt, gründlich nach. Nur, daß das Datum nicht mehr stimmte, aber dem halfen wir dadurch ab, daß wir den Kalender einige Tage lang nicht abrissen.

 

Aus: Erich Grisar: Kindheit im Kohlenpott. In: Ders.: Ausgewähle Werke. Hrsg. von Fiona Dummann, Walter Gödden, Kerstin Mertenskötter. Bielefeld: Aisthesis 2014, S. 331–333 (= Veröffentlichungen der Literaturkommission für Westfalen, Bd. 61; Reihe Texte, Bd. 29).

 

Diskussion

Hinterlassen Sie einen Kommentar oder setzen Sie einen Trackback.

Kommentare abonnieren.

Bitte fair bleiben. Wir behalten uns vor, gegebenenfalls Kommentare zu löschen.

Sie können diese Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*Notwendige Angaben